Russophobie oder nur Wut auf Putin? Was hinter Lawrows Vorwürfen steckt

Ein Gespenst geht um in Europa, aber dieses Mal ist es nicht der Kommunismus, wie Karl Marx damals behauptete, sondern etwas ganz anderes: Russenfeindlichkeit, oder, wie der russische Außenminister Sergej Lawro...

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Russophobie oder nur Wut auf Putin? Was hinter Lawrows Vorwürfen steckt

Ein Gespenst geht um in Europa, aber dieses Mal ist es nicht der Kommunismus, wie Karl Marx damals behauptete, sondern etwas ganz anderes: Russenfeindlichkeit, oder, wie der russische Außenminister Sergej Lawrow das ausdrückt, „Russophobie“.

Zuletzt gabs dazu auch in Deutschland eine Debatte, nachdem der FAZ-Journalist Michael Martens bei einer Pressekonferenz in Belgrad am 8. August den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj etwas ungeschickt fragte, wie „Europäer der Ukraine konkret helfen könnten, mehr (russische) Soldaten zu töten.“ Das war ein Novum: zum ersten Mal erregte die Frage bei einer Pressekonferenz von Politikern mehr Aufmerksamkeit und Aufregung als die Antwort.

Nach den Reaktionen im Internet war dieser kurze Wortwechsel für viele Deutsche auch eine Art Weckruf: ihren Reaktionen nach zu schließen wurde ihnen plötzlich klar, dass es in dem seit über vier Jahren irgendwo im Osten tobende Krieg darum geht, welche Seite mehr feindliche Soldaten umbringt. Das ist eigentlich das Wesen eines jeden Krieges, aber offenbar war das nicht allen klar.

Russophob, braun, Nazi

In Russland löste die Frage (nicht die Antwort) einen Sturm staatlich inspirierter Empörung aus und Martens wurde von den russischen Behörden zur weltweiten Fahndung ausgeschrieben. Die Sprecherin des Außenministeriums, Maria Sacharowa nannte die Äußerung unzulässig und kriminell; das Außenministerium bezeichnete Martens als „braunen Propagandisten“ und warf ihm vor, Russen zu entmenschlichen und Hass gegen Russland zu legitimieren, Außenminister Lawrow sprach von einem Wiederaufleben des Nationalsozialismus in Deutschland.

Und da tauchte es dann auch wieder auf, das Gespenst Russophobie. Sacharowa verwendete es, die russischen Medien nannte Martens Frage „russophob“ und selbst der slowakische Ministerpräsident Robert Fico sprach von einer „Atmosphäre der Russophobie.“ Und schließlich reagierte hier die Schriftstellerin Natascha Wodin mit einem Brief, deren Veröffentlichung von der FAZ abgelehnt worden war und in dem sie – in Anlehnung an Martens Frage – behauptete, Russen „gelten erneut als Barbaren, als Weltfeind, als Monster, nah an jenen schauerlichen Wesen mit Schwanz und Hörnern, als die sie während des Zweiten Weltkriegs dargestellt wurden.

Russland wird wieder als das Reich des Bösen gesehen, das Ronald Reagan schon im Jahr 1983 von der Erdoberfläche zu tilgen versprach.“ Und weiter: „Russenhass und Russenangst sind in Deutschland nie vergangen, die Russen sind immer Feindbild und Projektionsfläche für alles Böse geblieben.“ Das Wort „Russophobie“ kam darin nicht vor, aber laufen „Russenhass, Russenangst“ nicht auf das Gleiche hinaus? Nicht ganz. Ich finde den Brief zwar undurchdacht und in sich widersprüchlich, aber in einem Punkt gebe ich der Autorin recht, nämlich bei dem, was sie nicht schrieb.

Russenhass gibt es, und der nährt sich natürlich – genau wie Pazifismus und pro-russische Einstellungen – aus der Angst vor Russland, das, wenn man Wodin glaubt, zwar eine fürchterlich mächtige Atommacht ist, gegen die man sowieso keine Chance hat, aber gleichzeitig auch ein friedliebendes Land mit einer ehrlichen Regierung.

Russland hassen, aber Russen nicht - geht das?

Und da sind wir auch schon bei der ersten Crux: wer Angst vor der russischen Regierung oder dem Land oder Staat Russland hat, muss deshalb ja nicht „die Russen“, „alles Russische“ und sogar die russische Kultur hassen. In manchen ukrainischen Kreisen – und bis in pro-ukrainische Wissenschaftskreise hinein – gibt es seit dem Februar 2022 zwar eine Tendenz, den Krieg gegen die Ukraine als Ausdruck des „wahren russischen Wesens“ und Kulmination einer angeblich gewaltverherrlichenden, imperialen, kolonialistischen Kultur zu sehen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am 8. August 2026 bei seinem ersten offiziellen Besuch in Belgrad.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am 8. August 2026 bei seinem ersten offiziellen Besuch in Belgrad.

© President of Ukraine/imago

Dafür gibt es psychologische Erklärungen, aber die verdeutlichen nur, warum Menschen solche Schlussfolgerungen ziehen, sie sagen dagegen nichts über Russland und die Russen aus. Wer will, kann auch ein genauso schräges und voreingenommenes Bild von Russland als ein von Anfang an friedliebendes Land zeichnen, das sich immer nur gegen feindliche Eindringlinge und Intrigen verteidigt hat. Evidenz gibts für beides, genauso wie Beweise fürs Gegenteil.

Ich selbst werde jedenfalls nicht aufhören Turgenjew oder Dostojewski zu lesen, weil Putin die Ukraine überfallen hat. Damit bin ich allerdings mehr Tscheche oder Ukrainer als Deutscher. Die Tschechen sind nämlich in dieser Hinsicht ein Phänomen in Europa: Sie unterscheiden sehr genau und deutlich zwischen „den Russen“ und dem „russischen Staat.“ Die Sympathie zu beiden sank durch den russischen Überfall auf die Ukraine 2022 von exakt 25 Prozent auf 15 Prozent, aber diejenigen, die überhaupt keine Sympathie äußern, tun das in weit größerem Maße gegenüber dem Staat als gegenüber dem russischen Volk.

Diese Unterscheidung machen sogar Ukrainer, die vor 2014 ja einmal zu den pro-russischsten Ländern der Welt gehörten. Damals lag die Sympathie für „Russland“ (also den Staat) bei 78 Prozent. Unmittelbar vor dem russischen Überfall 2022 war sie immerhin noch bei 34 Prozent und fiel danach auf 4 Prozent, die Sympathie zu „den Russen“ fiel dagegen von 74 (Anfang 2022) auf 8 Prozent nach dem Überfall.

Russische Politik gibts, aber keine jüdische

Frage an Herrn Lawrow: Könnte es sein, dass die Abneigung gegen den russischen Staat (und in geringerem Ausmaß gegenüber „den Russen“) etwas mit Ihrer Politik zu tun hat? Wenn ja, dann unterscheiden sich zumindest Abneigung gegen Russland und Russen in einem wichtigen Punkt von Fremdenhass und Antisemitismus. Die beiden letzten Phänomene kommen auch völlig ohne eigenes Zutun ihrer Zielgruppen zustande und sie sind schon gar keine Reaktionen auf deren Politik, denn "die Fremden“ und „die Juden“ machen keine Politik.

Manche Juden tun das mit Hilfe Israels, aber das erklärt dann anti-israelische Haltungen (zum Beispiel unter Palästinensern und Libanesen), aber keine antisemitischen. Und „die Fremden“ können nicht einmal so Politik machen, sie haben weder einen Staat noch die (wie Soziologen das nennen) „Fähigkeit kollektive Entscheidungen zu fällen und durchzusetzen“.

Ganz abgesehen davon, dass „Fremde“ ja auch nirgends als Gruppe auftreten und nur selten gemeinsame Interessen haben, weil sie ja aus unterschiedlichsten Herkunftsstaaten, ethnischen, nationalen und religiösen Gruppen und Kulturen kommen. Oder kann sich jemand vorstellen, wie Palästinenser, Araber und Juden in Deutschland eine gemeinsame Politik machen, die dann zu ihrer Ablehnung durch alle anderen führt?

Antisemitismus ist mehr als Fremdenhass

Dieses intellektuelle Hindernis kann man nur überwinden, wenn man eine Verschwörungstheorie konstruiert, nach der es eine „geheime jüdische Weltregierung“ gibt, die das Verhalten aller Juden auf dieser Welt steuert und dafür sorgt, dass die ihre Interessenunterschiede und politischen Orientierungen vergessen und alle an einem Strang ziehen, natürlich an einem, der den Untergang aller anderen herbeibeschwören soll. Für den Antisemiten sind alle Juden gleich, absolut solidarisch und arbeiten gegen ihn.

Mit dem Fremdenfeind ist es ähnlich: Er muss, um seine Ablehnung alles Fremden begründen zu können, davon ausgehen, dass alle, die er „Fremd findet“, gleich sind, ihm schaden wollen und zu diesem Zweck gemeinsam handeln, soll heißen: sich verschwören. Wer „Fremder“ ist, entscheiden Fremdenfeinde selbst, willkürlich und ohne Rücksicht darauf, wie sich diese Fremden selbst fühlen und welchen Status sie haben. Das haben sie mit den Antisemiten gemein - die entscheiden auch völlig willkürlich, wer Jude ist und wer nicht.

Ein Türke ist für einen Fremdenfeind auch dann ein Fremder, wenn er die deutsche Staatsbürgerschaft hat und sich als Deutscher fühlt. Ein Jude ist für den Antisemiten auch dann einer, wenn er sich assimiliert hat, zum christlichen Glauben übergetreten oder Atheist geworden ist und ebenfalls die deutsche Staatsbürgerschaft hat. Trotzdem ist Antisemitismus nicht bloß eine Spielart von Fremdenfeindlichkeit.

Das Sowjetische Ehrenmal an der Straße des 17. Juni in Berlin.

Das Sowjetische Ehrenmal an der Straße des 17. Juni in Berlin.

© Schoening/imago

Das liegt daran, dass sich an den Antisemitismus eine ganze komplizierte Weltanschauung knüpft, die weit älter als der Staat Israel ist. Niemand behauptet beispielsweise, „die Fremden“ hätten eine Weltherrschaft errichtet und steuerten mit Hilfe einer geheimen Weltregierung das Verhalten aller Fremden auf dieser Welt und arbeiteten so am Untergang aller Nicht-Fremden (obwohl sie danach ja nicht mehr beherrschen könnten). Niemand behauptet, „die Fremden“ seien gleichzeitig schuld an Kapitalismus, Liberalismus und Kommunismus. Jeder ist in einem anderen Land selbst ein Fremder und würde sich dann ja selbst zum Feind der Menschheit erklären.

Gab es Russophobie, bevor es Russland gab?

In Bezug auf Juden kursieren alle diese Verschwörungstheorien mindestens seit dem 19. Jahrhundert auf der Welt, verbreitet in Gestalt der „Protokolle der Weisen von Zion“, die die russische Ochrana, der zaristische Geheimdienst aus verschiedenen anderen antisemitischen Pamphleten zusammenklitterte. Seitdem werden sie in der arabischen und christlichen Welt mit ähnlichem Fleiß verbreitet und mit ähnlicher Hingabe geglaubt. Aber weit davor gab es bereits christliche Theorien über die Juden als „Mörder Jesus Christus“, Juden als Ursache von Pest und Cholera, als Brunnenvergifter im Dreißigjährigen Krieg und Kinderschänder, die aus dem Blut christlicher Kinder religiöse Speisen zubereiten.

Und natürlich waren Juden auch per se und bei jeder kriegerischen Auseinandersetzung in Europa der Spionage für die jeweils andere Seite verdächtig. Die inneren Widersprüche dieser Theorien fielen selten ins Gewicht: wie können Juden alle gleich sein, wenn die einen für Russland und die anderen für das Habsburgerreich spionieren? Wie kann es sein, dass die Juden eine geheime Weltverschwörung anzetteln, aber die Antisemiten trotzdem davon erfahren?

Heute gibts eine solche weltumspannende Verschwörungserzählung von Menschen aus unterschiedlichen Ländern, die angeblich alle gleich sind und an unserem Untergang arbeiten, nur noch in Bezug auf eine, genauso heterogene Gruppe wie die Juden: die Muslime. Die Behauptung, „der Islam“ sei überall gleich und Muslime unser Verderben, weil sie die Welt unterwerfen wollen, rast heute mit erstaunlicher Geschwindigkeit durchs Internet und sorgt dafür, dass nach jedem Übergriff, den sich ein Muslim (oder jemand, den andere dafürhalten) zuschulden kommen lässt, sofort alle Muslime an den öffentlichen Medien-Pranger gestellt und aufgefordert werden, sich davon zu distanzieren.

Ähnliche kollektive Reflexe gibt es weder bei Anschlägen von Christen, noch bei Massakern, die von Buddhisten, Anhänger anderer Religionen oder Atheisten (Kommunisten, Nationalisten, Sozialisten, Separatisten) verübt werden. Es gibt sie allerdings in Bezug auf Juden. Eine vergleichbare Erzählung über eine „islamische oder muslimische Weltregierung“ fehlt allerdings bisher ebenso wie der Hang, Muslime für Naturkatastrophen und Epidemien verantwortlich zu machen. Wobei „fehlt“ hier nicht heißen soll, dass ich das vermisse, sondern dass es mir gestohlen bleiben kann. Entscheidend ist: auch Muslimfeindlichkeit, Anti-Islamismus oder, wie es damals hieß „Mohammedanerfeindlichkeit“ haben eine lange Tradition in Europa - aber sie ist deutlich jünger und ideologisch weniger unterfüttert als der Antisemitismus.

Gibt es etwas Vergleichbares über Russen und Russland? Gab es Lawrows Russophobie schon, bevor es den russischen Staat gab? Schwer zu sagen, egal, ob man letzteren in Novgorod oder mit der Kiewer Rus beginnen lässt – komplizierte Verschwörungstheorien über Russen, die an allem schuld sind und nach der Weltregierung streben, sind nicht überliefert.

Russophobie ist so wie Anti-Amerikanismus oder so wie Antisemitismus?

Die Russophobie, die Lawrow so gerne und oft beklagt, ist also etwas anderes als lediglich Antipathie gegenüber Russland oder den Russen. Unsympathisch findet man in manchen Weltgegenden ja auch Amerikaner, Deutsche, Franzosen, eigentlich jede Nation. Burunder sind nicht besonders beliebt im Kongo, Südafrikaner gelten in Namibia als ähnlich arrogant wie Deutsche in Polen und Franzosen sind in Westafrika genauso unbeliebt wie Amerikaner zurzeit in Kanada.

Aber Lawrow behandelt Ablehnung gegen Russland ja nicht als eine weitere Variante negativer nationaler Stereotypen, er hat ein Abstraktum in die Welt gesetzt, das suggeriert, dass „Russophobie“ etwas Größeres, Schlimmeres und Bedeutenderes ist als nur „Ablehnung gegenüber Russen“, daher auch die Bezugnahme aufs Dritte Reich und den Nationalsozialismus. Der Begriff zielt darauf ab, „Russophobie“ als etwas Gleichwertiges mit Antisemitismus und „die Russen“ damit als Opfer erscheinen zu lassen.

Aber bisher hat niemand „den Russen“ unterstellt, eine geheime Weltregierung errichtet zu haben, kleinen Kindern Blut für Matze abzuzapfen, für Pandemien und Katastrophen verantwortlich zu sein oder gleichzeitig Kapitalismus, Kommunismus und Liberalismus verursacht zu haben. Es gibt keine große Verschwörungstheorie über den weltumspannenden, zerstörerischen Einfluss „der Russen“ und nicht einmal in der Ukraine werden alle Russen gleichgesetzt. Zu den Russen, die in der Ukraine leben und Putin ablehnen, haben die Ukrainer in Umfragen ein recht entspanntes Verhältnis.

Die Russen hasst und liebt man in Deutschland

„Die Russen sind (in Deutschland) immer Feindbild und Projektionsfläche für alles Böse geblieben“, behauptet Natascha Wodin. Aber in Deutschland gibt es mindestens seit dem 19. Jahrhundert zwei gegenläufige Tendenzen, die sich mehr oder weniger die Waage halten: eine preist Russland als stabilen, verlässlichen Partner und Verbündeten an, die andere sieht Russland als aggressives Imperium an, das Europa bedroht, die Minderheiten auf seinem Territorium unterdrückt und wegen der dadurch ausgelösten irredentistischen Strömungen, eigentlich ein „Koloss auf tönernen Füßen ist“, der jeden Moment zerbrechen kann.

Beide Strömungen kann man bis heute beobachten. Die Anhänger der ersten fordern „mehr Diplomatie“, weil man Russland weder bezwingen noch isolieren könne und es außerdem ja gegenüber Deutschland keine bösen Absichten habe (vorausgesetzt, Deutschland hört auf, die Ukraine zu unterstützen), die zweiten warten seit vier Jahren darauf, dass die nichtrussischen Völkerschaften, die überproportional an die Front geschickt werden, endlich eine Revolte starten und auf Moskau marschieren.

Sie sind dafür, auf jede russische Eskalation mit einer eigenen zu antworten, der Ukraine alles zu geben, was sie braucht und sehen den derzeitigen Krieg als Kulminationspunkt der russischen Geschichte: das ist es, wozu Autokratie, Unterdrückung, Polizeistaat und russische Kultur letztlich führen – in den Dritten, von Russland ausgelösten Weltkrieg.

Gute und schlechte Nachrichten für Lawrow

Der Versuch, aus der Ablehnung russischer Politik die Existenz eines tiefverwurzelten Russenhasses vergleichbar dem Antisemitismus zu konstruieren, ist also ein Schuss in den Ofen. In den Ländern Europa mit tiefverwurzeltem Antisemitismus hat es Philosemitismus (der Glaube, dass Juden per se bessere Menschen als andere sind) nur in homöopathischen Dosen gegeben. In fast allen Ländern gab und gibt es viele Menschen, die Russland und die Russen bewundern und solche, die dagegen starke Vorbehalte haben.

So ist es übrigens auch auf der Welt. Im Westen (und in Kenia) hat die Antipathie gegenüber Russland (nach Russen wurde nicht gefragt) nach PEW-Umfragen stark zugenommen, am stärksten in Israel, Polen und Südkorea. Aber in großen Teilen Afrikas und Teilen Südamerikas ist seither die Sympathie für Russland gestiegen. In Indonesien geht sie regelrecht durch die Decke.

Eigentlich müsste das Sergej Lawrow freuen: Es gibt eine Menge Länder, denen Russlands Politik gefällt und bei denen das den Überfall auf die Ukraine überdeckt. Und sogar in Europa erscheinen Russen zwar als deutlich unsympathischer als vor 2022, aber sie erfreuen sich einer größeren Akzeptanz als der russische Staat.

Es gibt da allerdings einen Wermutstropfen, der so groß ist, dass Lawrow darin baden könnte. Russen als Opfer einer allgemeinen, weitverbreiteten Russophobie hinzustellen, funktioniert nicht. In Ländern, die Russland mögen, gelten Russen als (Wohl-)Täter, aber nicht als Opfer. Warum sollten Indonesier oder Südafrikaner Russen bemitleiden? Sie sehen sie als Bürger eines Staates, der ein verlässlicher Handelspartner ist und das Erbe der Sowjetunion (die ihre Befreiungsbewegungen unterstützt hat) angetreten hat, ein Gegengewicht zu China und den USA.

In diesem Bild ist kein Platz für Russen als arme Opfer. In den Ländern, in denen Russlands Reputation auf Grund gelaufen ist, sieht auch keiner Russen als Opfer von Russophobie, sondern als Täter, die einen verbrecherischen Krieg gegen die Ukraine führen. Aber selbst da macht man in der Regel (und sogar bei denen, die Russland nicht mögen) einen Unterschied zwischen der Politik der Regierung und der Haltung zu deren Bürgern. Das Wort von der „Russophobie“ klingt zwar auf den ersten einleuchtend, aber beim näheren Hinsehen entpuppt es sich als Eigentor.

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