Eltern aller Lebenswelten: Vereinigt euch!
Nichts gegen intensiv gepflegte Hobbys, das Problem ist das elterliche Wetteifern. ©Britta Pedersen/dpa Asche auf mein Haupt, ich habe es schon...
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Nichts gegen intensiv gepflegte Hobbys, das Problem ist das elterliche Wetteifern.
©Britta Pedersen/dpaAsche auf mein Haupt, ich habe es schon wieder getan. Entnervt die Augen verdreht. Meiner Mutterfreundin vielsagende Blicke zugeworfen. Fassungslos den Kopf geschüttelt angesichts vermeintlich überflüssiger Fragen und Statements. Mal beim Elternabend, mal im Klassenchat der Eltern-WhatsApp-Gruppe. Und ja, ich gestehe auch: Ich habe schon Tränen gelacht über die kabarettistische Imitation verschiedener Elterntypen, von der Helikopter-Mami über den veganen Öko-Ideologen bis hin zur perfekten Business-Mom, die selbst noch die Pausenbrotgestaltung per Excel-Tabelle organisiert. Schließlich steckt in derartigen satirischen Überspitzungen wie so oft ein ordentliches Stück Wahrheit und was, wenn nicht Lachen, hilft, wenn man selbst mehr oder weniger verzweifelt rotiert im rasanten Elterndasein und beim Jonglieren mit den verschiedenen Bällen des Alltags ständig einer hinten runterpurzelt.
Und doch gibt es da etwas, das mir an solcher Satire nicht behagt und das mir auch jenseits der Bühnen als Mutter regelmäßig begegnet. Etwas, das ein ungutes Gefühl in der Magengegend hinterlässt, gepaart mit Minderwertigkeitsgefühlen und dem Ringen um nervliche Stabilität.
Während unser 16-Jähriger längst sein Ding macht, sich mit Freunden verabredet und ich die Eltern seiner Schulkollegen, wenn überhaupt, nur vom Zuwinken aus dem Auto oder vom kurzen „Hallo“ beim Tanzball kenne, stehen Begegnungen mit anderen Erziehungsberechtigten bei unserem Jüngsten regelmäßig auf der Tagesordnung. Da ist der Elternabend zu Beginn des Schuljahres oder der Smalltalk beim Sommerfest hinter Grillstand und Salatbüfett. Da sind der Klassenchat in der WhatsApp-Gruppe oder die zahlreichen Abholaktionen bei den Treffen der Grundschulkinder.
Vordergründig geht es bei all diesen Begegnungen meist um ganz banale Dinge: um den Lehrplan fürs neue Schuljahr, den Röstgrad der Würstchen, das passende Abschiedsgeschenk für die Lehrerin oder um die Abstimmung über den Nachmittagssnack. Dahinter aber blitzt regelmäßig etwas auf, das weit über diese profanen Fragen hinausgeht.
Wir und die anderen
„Wirklich, Leon tut sich schwer in Mathe? Also, unsere Sandra rechnet ja schon im Hunderterraum.“
„Wir finden ja, jedes Kind sollte ein Musikinstrument lernen. Antonia spielt Klavier, seit sie fünf ist.“
„Können Sie uns sagen, welche Bücher man besorgen soll, wenn man vorlernen möchte? Theo langweilt sich ansonsten im Unterricht. Sagt bloß, bei euren Kindern ist das nicht so?“
„Das tut mir leid, dass Luis so instabil ist und so viele Wutanfälle hat. Unser Anton ist da wohl schon reifer.“
„Komisch, dass Ute keine Lust hat, ins Ballett zu gehen. Sophia macht das so viel Spaß, sie ist schon in der zweiten Leistungsgruppe.“
So schallt und hallt es mitunter aus Elternmündern durch Schulflure und Aulen. Noch bissiger und direkter fallen die Vergleiche und die Abwertungen im Privaten aus. Dann mokieren sich Mütter mit Montessori-Sehnsucht über die leistungsorientierte Karrierefrau, die morgens im Kostüm vorfährt und ihren ebenfalls bestens gekleideten Sohn aus dem SUV steigen lässt. Dann lästern Fußballväter über verweichlichte Ökokinder, liefern sich Akademikereltern einen Wettstreit darüber, welches Kind die meisten pädagogisch wertvollen Freizeitaktivitäten absolviert. Und mitunter sind sich auch die Großeltern nicht zu schade, ins Oma-Ranking einzutreten – Schichtsalat und aufwendig verzierte Kuchen fürs Schulfest inklusive.
Dieser Urreflex, die eigene Familie zu überhöhen und andere abzuwerten, ist das Gegenteil von Solidarität, Verständnis, Offenheit, Unterstützung und Wohlwollen – also von all dem, was wir Eltern so dringend bräuchten, um den Alltag zu stemmen und mit mehr Energie und Freude durchs Leben zu gehen.
Nichts gegen anspruchsvolle Kuchen, intensiv gepflegte Hobbys und schicke Kleidung. Das Problem ist das elterliche Wetteifern, das ständige Vergleichen und vor allem die Spaltung in „wir“ und „die anderen“. Dieser Urreflex, die eigene Familie zu überhöhen und andere abzuwerten, ist das Gegenteil von Solidarität, Verständnis, Offenheit, Unterstützung und Wohlwollen – also von all dem, was wir Eltern so dringend bräuchten, um den Alltag zu stemmen und mit mehr Energie und Freude durchs Leben zu gehen. Denn in Wahrheit kämpfen wir doch alle auf unsere ganz individuelle Weise mit den Herausforderungen und Überforderungen des schulischen wie familiären Alltags: angefangen bei der ewigen Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf über den wachsenden Leistungsdruck auf unsere Kinder bis hin zur teilweise mangelhaften Kommunikation zwischen Schule und Elternhaus.
Familien sind verschieden – und Kinder sind es auch
Was könnte dagegen für mehr Solidarität, Verständnis und Offenheit unter uns Eltern sorgen? Zunächst lohnt es sich, sich zwei recht banale Erkenntnisse in Erinnerung zu rufen. Die erste: Familien sind verschieden und die Außenwirkung hat oft wenig mit der Wirklichkeit zu tun.
In der wohlsituierten Ärztefamilie übernehmen Putzfrau und Nanny den Haushalt und die Mutter führt ein freies Leben? Der Vater und Ehemann aber ist ständig auf Dienstreise und auch emotional kaum präsent.
Dort unterstützt die liebevolle Oma im Nachbarhaus bei Mittagessen und Hausaufgaben? Mag sein. Als Schwiegermutter aber strapaziert sie jeden Nerv.
Dort ist der freiberufliche Papa stets für seine Kinder da und rockt mit Hingabe den kreativen Kindergeburtstag? Stimmt. Nachts bangt er jedoch um seine Aufträge und die Finanzierung der nächsten Klassenfahrt.
Dort ist die Mutter als Hausfrau ständig daheim und bereitet die perfekte Pausenbrotzeit vor, während man selbst mal wieder beim Bäcker landet? Auch das stimmt. Aber jeden Morgen hadert sie mit ihrer Arbeitslosigkeit und fühlt sich wertlos.
Man könnte diese Liste ewig fortführen. Die Quintessenz ist ebenso schlicht wie banal: Wirklich perfekt ist es in den wenigsten Familien. Jeder hat sein Päckchen zu tragen, wie es so schön heißt – als Eltern ganz besonders und nicht selten sind es gleich mehrere Pakete auf einmal.
Und dann ist da noch die zweite Erkenntnis: Auch Kinder sind verschieden. Was einem als Mutter oder Vater spätestens beim zweiten oder dritten Kind, beim Neffen oder der Nichte vor Augen geführt wird, gilt natürlich auch für die Klassenkameradinnen und -kameraden der eigenen Kinder. Das bedeutet für die Praxis: Was bei dem einen Kind reibungslos funktioniert, kann beim nächsten womöglich krachend scheitern. Die Strategie, die sich bei dem einen Kind bewährt hat, stößt beim anderen womöglich auf keinerlei Resonanz.
Das heißt auch: Nur weil der eigene Sohn spielend durch die Schule kommt und keine Probleme mit der Lehrerin hat, lassen sich daraus keine allgemeingültigen Aussagen über deren pädagogische Kompetenz ableiten. Und nur weil die eigene Tochter Freude am Ballettunterricht hat, heißt das nicht, dass dieser auch für ihre hochsensible Freundin die richtige Nachmittagsbeschäftigung ist.
Masken fallen lassen und ehrlich sein
Was meiner Erfahrung nach außerdem zu mehr Solidarität verhilft: die Masken fallen lassen und ehrlicher in den Gesprächen mit anderen Eltern sein. Denn kaum etwas ist beruhigender und verbindender, als wenn wir einander eingestehen, welche Hausaufgabenkämpfe sich hinter Haustüren abspielen. Dass auch im vermeintlichen Idyll manchmal die Türen knallen und die Stifte durch die Luft fliegen. Und dass sowohl die Business-Mom als auch die Ökomutter, sowohl der coole Fußballpapa als auch der kreative Freiberufler am Ende eines langen Tages manchmal nur noch erschöpft sind – und es mit der pädagogischen Gewandtheit und der brillanten Familienorganisation dann auch nicht mehr weit her ist.
„Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen.“ So lautet ein bekanntes Sprichwort. Mittlerweile bin ich mir sicher: Es braucht auch ein ganzes Dorf, um uns Eltern auf unserem oft sehr herausfordernden Weg zu unterstützen. Am besten versuchen wir, einander dieses Dorf zu sein.
Zur Person
Dorothea Walchshäusl, Jahrgang 1985, ist Mutter von zwei Söhnen (8 und 16) und lebt in Passau. Von dort aus arbeitet sie als freie Journalistin zu Kultur- und Gesellschaftsthemen für verschiedene Magazine und Tageszeitungen. Das journalistische Handwerk hat sie im Rahmen eines dreijährigen Stipendiums am Institut für publizistische Ausbildung e.V. erlernt, ihr Promotionsstudium in Politikwissenschaft hat sie an der Universität Salzburg abgeschlossen.