Festivals im Sommer: Der immer gleiche Urlaub

Festivals im Sommer: Der immer gleiche Urlaub Neues entdecken und sich überraschen lassen ist der Antrieb, wieso man auf Festivals geht. Oder, sagt unser Kolumnist, man freut sich einfach am Wiedersehen. ...

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Festivals im Sommer: Der immer gleiche Urlaub

Festivals im Sommer: Der immer gleiche Urlaub

Neues entdecken und sich überraschen lassen ist der Antrieb, wieso man auf Festivals geht. Oder, sagt unser Kolumnist, man freut sich einfach am Wiedersehen.

Ein Mann in einem Schlauchboot wird vom Publikum beim Rudolstadt-Festival durch die Menge getragen
Crowdsurfing als eine stimmungsvolle Bootsfahrt beim diesjährigen Rudolstadt-Festival

Foto: Martin Schutt/picture alliance/dpa

Z wei Dinge sind mir vom Wochenende auf dem Zeltplatz in Erinnerung geblieben: erstens das Dozieren des Nachbars darüber, dass es auf Festivals heute nicht mehr um die Musik gehe; und zweitens der Trickreichtum eines Mitreisenden, der seine Einlassarmbänder der vergangenen Jahre mit Magnetclips präpariert hatte, um sie bei Bedarf an- und wieder ablegen zu können – was an diesem Bild so schön ist, bedarf keiner Erklärung.

Das Gespräch vom Nachbarlager aber schon. Denn was als kampfeslustiger Gedanke über den Stand der Eventisierung halbwegs interessant anfing, entpuppte sich bald als schlichte nostalgische Einlassung über die Entbehrungen von einst.

Es ging dem lauten Mittfünfziger im Leinenhemd nicht um Musik, sondern um einen Kult der Entbehrungen: als Festivalklos noch keinen Wasseranschluss hatten und Pasta wie Bier ausschließlich in Dosen zu haben waren. Und was man sonst so alles auf sich nahm, um dabei zu sein – um die Stones gesehen zu haben oder meinetwegen Atari Teenage Riot. Je nachdem, wie alt man eben so ist.

Lustig an dem Vortrag ist, dass er im thüringischen Rudolstadt stattfand, auf dem ehemaligen „Tanz- und Folkfest“, wo es im Grunde schon immer recht zivilisiert zuging, ganz ohne Schlammschlachten und Drogenexzesse.

Viel spannender ist hier die Geschichte der ganzen Angelegenheit: wie das schon damals internationale Festival in der DDR entstand, um den Sozialismus folkloristisch zu unterfüttern; wie es den Zusammenbruch der Sowjetunion überstand; und wie es spätestens vor zehn Jahren dann auch noch den Stunt vollbrachte, sich aus Trachtenreigen und Ethnotraditionals zu einem im besten Sinne modernen Großevent des Global-Pop-Zirkus zu entwickeln.

Illustration einer Ausgabe der wochentaz mit dem Titel „Egal war gestern“

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Funktioniert hat das auch in diesem Jahr wieder für rund 90.000 Besucher, die sich zwischen mehr als 300 Konzerten, Workshops und Symposien offensichtlich sehr gut amüsiert haben. Und obwohl ich den renovierungsbedingten Ausfall der Heidecksburg als Spielstätte bedauerlich finde und ich mit dem musikalischen Länderschwerpunkt Österreich nichts anfangen kann, gilt das auch für mich. Also das mit dem Amüsement.

Die immer gleichen Marktstände

Begeistert oder auch nur ein bisschen überrascht hat mich hingegen nichts – und es tut mir leid, das zu sagen. Vielleicht hat mich die Gewöhnung nach 25 Jahren zwischen den immer gleichen Marktständen dann doch noch überwältigt. Vielleicht sind es umgekehrt auch die schönen wie traurigen Erinnerungen des Dauercampers, die auch das spannendste Neue schon im Aufkeimen überlagern.

Wahrscheinlich hat mich der Früher-war-mehr-Rotze-Typ auf dem Zeltplatz vor allem deshalb so geärgert, weil es mir im Grunde ja ganz genauso geht. Weil auch mir etwas verloren gegangen ist, seit ich mich schon Wochen vor dem Festival durch lückenlos bestückte Playlists klicken kann, um mein Wochenende zu planen. Und dafür kann nun wirklich niemand was.

Ich frage mich, ob es Menschen so geht, die jedes Jahr den gleichen Urlaub am selben Ort machen – für die jede Begegnung ein Wiedersehen ist –, und ob es nicht auch für mich die bessere Lösung wäre, den Part mit dem Versprechen eines neuartigen Dies und überraschenden Das von vornherein zu streichen.

Vielleicht muss ich mir den Gedanken weniger resignativ verkaufen, denn eigentlich könnte ich mich damit anfreunden. Weil es ja langfristig auch heißt, sich weniger über die selbstgerechte Nostalgie der anderen zu ärgern, als sich über Wiederkehrendes zu freuen. Zum Beispiel über Festivalarmbänder, die man an- und wieder ablegen kann.

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Jan-Paul Koopmann

Redakteur und CvD

Jahrgang 1982, schreibt aus dem Bremer Hinterland über Kultur und Gesellschaft mit Schwerpunkten auf Theater, Pop & schlechter Laune.

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