Lamine Yamal: Vom Teenager aus Mataró zum Weltmeister
Gigantische Feier in Madrid: Lamine Yamal verliert beim Siegestanz fast seine Hose.DRMDarum gehtsLamine Yamal (19) führt Spanien mit einem 1:0-Finalsieg gegen Argentinien zum WM-Titel 2026 im MetLife Stadium in...
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Darum gehts
- Lamine Yamal (19) führt Spanien mit einem 1:0-Finalsieg gegen Argentinien zum WM-Titel 2026 im MetLife Stadium in New Jersey.
- Damit wird er zum jüngsten Spieler der Geschichte, der sowohl Europa- als auch Weltmeister ist.
- Yamal wuchs in ärmlichen Verhältnissen in Mataró auf – seine Mutter war bei seiner Geburt erst 16 Jahre alt.
Eigentlich würde er am liebsten die Sau rauslassen – so, wie es Teenager eben tun, wenn sie etwas zu feiern haben. Lamine Yamal schreitet einen Tag nach dem Triumph im WM-Final gegen Argentinien über die grosse Bühne auf der Plaza de Cibeles im Herzen Madrids. Dort, wo die neuen Weltmeister in der spanischen Hauptstadt mit einer gigantischen Show empfangen werden.
Yamal wirkt beschwingt, aber auch leicht gehemmt. Er tänzelt artig zum Takt von Latino-Rapper Don Miguel und animiert die Fans nur zurückhaltend. Während seiner Einlage rutscht ihm beinahe die Hose herunter. Grund genug, sich lachend hinter seinen Teamkollegen zu verstecken. Er weiss: Es war nicht seine WM, sondern die einer geschlossenen Mannschaft. Trotz zahlreicher spektakulärer Dribblings gelang ihm während des Turniers nur ein Treffer.

Zu wenig, um den Erwartungen an das Wunderkind – und auch seinen eigenen Ansprüchen – gerecht zu werden. «Es gibt für mich nichts Grösseres, als die Leute zu begeistern», sagte Yamal im vergangenen November im Interview mit dem US-Sender CBS. «Es macht mich glücklich, wenn ich den Menschen eine Freude bereiten und sie von den Sitzen reissen kann.» Gelungen ist ihm das auch trotz einer bescheidenen Torquote.
Verletzung, Comeback und der Weg zum WM-Titel
Sechs Wochen vor der WM verletzte sich der 19-jährige Superstar des FC Barcelona nach einem verwandelten Penalty am Oberschenkel und musste um seine Teilnahme in den USA bangen.
Beim torlosen Auftakt gegen Kap Verde kam er lediglich als Joker zum Einsatz und konnte das blamable Unentschieden nicht verhindern. Bereits im zweiten Gruppenspiel stand er jedoch wie gewohnt in der Startelf und erzielte beim 4:0 gegen Saudi-Arabien den Führungstreffer.
Anders als England mit Harry Kane, Frankreich mit Kylian Mbappé oder Norwegen mit Erling Haaland richtete der spanische Trainer Luis de la Fuente sein Spielsystem nicht auf einen einzelnen Star aus. Er blieb seiner Philosophie des Kollektivs treu. Ganz im Gegensatz zu Finalgegner Argentinien, dessen Spiel fast vollständig auf den vielleicht grössten Fussballer aller Zeiten zugeschnitten war: Lionel Messi.
Das legendäre Foto mit Lionel Messi
In Barcelona gilt Yamal längst als designierter Nachfolger des mittlerweile 39-jährigen Messi. Der Argentinier debütierte mit 16 Jahren für Barça, Yamal war bei seiner Premiere sogar noch einige Monate jünger.
Ihre erste Begegnung war reiner Zufall – oder vielleicht Schicksal. Nur wenige Monate nach Lamines Geburt posierte Messi für den UNICEF-Kalender 2008 und setzte den Säugling behutsam in eine kleine Badewanne.

Weltweite Bekanntheit erlangte das Bild allerdings erst während der EM 2024. Yamals Vater veröffentlichte das Foto auf Instagram mit den Worten: «Der Beginn zweier Legenden.» Kurz zuvor hatte sein Sohn Spanien mit dem 2:1-Finalsieg gegen England zum Europameistertitel geführt.
Zwei Jahre später traf Yamal ausgerechnet im WM-Final erstmals als Gegenspieler auf sein grosses Idol – und wurde zum jüngsten Spieler der Geschichte, der sowohl Europa- als auch Weltmeister ist.

Der König übergibt dem Prinzen das Zepter
Zu den bewegendsten Szenen des Abends gehört die Szene nach dem 1:0-Finalsieg. Nach einem kurzen Gebet sucht Yamal die Nähe zu Messi – und findet sie. Innig umarmen sich Sieger und Verlierer. Der Gewinner des Generationenduells tröstet seinen fast 20 Jahre älteren Widersacher.
Der entthronte König gratuliert dem Prinzen und weist ihm mitten im MetLife Stadium den Weg zum WM-Pokal, den er vier Jahre zuvor selbst in den Himmel von Katar gestemmt hatte.

Mit der Trophäe in den Händen begegnet Yamal nach der Übergabe durch Fifa-Präsident Gianni Infantino und US-Präsident Donald Trump dem nächsten König.
Spaniens Monarch Felipe VI. nimmt das Wunderkind beinahe väterlich in den Arm. Die Geste erinnert fast an jenes berühmte UNICEF-Foto, als Messi den kleinen Lamine behutsam in der Badewanne hielt. Für den Sohn zweier Einwanderer wird dieser Augenblick zum Sinnbild einer aussergewöhnlichen Geschichte.

Vom Armenviertel auf den Fussball-Thron
Das Märchen beginnt weit entfernt vom Glamour des Weltfussballs. Mutter Sheila Ebana stammt aus Äquatorialguinea und ist erst knapp 16 Jahre alt, als sie Lamine unter schwierigen Umständen zur Welt bringt.
Vater Mounir Nasraoui kommt aus Marokko und arbeitet auf Baustellen. Die Familie lebt im Quartier Rocafonda in Mataró, einem einfachen Vorort nordöstlich von Barcelona.

Für eine Wohnung in der Grossstadt reicht das Geld nicht. Selbst die Miete im bescheidenen Küstenort wird zeitweise zur Belastung. Zwei Freunde helfen der jungen Familie finanziell aus. Aus Dankbarkeit geben die Eltern ihrem Sohn deren Vornamen: Lamine und Yamal.
Die Familie zerbricht jedoch früh. Noch bevor Lamine eingeschult wird, trennen sich die Eltern. Seine Mutter arbeitet als Kellnerin und kümmert sich um den Alltag. Sein Vater erkennt früh das aussergewöhnliche Talent seines Sohnes und begleitet ihn auf dem Weg zum Weltstar.

Noch heute jubelt Yamal nach Toren mit der Handbewegung «304» – den letzten drei Ziffern der Postleitzahl seines Viertels. «Meine Heimat werde ich nie vergessen und immer ehren», sagt er.
Zwischen Superstar und normalem Teenager
Der kometenhafte Aufstieg katapultiert ihn in eine völlig neue Welt. «Obwohl ich noch ein Teenager bin, kann ich kein normales Leben mehr führen», sagt Yamal.
«Wenn ich morgens aus dem Haus gehe, warten Paparazzi vor der Tür. Im Fernsehen sehe ich mich ständig selbst. Auf der Strasse tragen Kinder mein Trikot. Und wenn ich abends etwas trinken gehe, wollen alle ein Selfie.»
Sein Umfeld versuche, ihn zu bremsen. Trotzdem sagt er offen: «Ich habe nichts dagegen, ein Star zu sein – ich liebe es.»
Ruhm, Rekorde und erste Stolpersteine
Mit dem Ruhm kommen auch Geld, Luxus und Versuchungen. Yamal liebt rasante Autos und schnelle Flirts in der Frauenwelt. Seine aktuelle Freundin ist Inés García, den EM-Titel vor zwei Jahren feierte er noch mit Alex Padilla. Gleichzeitig betont er immer wieder, wer ihn auf dem Boden hält: «Ich höre eigentlich nur auf meine Mama.»
Schon als Kind sagte er zu ihr: «Wenn ihr darauf setzt, dass ich einmal einen normalen Job bekomme, haben wir ein Problem. Aber wenn ich Fussballer werde, musst du dir nie wieder Sorgen machen.»
Mit sieben Jahren wechselte er in Barcelonas Nachwuchsakademie La Masia. Bereits mit 15 trainierte er bei den Profis. «Er kann Spiele schon als Teenager im Alleingang entscheiden», schwärmte Xavi Hernández.

Auch sein heutiger Trainer spricht von «einem Geschenk für den Fussball». Thierry Henry lobt sein Spielverständnis, Gary Lineker nennt ihn ein «Generationen-Talent». Dennoch warnen viele Experten davor, ihn vorschnell mit Messi gleichzusetzen.
Yamal selbst hat eine einfache Erklärung dafür, warum ihn der Druck kaum belastet: «Meine Mutter bekam mich mit 16 Jahren – das ist Druck. Mein Vater musste Essen von der Strasse auflesen, um die Familie zu ernähren – das ist Druck. Alles, was ich tun muss, ist Fussball zu spielen.»
Doch der frühe Ruhm brachte auch negative Schlagzeilen. So geriet eine Geburtstagsfeier in die Kritik, nachdem verschiedene Medien über den Einsatz kleinwüchsiger Künstler berichtet hatten. Der Vorfall beschäftigte später sogar die spanische Justiz. Einer der beteiligten Künstler verteidigte den Anlass allerdings anonym gegenüber RAC1: «Niemand hat uns respektlos behandelt. Wir konnten in Ruhe arbeiten.»
Am Ende bleibt er doch einfach ein Kind
Vielleicht schützt sich Yamal deshalb heute bewusst vor dem ständigen Trubel. Er verbringt viel Zeit an der Spielkonsole und kümmert sich liebevoll um seinen kleinen Bruder. Nach dem WM-Final holte er den Dreijährigen von der Tribüne auf den Rasen und schloss ihn mit einem breiten Lächeln in die Arme.
In diesem Moment der Unsterblichkeit wirkte der Weltmeister mit seiner Zahnspange selbst wieder wie ein Kind. Oder wie ein Teenager, der nach dem grössten Triumph seiner Karriere eigentlich nur eines wollte: endlich die Sau rauslassen.

Wie beurteilst du den frühen Ruhm für junge Sportstars wie Lamine Yamal?
Das ist eine riesige Chance, die man nutzen muss.
Es ist extrem schwierig, damit umzugehen – da braucht es viel Unterstützung.
Wenn das Talent da ist, gehört der Ruhm einfach dazu.
Ich mache mir Sorgen um den Druck, der auf ihnen lastet.
Solche Geschichten gibt es immer wieder, das ist nichts Neues.
Ich interessiere mich nicht für Fussballstars.

Sebastian Rieder (sri), arbeitet seit 2024 für 20 Minuten als Stv. Leiter Sport. Der Generalist hat stets die besten Schweizer Fussballer im Fokus und begleitet die Nati als Reporter und Videojournalist.