Trump überrascht mit Ukraine-Wende – die fünf wichtigsten Gründe
Donald Trump hat Wolodymyr Selenskyj wieder im Oval Office empfangen – und plötzlich wirkt vieles anders. Was steckt hinter der überraschenden Kehrtwende des US-Präsidenten? Fünf Entwicklungen sind dafür mitverantwortlich.
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Selenskyj und der US-Präsident
Das kann auch Trump nicht mehr ignorieren
28.07.2026 - 18:27 UhrLesedauer: 5 Min.
Donald Trump hat Wolodymyr Selenskyj wieder im Oval Office empfangen – und plötzlich wirkt vieles anders. Was steckt hinter der überraschenden Kehrtwende des US-Präsidenten? Fünf Entwicklungen sind dafür mitverantwortlich.
Heute also ist Wolodymyr Selenskyj ins Oval Office zurückgekehrt. An jenen Ort also, an dem Donald Trump den ukrainischen Präsidenten noch 2025 vor laufenden Kameras gedemütigt hatte. Dieses Mal unter Ausschluss der Hauptstadtpresse. Die Unterredung soll nach dem Willen des Weißen Hauses offenkundig gänzlich vertraulich bleiben.
Dieses Mal also scheint es weniger um eine Show als um Inhalte zu gehen. Rund eine Stunde lang sprachen die beiden Staatschefs miteinander. Die Stimmung des nicht öffentlichen Treffens wirkte, zumindest den Bildern nach, freundschaftlicher als je zuvor.
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Dabei war Wolodymyr Selenskyj über Jahre hinweg ein besonders bevorzugtes Feindbild von Trump. Während er den ordentlich gewählten ukrainischen Präsidenten Selenskyj als "Diktator" bezeichnete, der den Krieg verlängere, sprach er von Wladimir Putin zurückhaltend und oft sogar anerkennend als "Genie".
Doch der Ton hat sich über die vergangenen Monate spürbar verändert. Trump redet plötzlich wohlwollender über Selenskyj und kritisierte Putin zuletzt immer deutlicher für seine fortwährenden Angriffe. Steckt dahinter eine grundsätzliche politische Neuausrichtung? Ist Trump plötzlich zum überzeugten Unterstützer der Ukraine geworden? Verfolgt der US-Präsident plötzlich doch eine klassische transatlantische Außenpolitik?
Klar dürfte sein: Trumps Entscheidungen bleiben persönlich, auf Gegenleistungen beruhend und oft von seiner jeweiligen Stimmung geprägt. Ändern sich die Umstände oder fühlt er sich erneut vor den Kopf gestoßen, kann sich auch sein Kurs binnen kürzester Zeit wieder drehen. Dennoch ist die jüngste, Ukraine-freundliche Entwicklung kein Zufall. Mehrere Faktoren dürften Trumps veränderte Haltung erklären.
1. Trump ist frustriert
Die einfachste Erklärung ist womöglich die überzeugendste. Trump hatte mehrfach angekündigt, den Krieg als neu gewählter Präsident schnell beenden zu können. Anderthalb Jahre nach seinem Amtsantritt ist davon nichts zu sehen. Die Kämpfe dauern an, jeden Tag sterben Menschen, und beide Seiten sind von einem Frieden weiter entfernt als erhofft.
Für einen Präsidenten, der seinen politischen Erfolg gerne an Deals misst, wirkt das zunehmend wie eine persönliche Niederlage. Trumps schärfere Worte gegenüber Putin dürften keine moralische Abrechnung mit dem Angreifer sein, aber eben ein Ausdruck seiner eigenen wachsenden Ungeduld. Trump scheint zunehmend überzeugt zu sein, dass Putin ihm jenen außenpolitischen Erfolg verwehrt, den er großspurig versprochen hatte.
Der US-Präsident will den Krieg nach wie vor beenden, nicht zuletzt, um sich den Erfolg selbst anzuheften. Der Ukraine sowie den Nato-Verbündeten und Europäern scheint es aber gelungen zu sein, Putin als das wahre Hindernis bei Trump zu platzieren. Zahlreiche direkte Gespräche zwischen Trump und Selenskyj scheinen das gegenseitige Verständnis zudem erhöht zu haben.
2. Die Ukraine wirkt stärker, als Trump erwartet hat
Was sich immer wieder zeigt: Trump bewundert Stärke und Gewinnertypen, vielleicht sogar mehr als jede andere politische Eigenschaft. Danach richtet er im Zweifel seine bekundete Zuneigung aus. In den vergangenen Monaten ist es der Ukraine mehrfach gelungen, tief im russischen Hinterland militärische Ziele und kritische Infrastruktur anzugreifen. Ob diese Angriffe den Kriegsverlauf grundlegend verändern, ist unter Experten zwar umstritten. Politisch haben sie jedoch Wirkung entfaltet.
Russland erscheint längst nicht mehr unangreifbar. Putin wirkt verwundbarer als viele Beobachter, insbesondere der US-Präsident, erwartet hatten. Die Wirkung auf Trump scheint umso stärker zu sein, als er davon überzeugt wird, dass ausgerechnet Selenskyj, der Mann "ohne Karten", trotz schlechter Ausgangslage überraschend erfolgreich zu sein scheint.
Die Ukraine mag zwar militärisch der russischen Armee und Rüstungsindustrie weiterhin unterlegen sein. Doch sie ist innovativ, anpassungsfähig und in der Lage, Russland empfindliche Verluste zuzufügen. Auf diese Weise hinterlässt der "Underdog" einen entscheidenden Eindruck auf Trump.
3. Mit der Ukraine lässt sich gutes Geld verdienen
Anders als noch sein Amtsvorgänger Joe Biden kann Trump argumentieren, dass inzwischen nicht mehr vorwiegend amerikanische Steuerzahler die Kosten für die Ukraine-Unterstützung tragen. Europäische Staaten kaufen in großem Umfang amerikanische Waffensysteme, um ihre eigenen Bestände aufzufüllen und gleichzeitig die Ukraine weiter zu unterstützen.
Milliardenaufträge gehen damit an die US-Rüstungsindustrie, sichern Produktionskapazitäten und Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten. Für Trump passt dieses Modell perfekt in seine politische Erzählung: Die Verbündeten zahlen endlich mehr, Amerika verdient daran, und die USA sichern zugleich ihren Einfluss, quasi zum Nulltarif. Aus Trumps Sicht ist die Ukraine darum kein Kostenfaktor, sondern ein Geschäftsmodell.
4. Die Ukraine als Labor moderner Kriegsführung
Kaum ein Krieg verändert die militärischen Erkenntnisse derzeit so sehr wie der in der Ukraine. Auch Trump kann nicht mehr ignorieren, dass sich das Land in seiner Notsituation inzwischen als weltweit führend bei der Entwicklung und dem praktischen Einsatz moderner Drohnentechnologie entwickelt hat. Die Zusammenarbeit mit westlichen Partnern auf diesem Gebiet wächst stetig, und zahlreiche Nato-Staaten analysieren die ukrainischen Erfahrungen im Krieg gegen Russland genau.
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Auf amerikanischer Seite verdeutlicht nun auch der jüngste Krieg gegen den Iran, wie sehr sich moderne Konflikte verändern. Selbst die militärisch stärkste Macht der Welt stößt gegen vergleichsweise günstige Drohnen und asymmetrische Angriffe an ihre Grenzen. Teure Patriot-Raketensysteme, Marschflugkörper oder Luftschläge bleiben zwar unverzichtbar, sind aber enorm teuer und darum verhältnismäßig ineffizient.
In dieser Situation bietet die Ukraine, was sich mit Geld kaum kaufen lässt: die erworbenen Erfahrungen aus einem hochintensiven Krieg unter realen Bedingungen. Schon jetzt gibt es Innovationskooperationen zwischen der Ukraine und Taiwan einerseits und den Vereinigten Staaten und anderen westlichen Partnern wie Deutschland andererseits. Für die Trump-Regierung wird diese Zusammenarbeit deshalb weit über mögliche ideologische Grenzen und über den Ukraine-Krieg hinaus strategisch immer wertvoller.
5. Teile der MAGA-Bewegung verändern ihre Position
Am überraschendsten ist die Entwicklung innerhalb von Trumps eigenem politischen Lager. Prominente Vertreter aus der MAGA-Bewegung, wie etwa die rechtsextreme Aktivistin Laura Loomer, die lange gegen jegliche weitere Unterstützung für die Ukraine argumentiert hatten, schlagen inzwischen ganz andere Töne an. Ihre Begründung ist allerdings keine neue Begeisterung für liberale Demokratien, sondern eine veränderte geopolitische Sichtweise.
Russland wird zunehmend auch hier, gemeinsam mit dem Iran, China und Nordkorea, als Teil einer feindlichen Achse betrachtet. Der Krieg gegen den Iran hat diese Wahrnehmung zusätzlich verstärkt. Die enge militärische Zusammenarbeit zwischen Russland, dem Iran und China, gerade beim Thema Drohnen, lässt den Krieg in der Ukraine auch für viele Rechtskonservative nicht mehr wie einen regionalen Konflikt erscheinen, sondern als Teil einer größeren globalen Auseinandersetzung. Der jüngste ukrainische Angriff auf ein iranisches Handelsschiff im Kaspischen Meer wurde auch im MAGA-Lager wohlwollend wahrgenommen.
Als Kampf gegen den chinesischen Kommunismus, den radikalen antijüdischen Islam des iranischen Regimes, findet diese Erzählung auch bei evangelikalen Christen und nationalkonservativen Trump-Anhängern zunehmend Anklang. Bei ihrem Ukraine-Besuch betont etwa Laura Loomer immer wieder, wie sehr Putin das Leben der dort lebenden Christen bedrohe. Eine Unterstützung für die Ukraine lässt sich so innenpolitisch auch für Trump deutlich leichter begründen als früher.
Besuch an einem symbolischen Tag
Der heutige Besuch von Wolodymyr Selenskyj und auch der von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu findet statt, weil sie zur Trauerfeier des plötzlich verstorbenen Senators Lindsey Graham angereist sind. Der langjährige konservative Republikaner aus South Carolina war einer der beharrlichsten Fürsprecher der Ukraine und von Israel.
Bis zuletzt hatte Graham hinter den Kulissen des US-Kongresses und des Weißen Hauses nicht nur für eine härtere Gangart gegen den Iran, sondern auch auf deutlich schärfere Sanktionen gegen Russland gedrungen. Sein dafür seit Langem diskutiertes Sanktionsgesetz wartet im Kongress weiterhin auf eine Entscheidung.
Gerade weil Trumps aktuelle pro-ukrainische Haltung sich womöglich bei nächster Gelegenheit auch wieder ändern könnte, liegt die Hoffnung der Unterstützer auf diesem Gesetzesvorhaben Grahams. Die bange Befürchtung bleibt, dass mit der Beerdigung des engagierten Senators mit einem sehr guten Draht zu Trump auch die neue Hoffnung für die Ukraine zu Grabe getragen wird.