Wieso gibt es unterschiedliche Zahlen zu Gefährdern?
Die Behörden wussten, dass Abdul Ballout gefährlich war. Die Polizei stufte den Mann, der am Wochenende die Feier zum Christopher Street Day in Berlin angriff, als Gefährder ein – so wie bundesweit mehr als 400...
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Die Behörden wussten, dass Abdul Ballout gefährlich war. Die Polizei stufte den Mann, der am Wochenende die Feier zum Christopher Street Day in Berlin angriff, als Gefährder ein – so wie bundesweit mehr als 400 andere Islamisten. Um das Risiko einzuschätzen, das von religiösen Extremisten ausgeht, arbeiten die Sicherheitsbehörden mit unterschiedlichen Begriffen. So hat das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) im Jahr 2025 ein sogenanntes Islamismuspotential von 28.645 Personen erfasst. Einen kleineren Teil davon, nämlich 9110 Menschen, rechnete das BfV dem gewaltorientierten islamistischen Personenpotential zu.
„Das sind Extremisten, die nicht nur diese Ideologie verfolgen, sondern Gewalt auch als legitimes Mittel zum Erreichen ihrer Ziele betrachten“, sagt Hans-Jakob Schindler vom Counter Extremism Project, einer Nichtregierungsorganisation, die sich mit Extremismus und Terrorismus befasst. Gewaltorientierung bedeutet Schindler zufolge aber nicht zwingend, dass diese Menschen auch bereit sind, einen Anschlag zu begehen. „Viele dieser rund 9000 Personen halten Gewalt zwar für ein legitimes Mittel, sind aber noch nicht so radikalisiert, dass sie heute schon Gewalt ausüben würden.“ Das BfV führt Menschen als „gewaltorientiert“, die gewalttätig, gewaltbereit, gewaltunterstützend oder gewaltbefürwortend sind.
Anders verhält es sich bei den sogenannten Gefährdern. 410 Menschen hat das Bundeskriminalamt (BKA) derzeit als islamistische Gefährder erfasst. Dabei handelt es sich nicht um eine gesetzliche Definition, sondern um eine administrative Einschätzung. Ein Gefährder ist laut BKA eine Person, bei der „bestimmte Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass sie politisch motivierte Straftaten von erheblicher Bedeutung“ begehen wird. „Bei diesen Menschen wird davon ausgegangen, dass sie jeden Tag und jederzeit bereit sind, Gewalt gegen andere auszuüben, um ihre ideologischen Ziele zu verfolgen“, sagt Schindler der F.A.Z.
Zehn bis zwanzig Polizisten für einen Gefährder
Wer als Gefährder eingestuft wird, entscheiden die Landeskriminalämter. Menschen, die auf der Liste landen, stehen unter besonderer Beobachtung der Sicherheitsbehörden – was aber, wie sich auch beim CSD-Attentäter zeigte, eine Ressourcenfrage ist. „Wenn ein Gefährder 24 Stunden beobachtet werden soll, braucht man zehn bis zwanzig Polizeibeamte“, sagt Schindler. Eine lückenlose Überwachung aller Gefährder in Deutschland sei unmöglich. Stattdessen würden die Gefährdungseinschätzung „fortlaufend erneuert und die polizeilichen Ressourcen angepasst“.
Nicht nur Polizei und Verfassungsschutz, sondern auch Sozialwissenschaftler vermessen das islamistische Potential in der Gesellschaft. So untersucht MOTRA, ein von mehreren Bundesministerien geförderter Forschungsverbund, wie sich unterschiedliche Gruppen radikalisieren. Dem aktuellen MOTRA-Monitor zufolge hatten im vergangenen Jahr zehn Prozent der befragten Muslime in Deutschland eine „manifest islamismusaffine Einstellung“.
Das heißt: Sie stellen ihre Religion über die Demokratie. Einen islamistischen Gottesstaat halten sie für die beste Staatsform und den Koran für wichtiger als staatliche Gesetze. Sie werten andere Religionen pauschal ab und halten den Islam für die einzige richtige Religion. Ein noch größerer Teil, nämlich 30 Prozent der Muslime in Deutschland, war zumindest offen für eine solche Ideologie.
Jüngere Muslime sind anfälliger für Extremismus
„Wenn wir uns die Daten genauer anschauen, fallen Unterschiede zwischen den Altersgruppen auf“, sagt der Kriminologe Peter Wetzels von der Universität Hamburg, der am MOTRA-Monitor mitarbeitet, der F.A.Z. „Bei ‚manifest islamismusaffinen Einstellungen‘ haben wir die höchsten Raten bei Heranwachsenden, also denjenigen, die als Straftäter unter das Jugendstrafrecht fallen können, und bei Personen bis 40 Jahren. Vereinfacht kann man sagen: Je älter die Befragten, desto weniger anfällig sind sie für solche extremen Einstellungen.“
Zudem seien Muslime, die in zweiter Generation in Deutschland leben, offener für islamistische Einstellungen als ihre Eltern oder als Zuwanderer, die erst in den vergangenen Jahren nach Deutschland kamen. Das passt zu dem Anschlag auf den Berliner CSD: Der Attentäter war ein junger, in Deutschland geborener Mann.
Nicht jeder, der sich einen Gottesstaat wünscht, befürwortet Gewalt. Und ein noch kleinerer Teil wird tatsächlich zum Terroristen. 1,8 Prozent der befragten Muslime halten den Daten zufolge Gewalt für ein legitimes Mittel der politischen Auseinandersetzung. In der Gruppe der „manifest Islamismusaffinen“ haben rund 16 Prozent eine hohe Gewaltakzeptanz. „Wir wissen, dass islamistische Organisationen im Netz versuchen, junge Menschen für ihre ideologischen Zielsetzungen zu rekrutieren“, sagt Wetzels.
Umso wichtiger sei Prävention – zumindest bei denen, die sich noch erreichen lassen. Gerade bei den 30 Prozent der Muslime, die offen für extreme Einstellungen sind, aber keine manifeste Ideologie haben, lohne sich die Arbeit. „Das sind Menschen, die in ihrer politischen Haltung schwanken. Da kann Prävention helfen, wenn sie glaubhaft gemacht wird und die Sorgen der Menschen ernst nimmt.“ Wetzels plädiert dafür, bestimmte muslimische Gemeinden stärker in die Prävention einzubinden.