„Wirkungslos“: Erziehungsexperte nennt häufigen Fehler bei Wutanfällen von Kindern
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Stand: 05.09.2026, 14:07 Uhr
Wutanfälle bei kleinen Kindern funktionieren anders als bei Jugendlichen und Erwachsenen. Eine Psychologin erklärt, was Kindern hilft.
Hamburg – Wer wirklich wütend ist, kann in diesem Moment oft nicht mehr rational denken – das kennen die meisten von sich selbst. Einigen hilft es, kurz durchzuatmen, vor die Tür zu gehen oder den Grund für ihre Wut in Ruhe zu erklären. Doch was für Erwachsene funktioniert, ist für Kinder oft keine hilfreiche Option. „Ein Kind hat keinen Trotzanfall“, sagt Hendrik Dahlen (@kita.hoffnungstrgr) in einem TikTok-Video. Dahlen ist Referent für pädagogische Teams und bietet Fortbildungen an. Über Kinder, die gerade Wut erleben, sagt er: „Das Gehirn kann es einfach noch nicht.“

Dass Kinder Wut und Trotz zeigen, liege schlicht an der Neurobiologie – und sei kein Hinweis auf schlechtes Verhalten. Der präfrontale Kortex, das Zentrum für Impulskontrolle, Vernunft, Empathie und Planung, sei bei Kindern unter sechs Jahren noch nicht ausgereift. „Das ist kein Erziehungsproblem, sondern Anatomie“, betont der Pädagogik-Experte. Kinder könnten sich in bestimmten emotionalen Situationen demnach schlicht nicht beherrschen. Wenn ein Kind eskaliert, schreit, beißt, haut oder zusammenbricht, sei das Alarmsystem im Gehirn voll aktiviert. „Cortisol und Adrenalin fluten den Körper. In diesem Zustand ist Erziehen, Erklären oder Grenzensetzen wirkungslos“, erklärt Dahlen.
Kita-Experte: Das Gehirn des Kindes ist in Momenten der Wut „offline“
Das Denkhirn sei in solchen Momenten „offline“. Was Kindern dann helfe, sei sogenannte Co‑Regulation: eine ruhige, präsente und stabile erwachsene Person, die das Nervensystem des Kindes durch ihre bloße Anwesenheit wieder beruhigt. Konkret bedeutet das: auf Augenhöhe des Kindes gehen, mit ruhiger Stimme sprechen, Blickkontakt herstellen und gemeinsam ruhig und langsam atmen.
In den Kommentaren unter dem Video stimmen viele Eltern zu. „Das Problem sind nicht die Kinder, sondern die Erwachsenen, die denken, Kinder müssen genauso ticken wie wir“, schreibt eine Mutter. Andere schreiben, dass viel zu wenige Eltern, Lehrkräfte und Erzieherinnen und Erzieher davon wüssten – und manche stattdessen „noch lauter zurückbrüllen“.
Doch auch wer in solchen Momenten nur ruhig bleibt, macht noch nicht alles richtig, findet Susanne Mierau. Die Diplompädagogin, die 16 Bücher über Erziehung geschrieben hat, erklärt: „Beim Wutanfall eines Kindes ruhig zu bleiben, reicht nicht aus.“ Es gehe nicht um Selbstkontrolle, sondern um Selbstregulation – also darum, wie Bezugspersonen im Alltag generell mit ihren eigenen Emotionen umgehen. „Kinder lernen durch Abschauen. Was sie täglich beobachten, prägt sie mehr als jede bewusst inszenierte Reaktion“, sagt Mierau der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.
Psychologin: Kinder brauchen in emotional aufgeladenen Situationen Ruhe
Ähnlich sieht das Judith Silkenbeumer, die die Psychotherapieambulanz für Kinder und Jugendliche an der Universität Münster leitet und schwerpunktmäßig zur Emotionsregulation bei Vorschulkindern forscht. „Wenn Kinder von starken Emotionen wie Wut überwältigt werden, sind sie in diesem Moment häufig gar nicht zugänglich für Regulation, die auf Einsicht und kognitives Verständnis abzielt“, sagt sie der Frankfurter Rundschau. Das Gehirn befinde sich im Alarmmodus – schnelles Reagieren habe dann Vorrang vor logischem Durchdenken. Sinnvoller seien in solchen Momenten beruhigende oder ablenkende Strategien: „Gerade in emotional aufgeladenen Situationen kann es sehr hilfreich sein, zunächst Ruhe in den Körper zu bringen.“
Entscheidend sei dabei die Haltung der Bezugsperson. „Es sollte nicht darum gehen, unangenehme Gefühle möglichst schnell wegzumachen, sondern dem Kind mit Mitgefühl zu begegnen und sein Erleben ernst zu nehmen“, betont Silkenbeumer. Wer sich auf die Gefühle des Kindes einlasse und darüber spreche, stärke langfristig dessen Fähigkeit zur Emotionsregulation – und schaffe erst dann die Grundlage, um gemeinsam Lösungen zu entwickeln. (Quellen: Tiktok, eigene Recherche)