„Tödliche Fahrfehler ohne Fremdbeteiligung“

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„Tödliche Fahrfehler ohne Fremdbeteiligung“

Stand: 23.07.2026, 12:37 Uhr

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Für Jonas (rechts) und Niklas aus Frankfurt ist die Kanonenstraße „Stammstrecke“. Sie sind ortskundig, kennen die Kurven und setzen auf vorausschauendes, besonnenes Fahren.

Für Jonas (rechts) und Niklas aus Frankfurt ist die Kanonenstraße „Stammstrecke“. Sie sind ortskundig, kennen die Kurven und setzen auf vorausschauendes, besonnenes Fahren. © jo

Am 1. Juli verunglücken auf der Kanonenstraße bei Oberursel zwei Motorradfahrer unabhängig voneinander tödlich – beide beim Überholen. Die Polizei sieht die beliebte Bikerstrecke dennoch nicht als Unfallschwerpunkt.

Oberursel – Sie ist nach all den Kurven verlockend, die lange, gut ausgebaute Gerade der Kanonenstraße, amtlich Landesstraße 3004, feldbergabwärts, etwas mehr als einen Kilometer vor dem Hohemarkkreisel. Als Motorradfahrer kann man hier vermeintlich locker Autos oder Lastwagen überholen, was in den vielen Kurven vom Sandplacken hinab nicht ganz so gut funktioniert.

Die Markierungen der Unfallermittler und der Rest eines Bindemittelflecks auf dem Asphalt erinnern noch an den tödlichen Crash.

Die Markierungen der Unfallermittler und der Rest eines Bindemittelflecks auf dem Asphalt erinnern noch an den tödlichen Crash. © jo

Wenn da nicht links, etwa 500 Meter vor dem Kreisverkehr, der Parkplatz wäre – feldbergauf gesehen also rechts. Überholt ein Biker ein oder mehrere Autos in Richtung Hohemark und eins davon biegt plötzlich nach links auf den Parkplatz ab, hat er keine Chance.

So ähnlich ist es am Mittwochmorgen, 1. Juli, passiert. Ein Motorradfahrer und seine 38 Jahre alte Sozia prallen beim Überholen mit voller Wucht in den Van eines 60-Jährigen, der gerade nach links auf den Parkplatz abbiegen will. Beide werden schwerstverletzt mit Hubschraubern ins Krankenhaus geflogen. Der Mann stirbt dort am Donnerstag an seinen Verletzungen. Er wurde nur 44 Jahre alt.

Strecke bei Bikern beliebt

Damit nicht genug: Am Nachmittag kommt es auf der gleichen Strecke erneut zu einem Motorradunfall: Ein nur 29 Jahre alter Biker verliert – auch beim Überholen – die Kontrolle über seine Maschine, stürzt und verletzt sich ebenfalls so schwer, dass der junge Mann seinen Verletzungen später im Krankenhaus erliegt. „Tödlicher Fahrfehler ohne Fremdeinwirkung“, nennt das die Polizei.

Von den beiden tödlichen Unfällen erfahren Jonas und Niklas am Dienstagmorgen erst auf dem Parkplatz, wo unter dem blauen P-Schild Blumen und Fotos sowie ein kleines Motorradmodell an einen der verunglückten Fahrer erinnern. Sie treffen sich hier mit ihren Maschinen zu einer gemeinsamen Tour jenseits des Wochenendverkehrs rund um den Großen Feldberg bei bestem Motorradwetter. „Das ist unsere Stammstrecke, wir fahren oft und gerne durch den Taunus“, berichten die beiden Frankfurter. Sie haben es ja nicht weit zu ihrem „Hausberg“. „Man kann nur aufpassen, besonnen und vorausschauend fahren“, erklärt Jonas betroffen. Als Motorradfahrer werde man oft übersehen, die Geschwindigkeiten würden von anderen Verkehrsteilnehmern unterschätzt. Umso mehr müsse man als Biker alle Sinne beieinanderhaben, für alle anderen Verkehrsteilnehmer vorne, hinten, rechts und links mitdenken, gewissermaßen Beifahrer sein. „Immer gucken, ob der andere guckt“, müsse verinnerlicht sein. Ein Fahrsicherheitstraining haben die beiden zwar noch nicht absolviert, aber auf ihrer To-Do-Liste, versichern sie unisono.

Wie viele kurvenreiche Strecken im Taunus erfreut sich die Kanonenstraße zwischen Hohemark und Sandplacken sowie bis hinauf zum Feldbergplateau auf Schmittener Gemarkung bei Bikern der Region sowie darüber hinaus größter Beliebtheit – nicht nur wegen der Landschaft und der grandiosen Ausblicke. Und deshalb kommt es immer wieder zu Motorradunfällen. Auch schweren. Spezielle Unfallschwerpunkte kann die Polizei zwischen Sandplacken und Hohemark aber nicht benennen.

Auf dem etwa 12,5 Kilometer langen Streckenabschnitt der L3004 zwischen Hohemark und Schmitten hat die Polizei laut ihren Angaben im vergangenen Jahr zehn Verkehrsunfälle mit Motorrad- und Leichtkraftradbeteiligung aufgenommen. Als Leichtkrafträder gelten leistungsschwache Motorräder bis maximal 125 Kubikzentimeter Hubraum, die schon ab 16 Jahren gefahren werden dürfen.

Blumen und Fotos am ersten Parkplatz feldbergaufwärts rechts erinnern an einen der beiden im Juli auf der Kanonenstraße tödlich verunglückten Motorradfahrer.

Blumen und Fotos am ersten Parkplatz feldbergaufwärts rechts erinnern an einen der beiden im Juli auf der Kanonenstraße tödlich verunglückten Motorradfahrer. © jo

In diesem Jahr waren es bislang sieben Unfälle. Auf der rund acht Kilometer langen Strecke zwischen Hohemark und Sandplacken wurden im vergangenen Jahr sechs Verkehrsunfälle registriert; in diesem Jahr bisher ebenfalls sechs. Nach einem Höchststand von 34 Unfällen im Jahr 2018 hat es straßenbauliche Veränderungen und mehr Kontrollen gegeben, die zu einem dauerhaften Rückgang der Zweirad-Unfallszahlen geführt haben, heißt es von der Verkehrsdirektion des Polizeipräsidiums Westhessen.

„Auf der Kanonenstraße gibt es keine Unfallhäufungsstelle (UHS) für motorisierte Zweiräder“, sagt Polizeisprecher Florian Hähnlein. „Gemäß eines Erlasses des hessischen Innen- und des Wirtschaftsministeriums von 2024 liegt eine UHS in der Regel dann vor, wenn sich an Knotenpunkten oder auf Straßenabschnitten von 300 Meter Länge mindestens fünf Unfälle desselben Unfalltyps innerhalb eines Jahres oder mindestens drei Unfälle mit Schwerverletzten innerhalb von drei Jahren ereignet haben.“

Um Auffälligkeiten oder Häufungen bei Unfällen festzustellen, würde unabhängig vom Verkehrsmittel Auto, Lastwagen, Motorrad, Fahrrad oder Fußgänger die jeweilige Unfallörtlichkeit in Augenschein genommen und anhand des Unfallgeschehens analysiert. Demnach sind auf der Kanonenstraße mehrheitlich Autos an Unfällen beteiligt, und Wildunfälle sind die häufigsten Unfälle. Die Zahl der Motorradunfälle sei zwar deutlich niedriger, doch die Unfallfolgen seien mangels Knautschzone durch die schweren, schwersten und tödlichen Verletzungen umso schlimmer.

Gemeinsam versuchen Polizei, Verkehrsbehörden und Straßenbaulastträger wie Hessen Mobil deshalb, die Unfallfolgen abzumildern: durch Geschwindigkeitsreduzierungen, zusätzliche Hinweisschilder vor Kurven und Gefahrenstellen, die Prüfung der Fahrbahngriffigkeit sowie Unterfahrschutzschilde an den Leitplanken.

Die meisten Unfälle in Kurven

Die Biker verunglücken hauptsächlich in Kurven. Viele der Fahrer seien ortsunkundig, hätten als Anfänger, Spät- und Wiedereinsteiger wenig Fahrpraxis, seien dafür aber auf hochmotorisierten Maschinen unterwegs, die keine Fahrfehler verzeihen, hat die Polizei beobachtet. Es wird zu schnell in unbekannte Kurven eingefahren, es kommt dann oft zu Schreck-Bremsungen mit fataler Wirkung: Wer das Vorderrad in Schräglage zu stark bremst, hebelt die Maschine aus und überschlägt sich, wer das Hinterrad zu stark bremst, kann wegrutschen. Oft fehlt Schräglagenerfahrung und -mut, um zu verhindern, dass am Ende der Kurve zu wenig Straße übrig ist und der Kurvenspaß in Leitplanke, Böschung, Gegenverkehr oder am Baum endet. Alles Physik: Kraft gleich Masse mal Beschleunigung.

Deshalb bietet das Polizeipräsidium Westhessen übrigens seit einigen Jahren allen interessierten Bikerinnen und Bikern über die Saison verteilt drei Motorrad-Sicherheitstouren mit erfahrenen Motorradpolizeibeamten durch den Hochtaunus- und Rheingau-Taunus-Kreis an. Dabei gibt es stets viele hilfreiche Tipps und Informationen auf Augenhöhe „ohne erhobenen Zeigefinger“, so die Polizei: zu Gefahrenstellen, Erster Hilfe, Reifen, Schutzkleidung, Helmen, aber auch zu den Konsequenzen von unerlaubten Umbauten oder lärmenden Auspuffmanipulationen an den Maschinen. Allerdings sind alle drei Touren für dieses Jahr schon ausgebucht.

Auch die beiden Unfallorte vom 1. Juli sind im Zuge der Unfallaufnahme von Polizei, Hessen Mobil und Verkehrsbehörde detailliert analysiert worden, erklärt der Polizeisprecher. Nach gegenwärtigem Ermittlungsstand waren Fahrfehler die jeweilige Unfallursache. Sterben Menschen noch am Unfallort, werden von der Staatsanwaltschaft übrigens routinemäßig vereidigte Gutachter bestellt, um im Zuge der Ermittlungen das Unfallgeschehen vor Ort zu rekonstruieren.

Hier könnte es bei nicht angepasster Geschwindigkeit eng werden: Warnbaken weisen auf der L3004 auf die Linkskurve hin.

Hier könnte es bei nicht angepasster Geschwindigkeit eng werden. Warnbaken weisen auf der L3004 auf die Linkskurve hin. © jo

In einigen Kurven der Kanonenstraße sind die Leitplanken mit zusätzlichen Unterfahrschutzschilden gesichert, um schwerste Verletzungen zu verhindern.

In einigen Kurven der Kanonenstraße sind die Leitplanken mit zusätzlichen Unterfahrschutzschilden gesichert, um schwerste Verletzungen zu verhindern. © jo

In einigen Kurven der Kanonenstraße sind die Leitplanken mit zusätzlichen Unterfahrschutzplanken gesichert, um schwerste Verletzungen zu verhindern.

Beim Aufprall können die stählernen Kanten der Schutzplankenverankerungen wie eine Guillotine auf Gliedmaßen wirken. © jo