Selbstschussanlage tötet 1878 Jungbauern: Fuß zerschmettert, im Wald verblutet

Jakob Klinger kehrt in einer Winternacht 1878 nicht nach Hause zurück. Ein Suchtrupp findet den 38-Jährigen mit zerschmettertem Fuß im Unterholz – eine Legbüchse hatte ihn getroffen.

  • 4 min read
Selbstschussanlage tötet 1878 Jungbauern: Fuß zerschmettert, im Wald verblutet

Stand: 05.09.2026, 08:27 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Das Marterl im Wald zwischen Baumberg (Frauenneuharting) und Aepfelkam (Ebersberg) erinnert an den Tod des 38-jährigen Jungbauern.

Das Marterl im Wald zwischen Baumberg (Frauenneuharting) und Aepfelkam (Ebersberg) erinnert an den Tod des 38-jährigen Jungbauern. © Josef Ametsbichler

Jakob Klinger kehrt in einer Winternacht 1878 nicht nach Hause zurück. Ein Suchtrupp findet den 38-Jährigen mit zerschmettertem Fuß im Unterholz – eine Legbüchse hatte ihn getroffen.

Frauenneuharting – Als Jakob Klinger in einer eiskalten Winternacht des Jahres 1878 nicht auf den heimischen Hilger-Hof in Baumberg bei Frauenneuharting zurückkehrt, findet am Morgen darauf eine großangelegte Suchaktion statt. Es kommt so schlimm, wie es nur kommen kann. Als ihn der Suchtrupp an dem Waldweg findet, der vom Ebersberger Weiler Aepfelkam nach Baumberg führt, liegt der 38-Jährige dort mit zerschmettertem Fuß im Holz, der ganze Stiefel suppt vor Blut.

Eine Legbüchse zerschmetterte Jakob Klingers Bein wohl mitsamt der Arterie. Die Darstellung auf dem Bildstock wurde 2014 durch den Künstler Nikolaus Stigloher neu gestaltet, der Text ist bereits verwittert.

Eine Legbüchse zerschmetterte Jakob Klingers Bein wohl mitsamt der Arterie. Die Darstellung auf dem Bildstock wurde 2014 durch den Künstler Nikolaus Stigloher neu gestaltet, der Text ist bereits verwittert. © Repro: JA

Mit dem Schlitten holen sie ihn heim ins Warme. Doch schon im Wald oder kurz darauf stirbt der Bauerssohn und Hofnachfolger am Blutverlust, noch bevor er die heiligen Sterbesakramente empfangen kann. „Kam vermutlich tot nach Hause. Konnte nicht mehr providiert (versorgt, Anm. d. Red.) werden“, zitiert der Frauenneuhartinger Historiker Bernhard Schäfer aus den kirchlichen Sterbematrikeln von damals. Auf dem Familiengrabstein in Frauenneuharting steht der Name des dort Beerdigten bis heute.

„Legbüchse“ zerschmettert Bein

Jakob Klinger ist, der Überlieferung nach, auf dem nächtlichen Heimweg von Ebersberg erschossen worden. Allerdings nicht mit einer gezielten Gewehrkugel, sondern von einer im Wald aufgestellten „Legbüchse“, einer Art Selbstschussanlage. Bis heute erinnert an dem Unglücksort ein Marterl, ein Bildstock aus Tuffstein, an den Vorfall am späten Abend des 9. Dezember 1878. Das Gemälde darauf zeigt den Verblutenden im verschneiten Winterwald, das Mündungsfeuer aus der Legbüchse, den zerfetzten Unterschenkel, den ausgelösten Stolperdraht der tödlichen Falle. Es ist keine zeitgenössische Darstellung, sondern eine moderne Interpretation der Geschichte: Erst 2014 haben örtliche Jäger die Bildnische vom Maler Nikolaus Stigloher neu gestalten lassen. Das Wetter hat dem Text bereits kräftig zugesetzt: „Durch Legbüchsen verunglückte hier tödlich am 9. Dezember 1878 Jakob Klinger vom ‚Hilger‘ in Baumberg. R. I. P.“

Historiker Bernhard Schäfer hat einen Verweis gefunden, dass eine landgerichtliche Kommission den Vorfall damals untersuchte. Doch ob sie zu einem Ergebnis kam – ob es ein tragischer Tod durch eine illegale Jagdfalle, ein selbst verschuldeter Wildererunfall oder gar ein heimtückischer Mord war, der den Jungbauern das Leben kostete? Entsprechende Aufzeichnungen sind nicht bekannt.

Auch die Nachkommen und die Hofnachfolger, inzwischen zwei verschiedene Familien, können sich nur auf vage mündliche Überlieferungen stützen. Von Wilderern aus der Grafinger Gegend, die für die Legbüchse verantwortlich gewesen sein könnten, erzählten die Alten. Über königliche Jäger, die die Wälder gerade wegen der Wilderer mit solchen tödlichen Fallen versahen, spekulierte der 2017 verstorbene Kreisheimatpfleger Markus Krammer. Dass Schießpulver aus dem damaligen Nagelfluhsteinbruch im nahen Tegernau in der Selbstschussanlage zum Einsatz gekommen sein könnte, erzählt man sich.

Wilderei in schweren Zeiten

Fest steht, dass es eine harte Zeit war, damals, als der „Kini“ Ludwig II. regierte. Eine Zeit kalter Winter und von Auswanderungswellen nach Amerika; es herrschte immer wieder wirtschaftliche Not, womöglich sogar Hunger. Wilderei war nicht zuletzt deshalb in Bayern weitverbreitet: 1877 ist das Todesjahr des berühmten Georg Jennerwein aus dem Miesbacher Raum. Auch aus dem Ebersberger Forst sind Wilderervorfälle überliefert.

Der Familienstammbaum weist den verbluteten Jakob Klinger als einen von 13 Geschwistern aus. Zwei starben als „Anonymus“ ungetauft im Kindbett. Drei weitere wurden wenige Tage bis kaum ein Jahr alt. Sechs Töchter heirateten fort, so war es damals eben. Und erst das dreizehnte Kind, der jüngste Bruder, führte den Hof schließlich fort. Ungefähr zu jener Zeit, in den 1870er-Jahren, ließ die Landwirtsfamilie in Baumberg eine Kapelle errichten, die heute schmuck renoviert am Straßenrand steht. Jakob Klingers Vater ist laut Bernhard Schäfer als Stifter eines Hostienkelchs in den Pfarreiannalen verzeichnet. Die genauen Beweggründe von damals sind nicht überliefert, doch die Bitte um Gottes Segen in schweren Zeiten dürfte einer davon gewesen sein.