Die Evolution des Singens: Akustisches Gruppenkuscheln oder Trick zur Verteidigung?
Es gibt Situationen im Leben von Eltern, da tun sie alles, um das Kind vom Schreien ab- und bei Laune zu halten. Sogar Singen, etwa beim Autofahren. „Der Frosch zog Hemd und Hose an“, trällerte der Erbonkel als...
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Es gibt Situationen im Leben von Eltern, da tun sie alles, um das Kind vom Schreien ab- und bei Laune zu halten. Sogar Singen, etwa beim Autofahren. „Der Frosch zog Hemd und Hose an“, trällerte der Erbonkel also – ein heiß geliebter Klassiker des Kinderliedermachers Fredrik Vahle. Wer das Lied kennt, weiß, wie es weitergeht. Dass auch meine Tochter, obwohl erst ein paar Monate alt, es schon wusste, war dem autofahrenden Vater allerdings nicht klar. Als von der Rückbank, passend im Rhythmus, ein kräftiges „Aa-ha, aa-ha!“ durch den Schnuller tönte, wäre der Erbonkel vor Überraschung fast gegen einen Baum gefahren.
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Die Fähigkeiten zum Singen und Musizieren und das Gefühl für Rhythmus sind beim Menschen tief verwurzelt. Aber warum? Welcher Überlebensvorteil war oder ist damit verbunden? Sogar Charles Darwin, der Schöpfer der Evolutionstheorie, zerbrach sich darüber den Kopf, konnte aber „nicht den geringsten Nutzen für die Freude des Menschen an der Musik“ feststellen. Allerdings bezeichnete er sich selbst auch als „völlig unmusikalisch“.
Der Musikwissenschaftler Joseph Jordania hingegen sieht gleich „drei konkrete Funktionen der menschlichen Musikalität“, die Homo sapiens einst halfen: die Verteidigung gegen Raubtiere, die Beschaffung von Nahrung und die Vorbereitung auf den Krieg. Seinen langjährigen Überlegungen zufolge seien rhythmische Lautäußerungen, koordiniertes Singen und gemeinsam erzeugte Klänge Verhaltensweisen, die entstanden, um den Gruppenzusammenhalt und das kollektive Handeln der Menschengruppen zu stärken.
Lautes Singen oder Trommeln könnten geholfen haben, Raubtiere zu verwirren, einzuschüchtern und zu vertreiben, etwa um an Aas heranzukommen. Und dass synchrone Gesänge und rhythmische Bewegungen vor einem Kampf das Gruppengefühl stärken und Ängste abbauen können, ist psycho- und neurologisch nachgewiesen und wird auch heute noch militärisch genutzt, siehe Marschmusik und Stechschritt. Solche „audiovisuellen Einschüchterungsvorführungen“ seien noch heute bei ursprünglichen Jäger-Sammler-Gesellschaften zu beobachten, so Jordania, etwa der „Haka“ der neuseeländischen Maori.
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Klingt alles plausibel, lässt sich nur leider nicht belegen. Wie auch: Ein alter Homo-sapiens-Schädel mit einer fossilen Mundharmonika zwischen den Zähnen ist schwerlich zu erwarten.
Bleibt der Blick auf die nächsten Verwandten des Menschen. Schimpansen rufen zwar (siehe Bild), doch anders als baumlebende Primaten singen sie nicht. Denn Singen ist gefährlich, wenn man nicht in Bäumen lebt oder nicht fliegen kann. Von allen etwa 4000 singenden Arten – etwa Vögel, Gibbons, Delfinen – ist der Mensch die einzige am Boden lebende Spezies.
Wohl aber nutzen auch Schimpansen ihre Stimme, um sich zu warnen und kreischen beim Kampf gegen fremde Schimpansengruppen. Haben Menschen dieses aposematische (abwehrende) Verhalten perfektioniert und daraus später den Faible fürs Singen entwickelt? Vielleicht.
Denn ebenso plausibel sind Theorien, wonach wohlklingende Sängerinnen und Sänger besonders attraktiv wirkten und sich die Gesänge daher über die Jahrtausende perfektionierten. Anderen Überlegungen zufolge fungierten gemeinsames Singen und rhythmisches Musizieren eher als akustisches Gruppenkuscheln. Dafür spricht, dass beim Singen nicht nur die Konzentrationen von Glückshormonen wie Serotonin und Endorphinen ansteigen, sondern auch des Kuschelhormons Oxytocin, das soziale Bindungen stärkt.
Was auch immer der Ursprung des Singens gewesen sein mag: Es tut Homo sapiens gut, ab und an den Homo cantans rauszulassen: „Aa-ha!“, hätte meine Tochter zugestimmt.
Der „Erbonkel“ – Geschichten rund um Gene, jedes Wochenende.