EZB vor Zinserhöhung – ist bei 2,5 Prozent wirklich Schluss?

EZB-Sitz in Frankfurt. Foto: Claudio Kummerfeld/Finanzmarktwelt.deEine weitere Zinserhöhung der EZB gilt als sicher – doch über den weiteren Kurs ist ein ungewöhnlich offener Streit entbrannt. Während die Märkt...

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EZB vor Zinserhöhung – ist bei 2,5 Prozent wirklich Schluss?
EZB-Zinsen steigen - aber wie häufig?
EZB-Sitz in Frankfurt. Foto: Claudio Kummerfeld/Finanzmarktwelt.de

Eine weitere Zinserhöhung der EZB gilt als sicher – doch über den weiteren Kurs ist ein ungewöhnlich offener Streit entbrannt. Während die Märkte nach dem September-Schritt mit weiter steigenden Zinsen rechnen, erwarten Ökonomen bereits das Ende des Zinserhöhungszyklus. Neue Aussagen führender Notenbanker zeigen jedoch, warum diese Wette längst nicht entschieden ist.

EZB-Zinserhöhung gilt als sicher

Für die Sitzung am 10. September gibt es kaum noch Zweifel. Laut dem ECB Watch Tool rechnen die Märkte mit einer Wahrscheinlichkeit von 100 Prozent damit, dass die Europäische Zentralbank den Einlagensatz um 25 Basispunkte auf 2,5 Prozent anhebt. Es wäre nach dem Zinsschritt im Juni die zweite Erhöhung innerhalb weniger Monate.

Entscheidend ist daher nicht mehr, was in der kommenden Woche passiert, sondern wie es danach weitergeht. Für die Dezember-Sitzung preisen die Märkte bereits mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 57 Prozent eine weitere Zinserhöhung auf 2,75 Prozent ein. Laut einem Bloomberg-Bericht rechnen Händler vom aktuellen Zinsniveau aus bis Mitte 2027 mit drei Zinsschritten – die Zinsen könnte damit auf rund 3,0 Prozent steigen.

Ökonomen halten dieses Szenario jedoch für überzogen. Die überwältigende Mehrheit der Teilnehmer einer Bloomberg-Umfrage erwartet zwar ebenfalls eine Anhebung auf 2,5 Prozent, anschließend soll der Einlagensatz aber bis Ende 2027 unverändert bleiben. Für sie wäre der September-Schritt damit die letzte Zinserhöhung dieses Jahres – möglicherweise sogar des gesamten Zyklus.

EZB-Zinsen: Ökonomen rechnen nur noch mit einer weiteren Zinserhöhung
Ökonomen erwarten nahezu einhellig nur noch eine EZB-Zinserhöhung

Ökonomen sehen den Zinsgipfel

Der Grund für die Zurückhaltung liegt vor allem in der Zusammensetzung der Inflation. Zwar stieg die Teuerungsrate im Euroraum im August von 2,9 auf 3,3 Prozent und erreichte damit den höchsten Stand seit fast drei Jahren. Verantwortlich dafür waren jedoch überwiegend die Energiepreise, die gegenüber dem Vorjahr um 14,3 Prozent zulegten.

Der zugrunde liegende Preisdruck hat sich dagegen nicht verschärft. Die Kerninflation ohne Energie und Lebensmittel sank von 2,5 auf 2,4 Prozent, während sich die Teuerung bei Dienstleistungen von 3,3 auf 3,0 Prozent abschwächte. Bislang gibt es zudem kaum Hinweise darauf, dass Unternehmen, Verbraucher oder Gewerkschaften dauerhaft höhere Inflationsraten erwarten.

Aus Sicht vieler Ökonomen kann die EZB deshalb über einen vorübergehenden Energiepreisschock hinwegsehen. Zudem wirken Zinserhöhungen mit Verzögerung auf Konjunktur, Kreditvergabe und Nachfrage. Mit 2,5 Prozent läge der Einlagensatz nach Einschätzung der meisten Befragten bereits etwas oberhalb des neutralen Niveaus und würde die Wirtschaft zunehmend bremsen.

Märkte wetten auf mehr

Die Finanzmärkte gewichten dagegen das Risiko, dass der Energieschock länger anhält. Der Brent-Ölpreis nähert sich erneut der Marke von 100 Dollar, die europäischen Gaspreise sind auf den höchsten Stand seit 2023 gestiegen. Sollte sich der Konflikt zwischen den USA und dem Iran um die Straße von Hormus weiter hinziehen, könnte aus einem vorübergehenden Preisschub ein breiteres Inflationsproblem werden.

Inflation: Iran bleibt größtes Risiko für den EZB-Ausblick
Iran bleibt größtes Risiko für den EZB-Ausblick

Auch innerhalb der EZB mehren sich Stimmen, die weitere Schritte nicht ausschließen. Bundesbank-Präsident Joachim Nagel hält die Markterwartung für September für nachvollziehbar. Die Inflation liege deutlich über dem Zwei-Prozent-Ziel und werde nach den bisherigen Projektionen nur unter der Annahme höherer Zinsen wieder dorthin zurückkehren.

Für die Zeit danach legt sich Nagel allerdings nicht fest. Angesichts schwankender Öl- und Gaspreise sowie volatiler Finanzmärkte müsse die EZB weiterhin von Sitzung zu Sitzung entscheiden. Zugleich warnt er vor Zweitrundeneffekten: Bleibt die Inflation länger erhöht, könnten Gewerkschaften bei den kommenden Tarifverhandlungen höhere Lohnforderungen stellen.

Falken halten Tür offen

Noch deutlicher äußerte sich Litauens Notenbankchef Gediminas Šimkus. Nach seiner Einschätzung dürfte die September-Erhöhung „nicht ausreichen“. Er verweist neben höheren Energie- und Agrarpreisen auf hartnäckigen Preisdruck bei Dienstleistungen und die überraschend robuste Wirtschaft im Euroraum.

Auch Bulgariens Notenbankchef Dimitar Radev betrachtet sowohl Oktober als auch Dezember als offene Sitzungen. Österreichs Notenbankchef Martin Kocher hält eine baldige Zinserhöhung ebenfalls für notwendig, sofern die neuen Projektionen den jüngsten Inflationsausblick bestätigen.

Damit verläuft die entscheidende Trennlinie zwischen einem vorübergehenden Energiepreisschock und einer drohenden Verfestigung der Inflation. Die EZB-Erhöhung im September ist nahezu abgehakt. Ob 2,5 Prozent tatsächlich den Zinsgipfel markieren, dürfte sich dagegen erst an Ölpreis, Löhnen und Inflationserwartungen entscheiden.

FMW/Bloomberg

Stefan Jäger

Über den RedakteurStefan Jäger

Finanzjournalist und Trader

Stefan Jäger berichtet als Finanzjournalist über das aktuelle Geschehen an den Aktien- und Edelmetallmärkten. Mit fundierter Fundamentalanalyse und präziser Technischer Analyse beleuchtet er zudem Chancen und Risiken verschiedenster Assets.

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