„Sind eine aussterbende Spezies“: Drachenflieger feiern besonderes Jubiläum

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„Sind eine aussterbende Spezies“: Drachenflieger feiern besonderes Jubiläum

Stand: 22.07.2026, 18:13 Uhr

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Historische Aufnahme Ammergauer Drachenflieger.

Heute unvorstellbar: In den Anfangszeiten waren die Drachenflieger auch mal leicht bekleidet unterwegs. © Privat

Seit einem halben Jahrhundert gibt es die Ammergauer Drachen- und Gleitschirmflieger. Vor dem großen Fest blicken sie auf turbulente Anfangszeiten zurück.

Oberammergau – Blutige Hände, aufgeschlagene Knie und Bauern, die mit Unterschriftenlisten gegen die Flieger mobil machen: Als die ersten Drachenpiloten vor mehr als 50 Jahren von den Bergen des Ammertals abhoben, war Fliegen noch ein echtes Abenteuer. Wer sich in die Luft wagte, benötigte Mut – und eine gewisse Bereitschaft, mit dem Schicksal zu verhandeln. „Nicht mehr zu vergleichen mit heute“, sagt Paul Raggl, genannt Pauli, der seit frühester Kindheit vom Fliegen fasziniert ist. 

Ein halbes Jahrhundert Drachenflieger

Sein Vater – gleicher Name, gleiche Leidenschaft – gehörte zu den Pionieren, die 1973 staunend beobachteten, wie sich der Amerikaner Mike Harker als erster Mensch mit einem Hängegleiter von der Zugspitze stürzte. Nur zwei Jahre später gelang Werner Braun der erste Flug vom Laber. Jetzt, ein halbes Jahrhundert später, kehren viele dieser Pioniere zurück: Am 25. Juli feiern die Ammergauer Drachen- und Gleitschirmflieger am Landeplatz „Im Winkl“ ihr 50. Jubiläum (siehe Kasten).

Es gibt nur eine Antwort auf die Frage, warum sie sich das trauen. „Der Traum vom Fliegen – deshalb fängt jeder an“, erklärt Conny Eylert. Mit Raggl führt sie seit 2009 den Verein. Das Duo empfängt an der Vereinshütte, ein paar Meter oberhalb von Oberammergau. Von hier aus sieht man alle majestätischen Gipfel: Laber, Kofel, auch den Hebamsberg, der in keiner Karte vermerkt, aber bei den Ammergauern beliebt ist. 

Historische Aufnahme Ammergauer Drachen-und Gleitschirmflieger.

Jeder Schritt zählt: Der Start ist für alle Gleitschirmflieger eine Herausforderung. Hier eine alte Aufnahme aus dem Winter. © Privat

So abenteuerlich ging es in den Anfangszeiten zu – Flieger erinnert sich

Dort startete Raggl zu seinem ersten Flugabenteuer. 14 Jahre war er alt, und erlaubt war das in diesem Alter eigentlich nicht. Aber wen kümmerte es damals? „Ich hab‘ dem Papa keine Ruhe gelassen“, scherzt der Pauli. Daheim erlebte er, was es heißt, ein Drachenflieger jener Tage zu sein. Nicht selten kam der Vater mit blutigen Händen heim. Die Rogallo-Drachen – entwickelt für die Raumfahrt – ließen sich im Sturzflug nicht mehr kontrollieren. Knickte der Flügel nach unten weg, stürzte der Drache ab. „Flattersturz“ nannten die Drachenflieger diese gefürchtete Ausnahmesituation. In den 1970ern starben viele Piloten im Alpenraum einen grausamen Tod, auch im Ammertal. Bis man die Drachen so weiterentwickelte, dass sie sich im Notfall selbst auffingen. 

1976 organisierten sich die Flieger aus dem Ammertal in einem Verein. Sie wollten selbst bestimmen, wer sich von ihren Bergen stürzt. Davor lag die Zulassung bei Münchner Alpinen. Die ersten Hängegleiter hierzulande landeten hinter dem Wellenberg oder auf einer der Wiesen am Ortsrand. Den Bauern gefiel das gar nicht, sie leisteten Widerstand, starteten eine Unterschriftenaktion, man einigte sich schließlich. Längst haben die Ammergauer Flieger eine Landeplatzfläche gekauft. „Toll, dass uns das gehört“, sagt Raggl. Ein weiterer Landeplatz für Gleitschirme am Schwimmbad ist gepachtet. 

Vorsitzende Ammergauer Drachen- und Gleitschirmflieger.

Führen den Verein: Conny Eylert und Paul Raggl. © Andreas Mayr

Über 100 Mitglieder

102 Mitglieder verzeichnen sie aktuell. Die Mehrzahl der Aktiven sind Gleitschirmflieger. Die meisten aus der Gegend, ein paar aus München oder noch weiter weg. Seit Jahrzehnten ist die Zahl konstant. Bei aller Konkurrenz im Freizeit- und Abenteuer-Segment gilt nach wie vor: „Es ist die unkomplizierteste Art, in die Luft zu kommen. Die Freiheit ist groß“, erklärt Conny Eylert. Wenn’s schnell gehen muss, wandert oder fährt man auch alleine auf den Gipfel.

Jeder muss wissen, was er drauf hat. Das ist nicht wie Spazierengehen.

Außerdem sind die Drachenflieger eine treue Gilde, fliegen seit Jahrzehnten und sitzen nach ihren Touren an der Vereinshütte zusammen. Die Jüngeren sind beinahe gänzlich auf den Gleitschirm umgestiegen. Der ist leichter zu transportieren, einfacher aufzubauen, zu starten und zu landen. Aber auch anfälliger für Böen und Starkwind. Schon in den 1980ern setzte ein Boom ein, überall im Alpenraum entstanden Flugschulen – auch in Bad Kohlgrub und Garmisch-Partenkirchen. 

„Wir sind eine aussterbende Spezies“

Das Drachenfliegen lehren nicht mehr viele. „Wir sind eine aussterbende Spezies“, sagt Conny Eylert über sich und die Kollegen, die meisten über 60 Jahre alt. Es gehört einiges dazu, in diesem prächtigen Gefährt abzuheben. Der Start – ein Dreisatz aus Anlauf, Wind und Kontrolle des Drachen – muss sitzen. Abbrechen kann man nicht. Unter den Sportlern gibt es ein Sprichwort: Der eigentliche Mut des Drachenfliegers zeigt sich, wenn er bei schlechten Bedingungen wieder abbaut. „Jeder muss wissen, was er drauf hat. Das ist nicht wie Spazierengehen“, betont Conny Eylert. Wer bei Drachen – oder Gleitschirm – neu einsteigen will, sollte sportlich und etwas leidensfähig sein. Ganz Fleißige schaffen den Schein in einem Sommer.

Jeder Flug ist ein Erfahrungswert. Mit der Zeit ist man gerüstet für die großen Touren. An manchen Tagen geht’s für die Ammergauer bis ins Engadin oder das Ötztal. Früher, als es noch kein Handy gab, musste man sich eine Telefonzelle oder ein Hotel für einen Anruf suchen und wartete Stunden auf den Abholdienst aus der Heimat. Heute kann jeder, der will, am Rechner via GPS-Tracker die Routen verfolgen. Die Technik hat den Sport mit sich mitgezogen. Als Paul Raggl vor fast 50 Jahren seine ersten Wettkämpfe bestritt, galten noch kuriose Regeln. Streckenflüge hatte er mithilfe eines Fotoapparats zu dokumentieren. Abzulichten waren etwa markante Brücken, Kirchen oder Kreuzungen aus der Luft. Bei der Landung musste er einen Zeugen suchen, der den Logbericht unterzeichnete und sich gemeinsam ablichten ließ. „Das war vogelwild und abenteuerlich“, erinnert sich Raggl, der unter anderem 1981 bei der WM in Japan dabei war. 

Das Jubiläum

Alle zehn Jahre feiern die Ammergauer Drachen- und Gleitschirmflieger groß ihren runden Geburtstag. Zum 50er kommen an die 200 Gäste, eigene Leute und Kollegen aus befreundeten Vereinen. Generell sind alle Interessierten willkommen. Um 10 Uhr beginnen die Feierlichkeiten auf dem Vereinsgelände „Im Winkl“. Ein Shuttlebus bringt die Gäste regelmäßig vom Wellenberg hin und zurück. Vor Ort gibt es keine Parkplätze. Unter anderem können Besucher sich in einen Drachen- und einen Gleitschirmsimulator setzen, zu Passagierflügen mit den Experten des Vereins aufbrechen, eine Fotowand zur Geschichte des Vereins betrachten oder historische Hängegleiter bestaunen. Ab 11 Uhr gibt es ein Kinderprogramm mit Hüpfburg, Pferdereiten und Facepainting, um 12 Uhr öffnet die Grillstation. Der offizielle Teil mit einer ökumenischen Andacht sowie Rückblick und Reden zu 50 Jahren startet gegen 15 Uhr. Abends feiern alle bei Livemusik und Tanz. Bei Regen stehen zwei Zelte zum Feiern bereit. Mehr Infos unter www.ammergauer-flieger.de.

Kritische Momente in Südafrika

Seine Nachfolger im Drachen und Gleitschirm starten jedes Jahr beim Deutschen Streckenflugpokal, landen häufig auf dem Podest. Vereinsintern richten sie eine Clubmeisterschaft und den Laber-Pokal aus. Einmal im Jahr machen sie sich zum Clubausflug auf. „Man lernt voneinander“, erklärt Conny Eylert. Manchen zieht es richtig weit weg. Paul Raggl flog schon über Lanzarote, Namibia, Südafrika, teilweise in 6000 Metern Höhe. Das Material schickten sie Monate im Voraus via Schiffstransport ins Land. Einmal, in Südafrika, überschlug es ihn etliche Male in der Luft. Glücklicherweise kam er mit blauen Flecken davon. In solchen Momenten wird klar: Die Lüfte gehören nicht ihnen. Eher schon den Adlern, die sie auf so mancher Tour begleiten. Paul Raggl sagt: „Das sind die wahren Flieger.“ (am)