Von Leve über Thälmann bis Tomić: Wie eine Straße in Sarajevo deutsche Geschichte erzählt

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubiete...

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Von Leve über Thälmann bis Tomić: Wie eine Straße in Sarajevo deutsche Geschichte erzählt

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


In der Rudolf-Rudo-Tomić-Straße in Sarajevo habe ich heute meine Wohnung. Die Straße befindet sich in der Flughafensiedlung am Stadtrand der bosnischen Hauptstadt, unweit des berühmten Flughafens Sarajevo. Für Außenstehende wirkt die Gegend unscheinbar. Doch kaum ein Ort erzählt die Geschichte Europas so eindringlich wie dieser.

Denn in der Flughafensiedlung befand sich während der Belagerung Sarajevos einer der Eingänge zum berühmten Sarajevo-Tunnel – jener unterirdischen Lebensader, durch die die eingeschlossene Stadt zwischen 1993 und 1995 überlebte. Durch diesen engen Tunnel wurden Lebensmittel, Medikamente, Waffen und Verwundete transportiert. Ohne ihn wäre Sarajevo vermutlich gefallen.

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Groß geworden bin ich allerdings nicht in Sarajevo, sondern in West-Berlin. Vielleicht ist genau das der Grund, warum mich diese Straße heute so beschäftigt. Lange Zeit wusste ich ehrlich gesagt kaum, wer Rudolf Rudo Tomić eigentlich war. Wie viele Straßennamen gehörte er einfach zum Alltag. Man läuft daran vorbei, ohne groß darüber nachzudenken.

Früher hieß diese Straße „Ernesta Telmana“ – benannt nach Ernst Thälmann. Für mich war das immer irgendwie normal. Jugoslawien und die DDR galten schließlich als sozialistische Bruderländer. In der DDR galt er als Symbolfigur des antifaschistischen Widerstands. Und gleichzeitig war die DDR für mich als West-Berliner Junge etwas völlig Alltägliches. Die Mauer, Grenzkontrollen, Geschichten über Fluchten und die Stasi gehörten zum Hintergrund meiner Kindheit. Die DDR war geografisch nah und mental doch weit entfernt.

Ich machte mir damals wenig Gedanken über die Symbolik solcher Straßennamen. Um ehrlich zu sein: Die großen Ikonen und Ideologen der DDR interessierten mich nie besonders. Für mich blieb die DDR letztlich ein Unrechtsstaat, der seine eigenen Menschen kontrollierte und bevormundete.

Die Straße in der Nähe des Flughafens von Sarajevo war ehemals nach Ernst Thälmann benannt.

Die Straße in der Nähe des Flughafens von Sarajevo war ehemals nach Ernst Thälmann benannt.

© Erdin Kadunic

Deutsche kämpften gegen Hitlerdeutschland

Doch dann stieß ich bei einer Recherche auf etwas, das meinen Blick veränderte. Ich las über die Partisaneneinheit „Thälmann“, benannt nach Ernst Thälmann. Sie war die einzige alliierte Kampfeinheit des Zweiten Weltkriegs, deren Mitglieder ausschließlich Deutsche waren. Die Einheit gehörte zur Partisanenarmee von Josip Broz Tito und wurde 1943 in Slawonien gegründet. Viele ihrer Mitglieder stammten aus den deutschen Dörfern des damaligen Jugoslawiens – aus Orten rund um Pakrac, Osijek, Slatina oder Orahovica. Andere waren Wehrmachtssoldaten, die desertierten und sich den Partisanen anschlossen.

Einer von ihnen war Klaus Leve. Leve war ursprünglich Soldat der Wehrmacht. Er kam 1941 nach Jugoslawien. Er erlebte die Besatzung, die Gewalt und die Verbrechen der Nazis aus nächster Nähe. Besonders erschütterte ihn das Massaker von Kragujevac, bei dem deutsche Einheiten Tausende serbische Zivilisten ermordeten. Später desertierte er und schloss sich den Partisanen an.

Doch Klaus Leve war kein Einzelfall. In den Reihen der sogenannten Telmanovci kämpften zahlreiche Deutsche gegen Hitlerdeutschland. Unter ihnen befanden sich Volksdeutsche aus Jugoslawien, kommunistische Antifaschisten, Wehrmachtsdeserteure und sogar Jugendliche. Historiker gehen davon aus, dass insgesamt mehr als 2000 Deutsche in den jugoslawischen Partisanenverbänden kämpften.

Zu den bekannten Namen gehörten etwa Wilhelm Jung aus Vukovar, der sich so seiner Einberufung zur SS entzog, oder der als „kleiner Karl“ bekannte Wehrmachtsüberläufer. Selbst Krankenschwestern wie Emilia und Irma Mayer gehörten zur Einheit. Kommandosprache war Deutsch. Ihr Emblem zeigte die schwarz-rot-goldene Fahne der Weimarer Republik mit einem roten Stern in der Mitte.

Die Einheit druckte Flugblätter auf Deutsch, um Wehrmachtssoldaten zum Überlaufen zu bewegen. Viele bezahlten ihren Widerstand mit dem Leben. Bereits Ende 1943 gerieten die Telmanovci in schwere Kämpfe mit deutschen Panzerverbänden. Ein Großteil der Einheit wurde dabei getötet. Die Überlebenden wurden später in andere Partisanenverbände integriert. Und trotzdem kennt in Deutschland heute kaum jemand ihre Geschichte.

Der Sarajevo-Tunnel war eine unterirdische Lebensader, durch die die eingeschlossene Stadt zwischen 1993 und 1995 überlebte. Durch ihn wurden Lebensmittel, Medikamente, Waffen und Verwundete transportiert.

Der Sarajevo-Tunnel war eine unterirdische Lebensader, durch die die eingeschlossene Stadt zwischen 1993 und 1995 überlebte. Durch ihn wurden Lebensmittel, Medikamente, Waffen und Verwundete transportiert.

© Samır Jordamovic/Imago

Was fehlt: Ein Denkmal für die deutschen Partisanen

Es gibt in Deutschland praktisch kein bekanntes nationales Denkmal, das explizit den deutschen Partisanen in Jugoslawien gewidmet ist. Keine große öffentliche Erinnerung, keine breite Debatte, kaum Schulunterricht. Während man sich zu Recht mit dem deutschen Widerstand vom 20. Juli oder der Weißen Rose beschäftigt, bleiben jene Deutschen fast vergessen, die mit Titos Partisanen in den Wäldern Jugoslawiens gegen Hitler kämpften.

Auch im Film wurde diese fast vergessene Geschichte einmal erzählt. 1990 produzierten Sutjeska Film aus Sarajevo und die Defa aus Potsdam gemeinsam den Spielfilm „Lass mich doch eine Taube sein“ – auf Bosnisch: „Volio bih da sam golub“. Es war ein Drama über eine deutsche Familie in Slawonien. Der Sohn kämpft bei der SS, die Tochter bei der Thälmann-Kompanie. Der Vater, ein Kaufmann, steht plötzlich zwischen beiden Welten. Er muss sich entscheiden: wegsehen oder Haltung zeigen.

Der Film erschien in einem historischen Zwischenmoment. Die DDR stand kurz vor ihrem Ende, Jugoslawien ebenfalls. Zwei Staaten, die den antifaschistischen Mythos lange gepflegt hatten, zerfielen wenig später selbst. Zurück blieb ein Film über eine deutsche Partisaneneinheit, deren Geschichte in Deutschland bis heute kaum bekannt ist.

Gerade auf dem Balkan wird oft vergessen, dass es auch Deutsche gab, die sich Hitler widersetzten. Die Geschichte wird häufig schwarz-weiß erzählt. Doch die Wirklichkeit war komplizierter.

Vom Journalisten zum Widerstandskämpfer

Auch Rudolf Rudo Tomić entschied sich Jahrzehnte später für Widerstand. Tomić war Journalist aus Sarajevo. Als Anfang der Neunzigerjahre der Krieg nach Bosnien und Herzegowina kam und Sarajevo belagert wurde, blieb er nicht Zuschauer. Er schloss sich der Armee von Bosnien und Herzegowina an und kämpfte bei der Verteidigung der Stadt. 1992 fiel er auf dem Hügel Zuc, einer der wichtigsten Verteidigungslinien Sarajevos.

Wenn ich heute durch diese Straße gehe, denke ich daran, wie unterschiedlich ihre Namen und ihre Zeiten waren – und wie ähnlich die Geschichten dahinter eigentlich sind. Die alte Straße „Ernesta Telmana“ erinnerte indirekt an Menschen wie Klaus Leve und die anderen deutschen Partisanen: Männer und Frauen, die sich gegen Hitler erhoben und dafür ihr Leben riskierten. Die heutige Rudolf-Rudo-Tomić-Straße erinnert an einen Mann, der sich Jahrzehnte später gegen Nationalismus, Hass und Belagerung stellte – und ebenfalls mit seinem Leben bezahlte. Und nur wenige Meter entfernt verlief jener Tunnel, durch den Sarajevo überlebte.

Diese kleine Straße am Flughafenrand verbindet damit gleich mehrere Kapitel europäischer Geschichte: den antifaschistischen Kampf im Zweiten Weltkrieg, die Teilung Deutschlands, die Belagerung Sarajevos und den Überlebenswillen einer eingeschlossenen Stadt. Zwei verschiedene Kriege. Zwei verschiedene Generationen. Und doch verbindet Klaus Leve und Rudo Tomić etwas Entscheidendes: Beide entschieden sich irgendwann, nicht auf der Seite der Unterdrücker zu stehen. Beide kämpften gegen Faschismus und Gewalt. Beide riskierten dafür alles. Vielleicht ist genau das die eigentliche Geschichte dieser Straße.

Erdin Kadunić ist Deutsch-Bosnier und Diplom-Politologe. Er studierte an der Freien Universität Berlin und lebte anschließend acht Jahre lang in Bosnien, wo er unter anderem als Pressereferent an der deutschen Botschaft in Sarajevo tätig war. Heute lebt er in Düsseldorf und arbeitet als Dolmetscher und Übersetzer für Bosnisch, Kroatisch und Serbisch.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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