Was verrät die „Odyssee“ über die Zukunft der Menschheit? Slavoj Žižek weiß es
Slavoj Žižek erkennt in Nolans Blockbuster mehr als eine Heldengeschichte. Der Film hält der Gesellschaft den Spiegel vor: Das Maschinenzeitalter endet, die KI-Ära zieht herauf. Fragt sich nur, was danach kommt: Zivilisation oder Barbarei?
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Christopher Nolans neue Monumentalverfilmung der Odyssee gilt als Blockbuster mit gigantischem Spektakel und roher Kampfdarstellung – zumindest, wenn man den Kritiken glaubt. Wer den Film aber tatsächlich sieht, erlebt fast das Gegenteil: kleine Gruppen im Sand statt Massenschlachten, ein unscheinbarer Wasserwirbel statt Spezialeffekt-Furor, Helden, die im Trojanischen Pferd aufeinander pissen. Was, wenn gerade dieser Verzicht auf das Monumentale den Film zu einem Gleichnis auf unsere eigene Zeit macht?
Simon Rattle hat, als er noch Chefdirigent der Berliner Philharmoniker war, Arnold Schönbergs „Gurrelieder“ aufgeführt. Für eine ordentliche Aufführung wird eigentlich ein Riesenapparat benötigt – zusätzlich 400 Chormitglieder, plus ein großes Orchester. Schönberg dagegen hat gesagt, dass man im zivilisierten Europa für die gewünschte Wirkung eigentlich nur sechs, maximal sieben Musiker braucht.
Rattles Antwort auf dieses Paradoxon war: Gurrelieder sei eben ein Stück Kammermusik, das zufällig 600 Musiker benötigt, um richtig zur Geltung zu kommen. Genau dieses Paradoxon trifft auch auf den Monumentalfilm Odyssee von Christopher Nolan zu: Er ist sehr groß und spielt gleichzeitig im sehr kleinen.
„Odyssee“-Film: Warum Nolan auf Massenschlachten und Spezialeffekte verzichtet
Meine erste Reaktion auf die Odyssee war eine echte Überraschung: Nachdem ich viele Kritiken gelesen hatte, die von gigantischen Spektakel-Szenen und roher, authentischer Kampfdarstellung schwärmten, wirkte der Film, als ich ihn dann selbst sah, fast wie das genaue Gegenteil davon. Ein eher bescheidenes, fast kammerspielartiges Werk, das mich stellenweise an B-Movies erinnerte. Man sieht nie den Strand vor Troja mit Tausenden griechischer Soldaten und hunderten Booten im Hintergrund, es gibt keine Massenschlacht. Die Griechen am Strand sind nur eine kleine Gruppe, ein paar Dutzend Leute, verloren im schlechten Wetter auf öder Sandfläche.
Auch Troja selbst wird nicht als Megastadt gezeigt, sondern eher als eine Ansammlung von Gebäuden mit engen, verwinkelten Gassen dazwischen. Dazu vermeidet Nolan es, exzessive Grausamkeit direkt zu zeigen – man denke nur an die Passage von Odysseus’ Schiff zwischen Skylla und Charybdis. Charybdis ist kein gigantischer Whirlpool (leicht mit Spezialeffekten hinzubekommen), sondern ein ziemlich unscheinbarer Wasserwirbel, der keine Bedrohung ausstrahlt. Und genau das macht den Film so großartig.
Kommentator:innen haben längst festgestellt: Während sich die Ilias – also Homers Geschichte über den Kampf um Troja – auf männliche Heldentaten und Kämpfe konzentriert und Frauen bloß als Randfiguren behandelt, rückt die Odyssee auch das Innenleben der Frauen in den Vordergrund. Die Ilias beginnt mit dem Zorn des Achilles: Er ist wütend, weil Agamemnon ihm die Sklavin Briseis weggenommen hat – doch verletzt ist Achilles nicht wegen seiner emotionalen Bindung zu Briseis, sondern weil er sich in seinem Stolz gedemütigt fühlt.
Anne Hathaway, Charlize Theron, Samantha Morton: Nolans radikaler Bruch mit der Heldinnen-Idealisierung
Die Odyssee dreht diese Perspektive komplett um, und Nolan geht hier noch einen entscheidenden, geradezu genialen Schritt weiter: Die großen Stars, die die Frauen spielen (Anne Hathaway, Charlize Theron), werden nicht idealisierend inszeniert. Die Kamera zeigt sie voll, manchmal fast unangenehm direkt, mit ihrem tatsächlichen Alter. Sie sind größtenteils entsexualisiert – selbst Kalypso, die Odysseus jahrelang als Liebhaber bei sich behält, teilt mit ihm keinerlei erotische Spannung.
Diesen Höhepunkt der Entsexualisierung erreicht die Figur der Kirke, grandios gespielt von Samantha Morton. In Homers Epos ist Kirke eine Verführerin: Männer, die ihre Avancen ablehnen, verwandelt sie in Schweine, und Odysseus hält sie ein Jahr lang als Liebhaber fest. Im Film dagegen ist sie einfach nur angewidert von der männlichen Gefräßigkeit und verwandelt die Männer erst dann in Schweine, wenn diese nicht aufhören können zu fressen.
Ausgerechnet die mächtigste männliche Figur, Agamemnon, bleibt merkwürdig entpersonalisiert: Wir sehen sein Gesicht kaum, es verschwindet hinter einem riesigen Helm – genauso ergeht es den trojanischen Soldaten: anonym, entpersonalisiert. Der Film beschreibt zwar die griechischen Verbrechen und Betrügereien, stellt ihnen aber keine ehrlicheren, sympathischeren Trojaner gegenüber.
Das Trojanische Pferd bei Nolan: Pisse, Kot und ein Fall von Brechtscher Verfremdung
Nolan beklagt nicht bloß den Niedergang des heldenhaften Bronzezeitalters – er zeigt das, indem er die schmutzige, banale Realität hinter den Heldentaten offenlegt, die die poetischen Erzählungen sonst ausblenden. Ein Paradebeispiel dafür ist das Trojanische Pferd. Vergesst die versteckten Griechen, die herausspringen, sobald das Pferd in die Stadt gezogen wird: Nolan zeigt in eklig-klaustrophobischem Detail das Leben dieser Helden, während sie tagelang darin ausharren müssen – sie pissen und scheißen aufeinander –, und legt so ihren animalischen Siegeshunger offen. Ist das aus heutiger Sicht nicht fast ein Fall von Brechtscher Verfremdung?
Odysseus sagt im Film, sie stünden am Ende des Bronzezeitalters – eine absurde Selbstbeschreibung, die die Lüge seines historischen Bewusstseins offenbart: Odysseus konnte per definitionem gar nicht wissen, dass es so etwas wie „das Bronzezeitalter“ als historische Epoche gibt, denn er steckte selbst noch mittendrin – er ahnte nicht, was für eine Welt seine eigenen Verbrechen erst begründen würden.
Dante hatte recht, Odysseus in den achten Höllenkreis zu stecken
Was man die Ursünde nennen könnte, passiert gleich zu Beginn des Films: Wir sehen Sinon, einen jungen griechischen Soldaten, der halb im Strandsand vergraben das hölzerne Trojanische Pferd bewacht. Er soll den Trojanern erzählen, die Griechen seien abgezogen und das Pferd sei ein Versöhnungsgeschenk, das die Trojaner in die Stadt ziehen sollen.
Doch Odysseus hat Sinon nicht gesagt, dass sich griechische Elitesoldaten im Inneren des Pferdes verstecken: Odysseus wusste, dass die trojanische Patrouille Sinon töten würde – und genau das wollte er, damit die Trojaner die Erklärung glauben, die Sinon ihnen gibt – es sei bloß ein rituelles Geschenk zum Kriegsende. Warum? Weil Odysseus davon ausging: Wenn Sinon selbst die Lüge über das Pferd nicht glaubt, wird er die Trojaner nicht überzeugen können. Das ist zynisch, brutal und menschenfeindlich. Dante hatte recht, als er Odysseus in seinem Inferno in den achten Höllenkreis steckte.
Was erwartet die Menschheit in der Zukunft: Zivilisation oder Barbarei?
Odysseus’ abschließende Reflexionen am Ende des Films zielen ziemlich eindeutig auf unsere heutige Lage. So wie Odysseus’ Manipulationen und Lügen das Ende der Bronzezeit und den Beginn der klassischen griechischen Epoche einläuten, endet heute das Maschinenzeitalter, in dem die Menschheit Natur und Menschen kontrolliert hat. Wir betreten eine neue Ära, geprägt von zwei Dingen: der Dominanz der Künstlichen Intelligenz und dem Aufstieg einer „Post-Truth“-Kultur. Deshalb hören wir heute überall, wir stünden vor einer zivilisatorischen Zäsur – und genau wie in der Odyssee haben wir keine klare Vorstellung davon, was danach kommt.
Vielleicht eine viel höhere Zivilisationsstufe? Vielleicht eine neue Barbarei? Oder vielleicht eine bislang unerhörte Mischung aus beidem? Man muss hier an Walter Benjamins berühmten Aphorismus denken: „Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein.“ Normalerweise liefert Ideologie nur den glorreichen Anfang einer neuen Zivilisation und blendet den dunklen Hintergrund, ihre Gründungsbarbarei, aus. Nolans Odyssee macht das Gegenteil: Der Film konzentriert sich auf die Gründungsverbrechen, ohne auch nur anzudeuten, welche neue Zivilisation diese Verbrechen begründen wird.
Jeder Versuch, die alte Größe wiederherzustellen, ist zum Scheitern verurteilt
Ich bin versucht, Odyssee genauso zu lesen, wie der US-amerikanische Literaturkritiker Fredric Jameson die „Antigone“ gelesen hat: Für ihn ist das kein Stück über die Krise der griechischen Polis, über den Zerfall ihrer organischen Einheit. Ganz im Gegenteil, es ist ein Stück über die Entstehung eines Staates, durch die Trennung zwischen privater Familiensphäre und öffentlicher Staatssphäre.
Ein Staat ohne diese Kluft ist kein Staat. Was also, wenn auch die Odyssee nicht bloß die traurige Geschichte vom Verschwinden der bronzezeitlichen Heldenkrieger und dem Aufstieg eines neuen Geistes von Lug und Trug ist? Denn zugleich ist die Odyssee die Geschichte der Entstehung einer neuen Zivilisation – des klassischen Griechenlands –, des Verbrechens und Betrugs, auf dem das Modell gründet, das die gesamte westliche Tradition, ihre Philosophie und Kunst hervorgebracht hat.
Odysseus’ Nostalgie nach dem verschwindenden Bronzezeitalter ist damit letztlich falsch: Sobald wir in der neuen Ordnung sind, gibt es kein Zurück mehr – jeder Versuch, alte Größe wiederherzustellen, endet in neuer, brutaler Barbarei.
Odysseus zieht eine ganz eigene, perverse Befriedigung aus den Entbehrungen
Selbst Adornos berühmtes Kapitel über Odysseus in der Dialektik der Aufklärung verfehlt hier den Punkt, wenn es die Odyssee als ultimative Allegorie der westlichen Zivilisation präsentiert: Odysseus als prototypisch bürgerliches Subjekt, das seine eigenen Begierden unterdrückt und die Natur ausbeutet, um zu überleben.
Er lügt und betrügt, um Herrschaft über andere und die Natur auszuüben – doch der Preis für sein Überleben ist, dass dieses Überleben zum Selbstzweck wird und keinem höheren geistigen Ziel mehr dient: Was eigentlich nur Mittel sein sollte, wird zum eigenen Zweck… Ich glaube, Odysseus’ Manipulationen, seine Bereitschaft, einzelne Leben zu opfern, damit ein größeres Ganzes überleben kann, sind mehr als bloß instrumentelle Vernunft. Es ist eine Form der Trickserei, die eine ganz eigene, perverse Befriedigung aus den Entbehrungen zieht, die sie anderen – und dem Helden selbst – auferlegt.
Am Ende des Films setzen Odysseus und seine wiedergewonnene Ehefrau Penelope ihren Sohn Telemachos als neuen König ein. Sie brechen selbst Richtung Westen auf, um dort all die Soldaten zu treffen, für deren Tod Odysseus verantwortlich war, um Frieden mit ihnen zu schließen. Meine böse Idee wäre: Was, wenn wir in einer zusätzlichen Szene, die sich mit dem Abspann überschneidet, sehen, wie Odysseus und Penelope Amerika erreichen und auf die dortigen Ureinwohner treffen – die sie prompt abschlachten, weil sie ihre Zerstörungskraft sofort durchschauen…
Und, um mit etwas Hoffnung zu schließen: Vielleicht ist es ja ein Zeichen, dass unsere Zivilisation noch nicht ganz am Ende ist, dass ein schwieriger, düsterer Film wie Odyssee immer noch ein großer Erfolg ist – und dabei Blockbuster wie Moana und Minions & Monsters hinter sich lässt.
Slavoj Žižek (geboren am 21. März 1949 in Ljubljana) ist ein slowenischer Philosoph und einer der bekanntesten Intellektuellen der Gegenwart. Er lehrt am Institut für Philosophie der Universität Ljubljana und ist internationaler Direktor des Birkbeck Institute for the Humanities in London. Seine Arbeiten verbinden Psychoanalyse, Hegel und Popkultur und machten ihn zu einem der einflussreichsten Denker seiner Zeit.