Fabio De Masi: „Zwischen Jan Marsalek und mir gibt es einige Parallelen“
Fabio De Masi hat sich als parlamentarischer Aufklärer in Skandalen wie Panama Papers, Cum-ex und Wirecard einen Namen gemacht. Jetzt hat der BSW-Politiker ein Buch über seine Arbeit als "Finanzdetektiv" geschrieben.
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Fabio De Masi: „Zwischen Jan Marsalek und mir gibt es einige Parallelen“
Panama Papers, Cum-ex, Wirecard: BSW-Chef Fabio De Masi hat sich im EU-Parlament und Bundestag einen Namen als „Finanzdetektiv“ gemacht. Jetzt hat er ein Buch geschrieben.
Fabio De Masi im EU-Parlament Foto: Europäisches Parlament
WirtschaftsWoche: Herr De Masi, sind Sie ein Linker – oder waren Sie einer?
Fabio De Masi: Viele Menschen verstehen unter links nicht mehr das, was damit einmal gemeint war – nämlich den Einsatz für die arbeitenden Menschen, die kleinen Leute. Das vertrete ich immer noch. Aber viele Menschen verstehen heute unter links, dass ihnen vorgeschrieben wird, wie sie zu sprechen haben. Oder dass es keinerlei Steuerung bei der Migration gibt. Das ist eine Fehlentwicklung.
Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie sie als Kind eines Italieners und einer Deutschen unter schwierigen Bedingungen aufgewachsen sind. Was hat Sie in dieser Zeit geprägt?
Ich habe deutsche und italienische Wurzeln. Mein italienischer Vater war der erste in seiner Familie, der studieren konnte. Er hat in Deutschland als Lagerarbeiter im Supermarkt gearbeitet – und ist dann zurück nach Italien, weil er sich mehr in Deutschland erhofft hatte. Meine Mutter war alleinerziehend. Ich habe als Kind die Existenzängste meiner Mutter gespürt. Das hat mich geprägt.
Sie wurden nicht zum Abitur zugelassen, haben dann das Fachabitur gemacht, in Hamburg Wirtschaft studiert. War es Ihr Antrieb, den einfachen Verhältnissen zu entkommen?
Ich zog mit 17 von zu Hause aus und arbeitete neben der Schule. Früher hieß es immer: Linke verstehen nichts von Wirtschaft, die können nur das Geld von anderen Leuten verteilen. Das hat mich immer geärgert. Ich wollte Wirtschaft verstehen.
Zur Person
Fabio De Masi wurde 1980 in Groß-Gerau als Sohn eines italienischen Gewerkschafters und einer deutschen Sprachlehrerin geboren. Er studierte VWL in Hamburg. 2014 zog er für die Linkspartei ins Europäische Parlament ein, 2017 wechselte er in den Bundestag. 2022 trat er bei der Linken aus, 2024 schloss er sich dem Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) an, dessen Parteivorsitzender er heute ist. De Masi sitzt seit 2024 für das BSW im EU-Parlament.
Sie schreiben, dass die Angst vor dem Abstieg Sie bis ins Erwachsenenalter begleitet hat. Wie hat sich das geäußert?
In meine Erinnerung hat sich eine Szene eingebrannt: Meine Mutter lag in meinem Kinderbett und hat geweint, weil sie nicht wusste, ob sie die Rechnungen bezahlen kann. Das ist für ein Kind, das sich bei seiner Mutter sicher fühlen soll, eine extreme Erschütterung. Ich gehöre ja heute als Abgeordneter zu den Privilegierten – aber bis heute habe ich Angst, im Leben zu versagen.
Die Medien bezeichnen Sie als „Finanzdetektiv“. Wie sind Sie zu diesem Titel gekommen?
Finanzdetektiv – das war eigentlich gar nicht mein Projekt. Als ich 2014 für die Linke ins Europäische Parlament einzog, wollte ich mich mit der Euro-Krise beschäftigen. Dann aber kamen die Luxemburg Leaks auf – die Steuertricks internationaler Konzerne zutage förderten. Luxemburg hatte sich aggressiv um diese Konzerne bemüht, ihnen Zusicherungen fürs Steuersparen gegeben. Jean-Claude Juncker war in besagter Zeit Ministerpräsident von Luxemburg gewesen – mittlerweile aber Chef der EU-Kommission. Ich war der Nerd, der sich für diese Details interessiert hat. Damals begegnete mir auch zum ersten Mal eine berühmte Erinnerungslücke.

Das Buch von Fabio De Masi hat 336 Seiten und kostet 24 Euro. Foto: PR
Von wem?
Na, von Jean-Claude Juncker. Ich habe ihn vor laufender Kamera mit einem Dokument konfrontiert. Ich wusste, dass er es hat. Er hat behauptet, er hätte das Dokument nicht. Sein früherer Wirtschaftsminister hat noch am gleichen Tag gesagt, dass er Juncker das Dokument erst vor Kurzem gegeben hatte. Da stand im Raum, dass Juncker gelogen hatte.
Was ist dann passiert?
Er hat sich dann bei mir gemeldet, mir geschmeichelt, dass wir doch auf derselben Seite der Barrikaden stehen. Sich dann aber mit einer Erinnerungslücke herausgeredet. Die Sache hat für ein gewisses Aufsehen gesorgt, ich habe immer mehr Hinweise von Tippgebern bekommen. Und so wurde ich zum Mann für die Finanzskandale.
Bei den Panama Papers legte ein Datenleck der panamaischen Kanzlei Mossack Fonseca die Geldwäsche von Superreichen offen. Sie haben damals vor zehn Jahren selbst Lockvogel gespielt.
Ich habe von meinem Straßburger Büro aus in Panama angerufen und mich als deutscher Hochvermögender ausgegeben, der Steuern sparen wollte. Ich bin ziemlich arrogant und herrschsüchtig aufgetreten, weil ich mir einen alten Patriarchen so vorgestellt habe. Mossack Fonseca hat mir dann tatsächlich angeboten, mein Geld dort zu parken. Als ich noch nachfragte, ob meine Aktivitäten auch wirklich keine staatlichen Behörden erreichen, haben die nur gelacht. Ich bin dann in der Heute-Show gelandet und sollte erklären, wie man Briefkastenfirmen aufsetzt.
Und, wie geht das?
Ein Großteil der Geldwäsche wird heute über Kryptowährungen abgewickelt – auch um das US-amerikanisch dominierte Bankensystem zu umgehen.
Sie sind dann in den Bundestag gewechselt – und haben sich mit dem damaligen Kanzler Olaf Scholz einige Scharmützel geliefert. Wie haben Sie ihn wahrgenommen?
Er ist ein sehr kontrollierter Mensch mit trockenem Humor. Er ist allerdings mit einer großen Arroganz der Macht gesegnet.
Olaf Scholz, der als Kontrollfreak gilt, hat sich im Cum-ex-Skandal ebenfalls auf Erinnerungslücken berufen. Es ging um seine Treffen mit Bankern der Hamburger Warburg-Bank in seiner Zeit als Hamburger Bürgermeister, die verhindern wollten, dass der Hamburger Fiskus hohe Millionenbeträge zurückfordert.
Als Bürgermeister muss man Abstand zu solchen Bankern halten, man darf sich nicht in Steuersachen einmischen. Das hat die Glaubwürdigkeit von Politikern extrem beschädigt.

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Auch der Wirecard-Skandal fiel in die Zeit, in der Olaf Scholz Finanzminister war. 2020 ist Wirecard spektakulär abgestürzt. Gewinne aus einem angeblichen Geschäft mit Auslandspartnern waren nicht auffindbar. Seit 2022 läuft in München der Prozess gegen den langjährigen Konzernchef Markus Braun und zwei weitere Manager. Braun sagt, Wirecard sei hinter seinem Rücken von einer Bande um den flüchtigen Ex-Manager Jan Marsalek ausgeraubt worden. Glauben Sie ihm das?
Nein. Ich kann mir zwar vorstellen, dass er mit Jan Marsalek eine Arbeitsteilung hatte und die schmutzigen Details Marsalek überlassen hat. Dass er keine Kenntnisse davon hatte, halte ich nicht für glaubwürdig. Er hat noch kurz vor dem Zusammenbruch hohe Millionenkredite an eine dubiose Firma genehmigt. Er hatte Jan Marsalek Geld geliehen. Über Umwege ist das Geld aus diesem Kredit dann zu Braun zurückgeflossen. Braun hat sein eigenes Unternehmen geschädigt. Und: Er hat den Kapitalmarkt getäuscht.
Sie haben den Wirecard-Komplex als Bundestagsabgeordneter in den Jahren 2020 und 2021 untersucht. Was haben Sie damals im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss gelernt?
Ich habe das erste Mal verstanden, wer alles daran verdient, wenn wir eine Karte an ein Bezahlterminal halten. Über Deutschland habe ich auch einiges gelernt: Was sich im Fall Wirecard an Aufsichtsversagen abgespielt hat, war haarsträubend. Es war aber nicht nur pure Inkompetenz. Die Nähe des Unternehmens zu Nachrichtendiensten ist für mich ein Beleg dafür, warum Wirecard so lange durchkam mit seinen Machenschaften.
Was würden Sie Jan Marsalek fragen, wenn Sie ihn treffen würden?
Zwischen Jan Marsalek und mir gibt es einige Parallelen. Er ist ein Schulabbrecher, ich bin nicht zum Abitur zugelassen worden. Sein Großvater war Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg – meiner auch. Ich würde ihn erst mal erzählen lassen. Meine Hypothese ist: Wirecard war ein Schlachtfeld für konkurrierende Nachrichtendienste, die in Zahlungsströme rivalisierender Länder Einblick bekommen wollten. Dass unsere Sicherheitsbehörden ihn nicht kannten, kann ich nicht glauben. Dass er unbehelligt aus Deutschland ausreisen konnte, ist für mich ein Skandal.
Glauben Sie, dass das alles je aufgeklärt werden kann?
Das hängt stark davon ab, ob deutsche Behörden Jan Marsalek je sprechen wollen. Ich glaube schon, dass es irgendwann einen Zeitpunkt geben kann – sofern er dann noch lebt.

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Auf dem Höhepunkt Ihrer parlamentarischen Laufbahn haben Sie 2021 angekündigt, nicht erneut für den Bundestag zu kandidieren. Danach sind Sie aus der Linkspartei ausgetreten. Warum?
Ich hatte das Gefühl, dass ich eine Pause vom politischen Betrieb brauche. Und ich hatte mich von meiner Partei entfremdet. Ich hatte wahnsinnig viel Arbeit investiert – aber es hat sich nicht ausgezahlt, weil meine damalige Partei ein desolates Bild abgegeben hat. Ich wollte nicht gut versorgt im Bundestag sitzen – aber in Wahrheit nur Politik simulieren. Diese Entscheidung hatte ich eigentlich schon Anfang 2020 getroffen – aber dann kam der Wirecard-Skandal. Ich wollte die Aufklärung vorantreiben. Wirecard war ein Elfmeter für mich, da ich noch vor der Insolvenz vor Wirecard gewarnt hatte.
Was hat Sie an der Linken gestört?
Linke Parteien machen immer stärker in moralischer Überhöhung Identitätspolitik. Sie wollen einer Kassiererin erklären, welches Pronomen sie benutzen muss. Das ist eine Politik, die die Unterschiede verstärkt hat, anstatt gemeinsame Interessen zu betonen. Ich hatte das Gefühl, dass die Linke ökonomische und soziale Themen vernachlässigte. Deshalb bin ich jetzt in einer anderen Partei. Der Linkspartei habe ich aber viel zu verdanken. Sie hat mein politisches Leben geprägt.
Sie sind mittlerweile Parteichef beim Bündnis Sahra Wagenknecht. Zuletzt sorgte ein Brief von Ihnen an die AfD für Aufsehen. Darin haben Sie die Brandmauer als „undemokratisch“ bezeichnet und im Landtagswahlkampf in Sachsen-Anhalt gemeinsame Debatten von Alice Weidel und Sahra Wagenknecht vorgeschlagen.
Wir wollten die AfD in einem öffentlichen Duell stellen. Ich halte die Brandmauer für falsch, weil man eine 30-Prozent-Partei nicht dauerhaft von parlamentarischen Prozessen ausgrenzen kann. Irgendwann haben sie die absolute Mehrheit – was machen wir dann? Natürlich gibt es in der AfD Rechtsextremisten – und das lehne ich ab.
Warum ist das BSW bis heute keine bundesweite Größe?
Wir sind als junge Partei in Brandenburg und in Thüringen direkt in die Regierungen gegangen. Diese Regierungen wurden gebildet, um die AfD von der Macht fernzuhalten. Uns hat das als Partei geschadet, die AfD ist weiter gewachsen. Uns fehlte ein eingespielter Apparat, und wir haben auch Karrieristen angezogen. Wir werden in Sachsen-Anhalt in keine Regierung eintreten. Und wir werden weder einen Kandidaten von der CDU, noch einen von der AfD wählen. Wir schlagen einen unabhängigen Ministerpräsidenten vor, der mit wechselnden Mehrheiten regiert.
Nach Ihrem Weggang ist der Linken ein beachtliches Comeback gelungen. Haben Sie aufs falsche Pferd gesetzt?
Nein, ich bin ja nicht auf dem Transfermarkt in der Bundesliga. Ich vertrete meine Positionen aus Überzeugung – und konnte bestimmte Positionen der Linken nicht mehr mit Überzeugung vertreten. Selbst wenn ich scheitern würde, würde das nichts ändern. Wenn ich mit meiner Partei die Wähler nicht überzeuge, dann ist das so. Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom.

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