„Wir verstehen uns als IT-Dienstleister für Schulen“ (eine Stadtverwaltung macht's vor) - News4teachers
Anzeige STUTTGART. Rund 70.000 digitale Endgeräte, 149 Schulen und ein eigenes IT Competence Center: Die Landeshauptstadt Stuttgart gilt als eine der Kommunen, die die Digitalisierung ihrer Schulen seit vielen ...
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STUTTGART. Rund 70.000 digitale Endgeräte, 149 Schulen und ein eigenes IT Competence Center: Die Landeshauptstadt Stuttgart gilt als eine der Kommunen, die die Digitalisierung ihrer Schulen seit vielen Jahren strategisch vorantreibt. Dennis Richter, Leiter des IT Competence Center Schulen und Arbeitsgruppenleiter „Schule und Digitalisierung“ beim Städtetag Baden-Württemberg, erläutert im Interview, warum nachhaltige Schuldigitalisierung weit mehr bedeutet als die Anschaffung von Geräten, welche Rolle Medienentwicklungsplanung und IT-Service spielen – und weshalb Stuttgart seine Erfahrungen bewusst mit anderen Kommunen teilt.

News4teachers: Herr Richter, Stuttgart gilt als eine der Kommunen, die das Thema Schuldigitalisierung besonders systematisch angegangen sind. Welche Rolle spielt dabei das IT Competence Center Schulen?
Dennis Richter: Das IT Competence Center gibt es bereits seit 1998. Damals lag der Schwerpunkt auf der Ausstattung und Betreuung der EDV-Räume. Im Laufe der Jahre sind immer neue Aufgaben hinzugekommen – zunächst mobile Endgeräte, später WLAN und schließlich die flächendeckende Digitalisierung der Schulen.
Der eigentliche Entwicklungsschub kam jedoch mit dem DigitalPakt und der Corona-Zeit. 2022 wurde aus dem bisherigen Sachgebiet eine eigenständige Abteilung. Dadurch konnten wir unsere Aufgaben deutlich breiter aufstellen. Seitdem betrachten wir nicht mehr einzelne Räume oder Projekte, sondern die gesamte digitale Infrastruktur aller Schulen – von der Netzwerktechnik über Endgeräte bis hin zu Support und Medienentwicklungsplanung.
News4teachers: Welche Ziele verfolgt Stuttgart mit seiner Strategie zur Schuldigitalisierung?
Dennis Richter: Unser Ziel war nie, möglichst viele Geräte anzuschaffen. Digitalisierung bedeutet für uns, Schulen so auszustatten, dass Technik den Unterricht tatsächlich unterstützt. Deshalb betrachten wir Digitalisierung immer ausgehend vom pädagogischen Bedarf. Wir fragen zunächst: Was möchte die Schule erreichen? Welche Unterrichtsszenarien gibt es? Erst daraus leiten wir ab, welche Hardware, Software oder Infrastruktur sinnvoll ist.
Natürlich gibt es Basisausstattungen wie Server, WLAN oder Netzwerktechnik, die überall erforderlich sind. Sobald es aber um Unterrichtsräume oder spezielle Anwendungen geht, orientieren wir uns konsequent am tatsächlichen Bedarf.
News4teachers: Viele Kommunen haben während des DigitalPakts zunächst Geräte angeschafft und erst später über Konzepte nachgedacht. Stuttgart scheint den umgekehrten Weg gegangen zu sein.
Dennis Richter: Genau. Grundlage unserer Arbeit ist die Medienentwicklungsplanung. In Baden-Württemberg musste jede Schule einen Medienentwicklungsplan erstellen. Für Stuttgart haben wir daraus ein eigenes Verfahren entwickelt. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben diese Pläne gemeinsam mit den Schulen erarbeitet. Die Schulen bringen ihre pädagogischen Ziele ein, wir übersetzen diese anschließend in technische Anforderungen. Daraus entstehen konkrete Bedarfe für Infrastruktur, Geräte und Software.
Besonders wichtig ist dabei, dass die Medienentwicklungsplanung keine einmalige Aufgabe geblieben ist. Wir führen heute mit jeder Schule regelmäßig Entwicklungsgespräche. Dabei schauen wir gemeinsam: Was funktioniert? Wo gibt es neue Anforderungen? Welche Erfahrungen wurden gemacht? Auf dieser Grundlage entwickeln wir die Ausstattung kontinuierlich weiter.
News4teachers: Welche Vorteile hat dieser Ansatz?
Dennis Richter: Vor allem vermeiden wir Fehlanschaffungen. Geräte werden bei uns nicht nach einem festen Schlüssel verteilt. Wir statten Schulen dort aus, wo ein nachvollziehbares Einsatzszenario besteht. Gleichzeitig können wir Schulen auch Impulse geben. Wenn wir sehen, dass eine Schule bestimmte Lösungen erfolgreich einsetzt, bringen wir andere Schulen miteinander ins Gespräch. So entstehen Netzwerke und der Erfahrungsaustausch wird gefördert.
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News4teachers: Welche Rolle spielen dabei die Schulleitungen?
Dennis Richter: Eine sehr wichtige. Natürlich entwickelt jede Schule ihre pädagogisch-didaktisches Konzept eigenständig. Das ist nicht Aufgabe des Schulträgers. Aber wir können Prozesse begleiten und Impulse geben. Deshalb gibt es feste Ansprechpartner für die Schulen. Gleichzeitig führen wir regelmäßige Gespräche mit den geschäftsführenden Schulleitungen der verschiedenen Schularten. Dort nehmen wir Rückmeldungen, Kritik und neue Anforderungen auf. Unser Ziel ist, möglichst nah an den Schulen zu sein und ihre Bedürfnisse frühzeitig zu kennen.
News4teachers: Sie verstehen sich also nicht nur als IT-Abteilung?
Dennis Richter: Nein. Unser Anspruch ist ausdrücklich, IT-Service-Dienstleister für die Schulen zu sein. Mit der Gründung der Abteilung haben wir uns bewusst so positioniert. Das bedeutet, wir möchten Schulen nicht nur Technik bereitstellen, sondern sie auch bei der Einführung begleiten. Diese Haltung hat aus unserer Sicht viel Vertrauen geschaffen.
News4teachers: Dazu gehört offenbar auch der Austausch zwischen den Schulen.
Dennis Richter: Genau. Wir organisieren regelmäßig Netzwerktreffen – sowohl in Präsenz als auch digital. Dort tauschen sich Lehrkräfte beispielsweise über interaktive Displays, iPads oder inzwischen auch über Künstliche Intelligenz aus. Uns geht es nicht darum, Fortbildungen der Schulaufsicht zu ersetzen. Aber wir können Schulen zusammenbringen und Impulse geben. Gerade bei neuer Technik zeigt sich, dass eine reine technische Einweisung oft nicht ausreicht. Schulen profitieren sehr davon, wenn Kolleginnen und Kollegen ihre Erfahrungen miteinander teilen.
News4teachers: Stuttgart betreut inzwischen rund 149 Schulen und etwa 70.000 digitale Endgeräte. Wie organisiert man den laufenden Betrieb?
Dennis Richter: Das ist tatsächlich mindestens genauso anspruchsvoll wie die Einführung. Wir betreuen derzeit rund 70.000 Endgeräte, darunter etwa 34.400 Tablets, 16.300 Notebooks und rund 19.300 PCs. Hinzu kommen Präsentationstechnik, Server, Netzwerke und weitere Infrastruktur.

Den technischen Support organisieren wir über einen zentralen Service Desk. Rund 80 Prozent der operativen Leistungen übernehmen externe Dienstleister. Das hat sich bewährt, weil wir dadurch flexibel auf größere Rollouts oder umfangreiche Projekte reagieren können.
Gleichzeitig steuern wir den gesamten Support zentral und werten die Rückmeldungen systematisch aus. Dadurch erkennen wir frühzeitig, wo Verbesserungsbedarf besteht.
News4teachers: Trotzdem bleibt der Support an den Schulen vielerorts eine Herausforderung.
Dennis Richter: Das sehen wir ebenfalls. Lehrkräfte übernehmen häufig Aufgaben, die eigentlich kein pädagogischer Auftrag sind – etwa wenn Geräte nicht funktionieren oder kleine technische Probleme gelöst werden müssen.
Deshalb testen wir derzeit ein Pilotprojekt mit kommunalem IT-Personal direkt an Schulen. Ziel ist herauszufinden, wie sich der sogenannte Zero-Level-Support verbessern lässt. Ein flächendeckendes Modell wäre derzeit allerdings personell und finanziell kaum realisierbar. Deshalb suchen wir nach Lösungen, die sich mit den vorhandenen Strukturen umsetzen lassen.
News4teachers: Stuttgart investiert seit Jahren in den Ausbau der Infrastruktur. Welche Rolle spielen dabei ältere Schulgebäude?
Dennis Richter: Eine sehr große. Gerade im DigitalPakt haben wir viele Maßnahmen zur Netzwerktechnik, zum WLAN und zur Elektroinfrastruktur umgesetzt. Gleichzeitig mussten wir immer pragmatische Lösungen finden, weil Bestandsgebäude ganz unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen. Wichtig ist dabei, bauliche Maßnahmen möglichst ganzheitlich zu betrachten. Wenn beispielsweise ohnehin Arbeiten an einem Gebäude stattfinden, versuchen wir gleichzeitig auch Datennetze oder weitere IT-Infrastruktur mitzudenken. So entstehen Synergien.
Darüber hinaus haben wir Standards entwickelt, die wir bei größeren Baumaßnahmen konsequent mitdenken. Dazu gehören beispielsweise die WLAN-Infrastruktur oder auch die Ladeinfrastruktur für mobile Endgeräte. Bei inzwischen rund 35.000 Tablets im Einsatz müssen solche Themen von Anfang an berücksichtigt werden. Gerade in Bestandsgebäuden gelingt das nicht immer sofort, aber wir versuchen, Schritt für Schritt tragfähige Lösungen zu schaffen.
„Unsere Aufgabe besteht darin, die technischen Voraussetzungen zu schaffen und auf Basis des Erfahrungsaustauschs eine Nutzung der digitalen Endgeräte zu ermöglichen“
News4teachers: Künstliche Intelligenz verändert derzeit den Bildungsbereich sehr schnell. Welche Auswirkungen hat das auf einen Schulträger?
Dennis Richter: KI ist für uns inzwischen eines der zentralen Zukunftsthemen. Gemeinsam mit der Vector Stiftung haben wir deshalb das Projekt „KI@School“ gestartet. Mehrere Schulen entwickeln dort konkrete Einsatzszenarien und geben ihre Erfahrungen anschließend an andere Schulen weiter.
Eine besondere Rolle spielt dabei das Königin-Charlotte-Gymnasium als Masterschule des Projekts. Der Schulleiter ist mit seinen Erfahrungen inzwischen weit über Stuttgart hinaus gefragt und unterstützt Schulen dabei, Künstliche Intelligenz sinnvoll in die Schulentwicklung zu integrieren. Solche Pilotschulen sind für uns besonders wertvoll. Sie erproben neue Ansätze im Schulalltag und schaffen Erfahrungen, von denen später viele weitere Schulen profitieren können.

Als Schulträger sehen wir unsere Aufgabe nicht darin, Unterrichtskonzepte zu entwickeln. Dafür sind die Schulen und die Schulaufsicht verantwortlich. Unsere Aufgabe besteht darin, die technischen Voraussetzungen zu schaffen und auf Basis des Erfahrungsaustauschs eine Nutzung der digitalen Endgeräte zu ermöglichen. Deshalb schaffen wir Plattformen, auf denen Schulen ihre Erfahrungen austauschen können. Das reicht von Präsenzveranstaltungen bis hin zu digitalen Netzwerktreffen, an denen inzwischen mehrere hundert Lehrkräfte teilnehmen.
News4teachers: Welche technischen Anforderungen entstehen dadurch?
Dennis Richter: KI stellt höhere Anforderungen an die Infrastruktur. Wir benötigen leistungsfähige Netzwerke, stabiles WLAN und zunehmend auch leistungsfähigere Endgeräte. Gleichzeitig beobachten wir genau, welche Anforderungen tatsächlich dauerhaft notwendig sind.
Deshalb testen wir neue Entwicklungen zunächst gemeinsam mit Pilotschulen. Erst wenn sich ein Bedarf bestätigt, leiten wir daraus neue Standards für die gesamte Stadt ab.
Dabei müssen wir natürlich auch wirtschaftlich handeln. Nicht jede Schule benötigt sofort die leistungsstärkste Ausstattung. Deshalb prüfen wir sehr genau, welche technischen Anforderungen tatsächlich notwendig sind und wie sich diese sinnvoll in die bestehende Infrastruktur integrieren lassen.
News4teachers: Was wünschen Sie sich mit Blick auf die kommenden Jahre von Bund und Ländern?
Dennis Richter: Vor allem Planungssicherheit. Digitalisierung darf nicht davon abhängen, wie finanzstark eine Kommune ist. Deshalb brauchen wir dauerhaft verlässliche Finanzierungsmodelle. Gleichzeitig brauchen wir ein gemeinsames Zielbild von Bund, Ländern und Kommunen. Digitalisierung betrifft längst nicht mehr nur den Unterricht. Schule muss als Gesamtsystem betrachtet werden – mit Pädagogik, Verwaltung, Infrastruktur und künftig auch dem Ganztag.
Nur wenn diese Bereiche gemeinsam gedacht werden, kann Digitalisierung nachhaltig gelingen. Dazu gehört auch, dass Bund, Länder und Kommunen ihre jeweiligen Aufgaben klar definieren und eng zusammenarbeiten.
„Digitalisierung braucht klare Zuständigkeiten, feste Ansprechpartner, verlässliche Prozesse und einen kontinuierlichen Dialog mit den Schulen“
News4teachers: Sie engagieren sich außerdem im Städtetag und tauschen sich intensiv mit anderen Kommunen aus. Welche Bedeutung hat dieser Wissenstransfer?
Als Landeshauptstadt sehen wir uns in einer besonderen Verantwortung. Wir haben die Möglichkeit, neue Entwicklungen frühzeitig aufzugreifen, Konzepte zu erproben und Erfahrungen zu sammeln. Dieses Wissen möchten wir ausdrücklich mit anderen Kommunen teilen.
Deshalb engagieren wir uns im Städtetag, tauschen uns regelmäßig mit Kolleginnen und Kollegen aus und stellen Konzepte, Standards und Arbeitsergebnisse zur Verfügung. Gerade kleinere Kommunen verfügen häufig nicht über die personellen Ressourcen, bestimmte Entwicklungen selbst voranzutreiben. Wenn sie auf bereits entwickelte Lösungen zurückgreifen können, profitieren letztlich alle. Digitalisierung ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Niemand sollte gute Lösungen immer wieder neu entwickeln müssen.
News4teachers: Welche Erfahrung aus Stuttgart würden Sie anderen Kommunen mit auf den Weg geben?
Technik allein löst keine Probleme. Der entscheidende Erfolgsfaktor ist aus unserer Sicht eine funktionierende Organisation. Digitalisierung braucht klare Zuständigkeiten, feste Ansprechpartner, verlässliche Prozesse und einen kontinuierlichen Dialog mit den Schulen. Mindestens genauso wichtig ist es, Schulen als Partner zu verstehen. Digitalisierung gelingt nicht am grünen Tisch. Sie entsteht im Austausch mit Schulleitungen, Lehrkräften und den Menschen, die täglich mit der Technik arbeiten.
Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus den vergangenen Jahren: Digitalisierung ist kein Projekt, das irgendwann abgeschlossen ist. Sie ist eine dauerhafte kommunale Aufgabe. Wer sie nachhaltig gestalten will, muss Technik, Organisation und pädagogische Entwicklung gemeinsam denken. Dann kann Digitalisierung ihren eigentlichen Zweck erfüllen – gute Bildung zu unterstützen. News4teachers / Sonja Mankowski führte das Interview.
Hier geht es zu einem weiteren Interview aus unserer aktuellen Digitalpakt-Reihe:
Digitalisierung von Schulen: „Wir brauchen vor allem Stabilität und Verlässlichkeit“
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