Immer mehr Fälle in ganz Europa: Forscher warnen vor „rosigen“ Zeiten für das West-Nil-Virus

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Immer mehr Fälle in ganz Europa: Forscher warnen vor „rosigen“ Zeiten für das West-Nil-Virus

„Die geografische Barriere existiert nicht mehr“: West-Nil-Virus breitet sich in ganz Europa aus

Stand: 11.09.2026, 19:55 Uhr

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Das West-Nil-Virus erobert Europa. Der Klimawandel lässt Mücken weit nach Norden vordringen – mit fatalen Folgen für Risikogruppen.

London – „Die Zukunft sieht rosig aus für das West-Nil-Virus und andere von Mücken übertragene Viren, die ihm in die Neue Welt folgen“, schrieb der Wissenschaftsautor Carl Zimmer in seinem 2011 erschienenen Buch „Planet of Viruses“. „Das liegt daran, dass die Zukunft warm und feucht sein wird.“ Mehr als ein Jahrzehnt später und nach einem rekordheißen Sommer hat sich Zimmers Vorhersage bewahrheitet: Die einst vorwiegend auf die wärmsten Teile Afrikas beschränkte, von Mücken verbreitete Krankheit hat sich in Europa fest etabliert, warnen Fachleute.

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Dieser Artikel von Maeve Cullinan entstand in Kooperation mit telegraph.co.uk.

In den vergangenen drei Monaten wurden auf dem gesamten Kontinent mindestens 1086 lokal erworbene Fälle des West-Nil-Virus registriert, während Mücken ihren langsamen Marsch nach Norden fortsetzen. Die Insekten – die wechselwarm sind – benötigen warmes Wetter, um ihren Lebenszyklus zu beschleunigen und lange genug zu überleben, um Krankheiten zu verbreiten. Im Juli und August meldeten Länder wie Italien, Spanien und Frankreich West-Nil-Fälle in bislang unbelasteten Regionen und Städten, während andere Staaten, darunter die Niederlande, in diesem Sommer ihre ersten Todesfälle durch das Virus registrierten.

Mücke saugt Blut am Arm eines Mannes.

Das West-Nil-Virus wird von Stechmücken übertragen. (Archivbild) © Patrick Pleul/dpa

„Ich glaube nicht, dass es noch ‚tropische Viren‘ gibt. Die geografische Barriere dieser Viren existiert aufgrund des Klimawandels nicht mehr“, sagte Dr. Krishanthi Subramaniam, Dozentin für Mikrobiologie an der University of Liverpool. Allein auf Italien entfiel laut dem Europäischen Zentrum für Krankheitsprävention und -kontrolle (ECDC) in der ersten Septemberwoche die Hälfte aller Fälle mit 516 Infektionen und 25 Todesfällen. Mehr als die Hälfte davon (269 Fälle) erforderte einen Krankenhausaufenthalt.

Gefährliche Mücke sticht zu: West-Nil-Virus erreicht auch nördlichere Länder Europas

Während das Vereinigte Königreich bislang noch keinen menschlichen Fall verzeichnet hat, fanden Forschende 2023 erstmals Fragmente des West-Nil-Virus in britischen Mücken, die in Nottinghamshire brüteten. „Das West-Nil-Virus ist keine neue Bedrohung, aber die Bedingungen, die seine Ausbreitung vorantreiben, verändern sich rasant“, warnte Dr. Hans Kluge, WHO-Regionaldirektor für Europa, im Juli. Die weitgehend unauffällige Erkrankung stammt von Vögeln und wurde historisch bereits bei mehr als 300 Arten nachgewiesen, darunter Raben, Elstern, Krähen, Blauhäher, Eulen und Falken. Sie kann sich nicht direkt zwischen den Vögeln ausbreiten.

Stattdessen saugen Mücken Blut von den Tieren und übertragen das Virus so von Vogel zu Vogel, bevor sie es auch an den Menschen weitergeben können. Um sich in Mücken wirksam zu vermehren, sind gleichbleibende Temperaturen zwischen 24 und 26 Grad Celsius erforderlich.

Bei Temperaturen über 30 Grad kann es sich sogar noch schneller replizieren, was die Viruslast der Mücke erhöht und jeden Stich mit größerer Wahrscheinlichkeit infektiös macht – Bedingungen, denen die zunehmend wärmeren Temperaturen in Westeuropa immer stärker Vorschub leisten. Mehrere europäische Länder, darunter Frankreich, Belgien und das Vereinigte Königreich, verzeichneten in diesem Jahr einige der heißesten Sommer seit Beginn der Aufzeichnungen.

Meist milde Verläufe, aber hohes Risiko für eine kleine Gruppe

Rund 80 Prozent der mit dem West-Nil-Virus infizierten Menschen zeigen überhaupt keine Symptome. Bei den übrigen 20 Prozent kann die Krankheit jedoch deutlich schwerer verlaufen, Fieber und Kopfschmerzen verursachen und in selteneren Fällen zu neurologischen Erkrankungen fortschreiten. Besonders bei älteren oder immungeschwächten Menschen kann eine Infektion zu Zittern, Sehverlust, Lähmungen, Meningitis und Koma führen – und letztlich tödlich enden.

„Man würde bei vielen dieser Symptome nicht unbedingt an West-Nil denken; es ist die Art von Erreger, der in den meisten Fällen wieder abklingt“, sagte Dr. Subramaniam gegenüber The Telegraph. „Aber es ist das eine Prozent, das eine schwere Erkrankung entwickeln kann, und der Großteil dieser schweren Verläufe ist neuroinvasiv – etwa Meningitis und Enzephalitis“, so Dr. Subramaniam weiter. Da die Krankheit noch relativ selten ist, übersehen viele Ärztinnen und Ärzte in Europa Berichten zufolge Fälle – verschärft durch die Tatsache, dass frühe Symptome denen verbreiteterer Erkrankungen wie Erkältungen und Grippe ähneln.

21 neue Regionen melden erste Fälle – auch das Rheinland ist betroffen

Während die Fallzahlen des West-Nil-Virus in Europa in früheren Jahren vergleichbar waren – bei einem Ausbruch im Jahr 2018 wurden etwa rund 1500 menschliche Fälle registriert –, unterscheidet sich das Jahr 2026 durch die geografische Ausweitung des Virus. Mindestens 21 neue Regionen in Europa meldeten in diesem Jahr ihre ersten Fälle, darunter dicht besiedelte Gebiete wie das deutsche Rheinland und Alicante in Spanien sowie mehrere neue Regionen in Italien, Griechenland und Frankreich. „Historisch gab es menschliche West-Nil-Fälle im Mittelmeerraum, in Europa, auf dem Balkan, im Süden Russlands und in Osteuropa“, sagte Dr. Subramaniam.

„Aber der Klimawandel verändert die gesamte Landschaft der Übertragung, weil wir längere warme Jahreszeiten haben. Es gibt veränderte Frühjahrs- und Herbsttemperaturen, Veränderungen der Niederschläge. All diese Faktoren beeinflussen die Häufigkeit dieser Mücken und erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass sie in Klimazonen vordringen, in denen sie historisch nie vorkamen“, fügte sie hinzu. Forschende an der London School of Hygiene & Tropical Medicine untersuchen derzeit, ob das West-Nil-Virus langfristig in Mücken auf den Britischen Inseln überleben könnte.

Forschende warnen vor dauerhafter Etablierung – so schützen Sie sich richtig

Aktuelle Modellrechnungen legen nahe, dass sich das Virus in Großbritannien bis 2040 festsetzen könnte, falls die Temperaturen weiter steigen. Erst vergangene Woche stellte die britische Gesundheitsbehörde UK Health Security Agency (UKHSA) fest, dass Mücken, die Krankheiten wie Zika, Dengue und Gelbfieber übertragen können, erstmals in Großbritannien in einer Wohnstraße im Osten Londons brüteten.

Derzeit gibt es keine spezifische Behandlung oder Impfung gegen das West-Nil-Virus; die Entwicklung neuer Impfstoffe kann Hunderte Millionen Pfund kosten, und die Krankheit gilt momentan nicht als weit genug verbreitet, um umfangreiche Investitionen von Pharmaunternehmen und internationalen Gesundheitsorganisationen zu rechtfertigen. Das Team von Dr. Subramaniam an der University of Liverpool arbeitet jedoch an einem Impfstoffkandidaten, der mehrere Flaviviren – die Krankheitsfamilie, zu der neben dem West-Nil-Virus auch Dengue und das Zika-Virus gehören – gleichzeitig bekämpfen kann.

In der Zwischenzeit rät die europäische Gesundheitsbehörde ECDC Menschen in Hochrisikogebieten, sich in den Sommermonaten mit einfachen Mitteln vor Mückenstichen zu schützen: etwa durch die Anwendung von DEET, das Tragen langer Hosen und langärmeliger Oberteile sowie das Beseitigen von stehendem Wasser in und um Haus und Garten, in dem die Insekten brüten.