Vor 80 Jahren: Tragödie im Trierer Busental: Als eine Kriegsminie drei Jungen tötete

Am 22. Juli 1946 finden drei französische Teenager einen länglichen Kasten. Zwei Trierer warnen sie noch. Doch Minuten später sind Jean, Pierre und Gérald tot, ihre Leichen verstümmelt.

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Vor 80 Jahren: Tragödie im Trierer Busental: Als eine Kriegsminie drei Jungen tötete

Vor 80 Jahren Tragödie im Trierer Busental: Als eine Kriegsminie drei Jungen tötete

Trier-West/Pallien · Am 22. Juli 1946 finden drei französische Teenager einen länglichen Kasten. Zwei Trierer warnen sie noch. Doch Minuten später sind Jean, Pierre und Gérald tot, ihre Leichen verstümmelt.

21.07.2026 , 06:45 Uhr

Vor dem 80. Jahrestag des tragischen Ungkücks: Albrecht Classen reinigt den Gedenkstein für die drei jungen Franzosen, die am 22. Juli 1946 bei der Explosion einer deutschen Panzermine im Busental ums Leben kamen.

Foto: Roland Morgen

Es ist ein unscheinbarer Wald- und Wiesenpfad, der unterhalb der Straße Auf der Jüngt hinunter ins Busental führt. Hier sind bei schönem Wetter Spaziergänger unterwegs, Wanderer sowieso. Würde nicht Albrecht Classen (73) den Gedenkstein, der etwa 15 Meter oberhalb des Sirzenicher Baches am Wegesrand steht, in regelmäßigen Abständen von Moos befreien und die zweisprachige Inschrift wieder sichtbar machen, dann würde niemand erfahren, welches Drama sich an dieser Stelle vor 80 Jahren ereignet hat.

Was damals genau geschehen ist, hat der Trier-Eurener Heimatforscher Adolf Welter (91) in aufwendiger Archivarbeit rekonstruiert und nach Gesprächen mit Zeitzeugen festgehalten. Der folgende Beitrag stützt sich auf Welters Forschungen.

Vergebliche Warnung

22. Juli 1946. An jenem Montag gehen der 18-jährige Trierer Hans Schmitt und sein Freund Heinz Lorig am späten Nachmittag von Sirzenich kommend Richtung Stadt. Beim Aufstieg vom Busental zur Jüngt treffen sie auf drei junge Franzosen, die mit einem länglichen Gegenstand hantieren. Schmitt und Lorig warnen die Jungs im Vorbeigehen. Es könnte sich um brisante Hinterlassenschaften aus dem Zweiten Weltkrieg handeln.

Fast an der Straße angekommen, hören die Trierer hinter sich eine schweres Explosionsgeräusch. Beide laufen zurück, können aber nicht mehr helfen. Im Umkreis von 15 Metern ist der Boden mit Kleidungs- und Körperfetzen übersät. Sie laufen wieder bergauf zu dem damals von französischen Offizieren und ihren Familien bewohnten Priesterseminar (heute Robert-Schuman-Haus) und melden das, was sie gesehen und gehört haben. Es wird Alarm ausgelöst. Aus der nahegelegen, ebenfalls von den Franzosen beschlagnahmten Villa Reverchon eilen ein Unterleutnant und ein Militärseelsorger zum Unglücksort, gefolgt von Angehörigen der auf dem Eurener Flugplatz stationierten Gendarmerie de l’Air.

22. Juli 1946: Minenexplosion töten junge Franzosen in Trier

Foto: TV

Die Leichen werden im Foyer der Villa Reverchon aufgebahrt. Die herbeigerufenen Väter müssen ihre verstümmelten Söhne identifizieren: Jean Probst (15), Pierre Moltaldo (15) und Gérald Espuna (16). Amtlicher Todeszeitpunkt: 17.30 Uhr.

Was war geschehen? Bei dem länglichen, kastenförmigen Fundgegenstand, mit dem die Jugendlichen hantierten, handelte es sich um Riegelmine. Deutsche Pioniere hatten sie Ende Februar 1945 im Busental verlegt, um heranrückende amerikanische Panzer zu zerstören. Zeitgleich waren die Napoleonbrücke und die Brücke über den Sirzenicher Bach gesprengt worden. Aufhalten ließen sich die US-Truppen nicht. Sie nahmen Trier am 2. März 1945 ein.

Eine Frau zündet eine Kerze am Gedenkstein im Trierer Busental an.

Eine Frau zündet eine Kerze am Gedenkstein im Trierer Busental an.

Foto: Roland Morgen

Da die mit 4,6 kg Amatol (Militärsprengstoff) gefüllte Mine normalerweise erst dann explodiert, wenn ein schweres Fahrzeug darüberfährt, dürften die Jugendlichen den Kasten gewaltsam geöffnet und somit die Detonation verursacht haben.

Die französischen Militärs sind gewarnt. Sie untersuchen bereits am 23. Juli das Gelände rund um den Unglücksort – und finden vier weitere Panzerminen, die sie an Ort und Stelle entschärfen.

Noch mehr brisante Hinterlassenschaften

Der zweimal wöchentlich in der Volksfreund-Druckerei Nikolaus Koch erscheinende Trierische Stadtanzeiger berichtet in seiner Ausgabe vom 24. Juli über das Unglück und die große Anteilnahme der Trierer Bevölkerung am schmerzlichen Verlust, den die französischen Familien erlitten haben. In dem Artikel wird außerdem vor brisanten Weltkriegshinterlassenschaften gewarnt.

Tatsächlich kommt es immer wieder zu schweren Unglücken. In seinem 1998 erschienenen (und längst vergriffenen) Buch „Trier 1939 – 1945. Neue Forschungsergebnisse zur Stadtgeschichte“ beschreibt Adolf Welter die Schicksale Dutzender Menschen, darunter viele Kinder, die in den ersten fünf Nachkriegsjahren in Trier und Umgebung durch explodierende Minen oder Granaten getötet wurden. So kamen vier Jungen aus Mertesdorf ums Leben, die am 28. Oktober 1945 auf dem Grüneberg Munition gefunden und damit gespielt hatten. Franz Billen, Manfred Saalberg und Edgar Schmitt waren sofort tot; der zehnjährige Alfred-Gerhard Hauprich starb acht Tage später im Trierer Marienkrankenhaus.

Den Gedenkstein im Busental haben die Eltern der drei französischen Opfer 1946 gestiftet. Anders als das Unglück war er lange Zeit in Vergessenheit geraten. 1991 wiederentdeckten die Wanderfreunde Trier-Zewen 77 das von Erdrutschen weitgehend verschüttete Denkmal und befreiten es von Erdmassen und Gestrüpp. Heute übernimmt Albrecht Classen, der zwei Kilometer entfernt wohnt, die Pflege: „Selbstverständlich und ehrenamtlich. Denn ich halte es für sehr wichtig, dass die Nachwelt davon erfährt, welches Drama sich hier einst abgespielt hat.“

Vorschlag: Mehr Info per QR-Code

Der 73-Jährige schlägt vor, über die zweisprachige Inschrift auf dem Gedenkstein hinaus genauer zu informieren. „Vielen Menschen sagt die Jahreszahl 1946 nichts mehr. Sie bringen sie nicht in Verbindung mit dem Zweiten Weltkrieg und der direkten Nachkriegszeit. Da wäre eine Zusatzinfo mittels QR-Code sehr hilfreich.“