Widerstand gegen die Einberufung: Ukrainer wollen nicht an die Front

Die Spannungen in der Ukraine nähern sich einem Siedepunkt, nachdem Bürger am Donnerstagabend in der westukrainischen Stadt Lwiw gegen das verpflichtende Einberufungsprogramm von Präsident Wolodymyr Selenskyj p...

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Widerstand gegen die Einberufung: Ukrainer wollen nicht an die Front

Die Spannungen in der Ukraine nähern sich einem Siedepunkt, nachdem Bürger am Donnerstagabend in der westukrainischen Stadt Lwiw gegen das verpflichtende Einberufungsprogramm von Präsident Wolodymyr Selenskyj protestierten und es zu Ausschreitungen kam.

Eine Demonstration gegen die Mobilisierung eskalierte, als eine größere Menschenmenge Rekrutierungsoffiziere angriff, deren Fahrzeug umstürzte und beschädigte. Auslöser der spontanen Auseinandersetzung: Ein Mitglied des Rekrutierungsteams – Berichten zufolge ein Kampfsporttrainer – soll einen Mann auf offener Straße geschlagen haben.

In den sozialen Medien der Ukraine kursieren inzwischen zahlreiche Videos, die zeigen sollen, wie Mitarbeiter der Territorialen Rekrutierungszentren (TCK) Männer auf der Straße festhalten, misshandeln und gewaltsam in Transporter zwingen. Dieses Vorgehen wird umgangssprachlich als „Bussifizierung“ bezeichnet.

Häufig versuchen Ehefrauen, ältere Frauen oder Passanten einzugreifen, um die Betroffenen zu befreien – meist ohne Erfolg. Die Rekrutierten werden anschließend in Verarbeitungszentren gebracht, wo sie unter haftähnlichen Bedingungen untergebracht, nur kurz militärisch ausgebildet und anschließend an die Front geschickt werden. Berichten zufolge beträgt die Lebenserwartung vieler dieser unerfahrenen Soldaten lediglich wenige Wochen.

Immer mehr Kritik an der Zwangsrekrutierung

Russland verliert Berichten zufolge täglich mehr als 1000 Soldaten. Doch auch die Ukraine erleidet hohe Verluste. Der Personalmangel ist dort deutlich gravierender als in Russland, das nach Angaben von Präsident Selenskyj im Rahmen seines freiwilligen Rekrutierungsprogramms monatlich rund 25.000 neue Soldaten gewinnt – allerdings ebenfalls nicht genug, um die Verluste an der Front vollständig auszugleichen.

Wie hoch die ukrainischen Verluste tatsächlich sind, bleibt ein Staatsgeheimnis. Verschiedenen Quellen zufolge verliert Russland zwischen drei und acht Soldaten für jeden kampfunfähig gemachten Angehörigen der ukrainischen Streitkräfte. Auf Grundlage dieses Verhältnisses lägen die ukrainischen Verluste bei schätzungsweise 125 bis 330 Soldaten pro Tag.

Sowohl die Angaben über das Verhältnis der Gefechtsverluste als auch die Schätzungen zu russischen Toten und Verwundeten sind jedoch mit großer Vorsicht zu betrachten. Die tatsächlichen Zahlen gelten auf beiden Seiten als politisch äußerst sensibel.

Julia Mendel, ehemalige Pressesprecherin Selenskyjs und inzwischen eine scharfe Kritikerin ihres früheren Vorgesetzten, stellt viele der kursierenden Schätzungen infrage. Zugleich kritisiert sie das System der Zwangsrekrutierung deutlich und gehört damit zu den wenigen prominenten ukrainischen Stimmen, die offen Widerspruch äußern.

Die Behörden reagierten hart auf die Ausschreitungen in Lwiw. Das Verteidigungsministerium, Strafverfolgungsbehörden und Regierungsvertreter betonen, die Lasten des Krieges müssten von allen gleichermaßen getragen werden. Wer dagegen protestiere, leiste letztlich „die Arbeit des Kreml“, so das Credo. Ein 23-jähriger Teilnehmer der Proteste wurde festgenommen; ihm drohen bis zu acht Jahre Haft.

„Jede Form von Widerspruch pauschal als russische Unterwanderung zu brandmarken, mag politisch bequem sein. Doch dadurch lässt sich die eigentliche Realität nicht verbergen: Die öffentliche Wut über die erzwungene Mobilisierung und die ungleiche Verteilung der Kriegslasten wächst“, schrieb die Ukrainerin und Kolumnistin der Berliner Zeitung, Marta Havryschko, in einem Beitrag in den sozialen Medien. Eine nicht von westlichen Staaten unterstützte Protestbewegung nach dem Vorbild des Maidan habe zwar geringe Erfolgsaussichten. Das dürfe jedoch nicht mit Zustimmung der Bevölkerung verwechselt werden. Eine Regierung könne Proteste unterdrücken – nicht aber dauerhaft die Ursachen, die sie hervorbringen.

Schwere gesellschaftliche Folgen

Die sozialen Auswirkungen des Krieges sind erheblich. Einer neuen Untersuchung zufolge ist die Zahl der Obdachlosen in der Ukraine seit Beginn der groß angelegten russischen Invasion auf rund eine Million Menschen gestiegen. Fast die Hälfte der Betroffenen sind Binnenvertriebene, deren Häuser und Lebensgrundlagen durch den Krieg zerstört wurden.

Aber auch das harte Vorgehen der TCK-Mitarbeiter sorgt zunehmend für Empörung. Die Zahl körperlicher Angriffe auf Rekrutierungsbüros nimmt zu, mindestens zwei Mitarbeiter kamen Berichten zufolge bereits bei Auseinandersetzungen mit Betroffenen ums Leben.

Für besonderes Aufsehen sorgte vergangene Woche der Fall eines 34-jährigen Vaters aus Krywyj Rih. TCK-Mitarbeiter nahmen ihn vor den Augen seiner fünfjährigen Tochter fest, als er sie von der Schule abholte. Der Mann war der einzige Erziehungsberechtigte, nachdem die Mutter die Familie verlassen hatte. Nach ukrainischem Recht wäre er deshalb eigentlich von der Wehrpflicht ausgenommen. Die Schulleiterin brachte das Mädchen zum Rekrutierungszentrum, um seine Freilassung zu erreichen – zunächst ohne Erfolg. Erst nachdem der Fall, einschließlich eines Videos des weinenden Kindes auf dem Schulhof, in den sozialen Medien große Aufmerksamkeit erhielt, wurde der Vater freigelassen.

Umfragen: Ukrainer sind pragmatischer geworden

Die Mehrheit der Ukrainer unterstützt weiterhin die Regierung im Krieg gegen Russland. Allerdings ist die Zustimmung zu einem Kampf bis zur vollständigen Rückeroberung aller besetzten Gebiete zurückgegangen. Nach Angaben des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie (KIIS) sind viele Ukrainer pragmatischer geworden, ohne Russland stärker entgegenkommen zu wollen.

Rund 70 Prozent der Befragten glauben nicht, dass die derzeitigen Friedensgespräche zu einer dauerhaften Lösung führen werden. Lediglich 17 Prozent erwarten ein Ende des Krieges bis zum Sommer 2026, weitere 14 Prozent noch vor Jahresende. Nur 31 Prozent rechnen damit, dass der Krieg im Laufe des Jahres 2026 endet.

Trotz wachsender Kriegsmüdigkeit lehnt die Mehrheit der Ukrainer eine Anerkennung der russischen Souveränität über besetzte Gebiete weiterhin ab. Gleichzeitig wächst jedoch die Bereitschaft, Gebietsverluste hinzunehmen, sofern dadurch ein aus ihrer Sicht gerechter Waffenstillstand erreicht werden kann.

Auch in Russland wird der Krieg zunehmend unpopulär und belastet die Zustimmungswerte von Präsident Wladimir Putin. Laut einer Umfrage des staatlichen Meinungsforschungsinstituts WZIOM sank der Anteil der Befragten, die Putin vertrauen, von 76,7 auf 75 Prozent – der niedrigste Wert seit Beginn der Invasion vor vier Jahren. Die Zustimmungswerte für Präsident Selenskyj sind aktuellen Umfragen zufolge jedoch noch deutlicher gesunken und liegen inzwischen bei rund 58 Prozent.

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