Papst-Berater im Gespräch: Dürfen Sie dem Papst widersprechen?
Der Luzerner Ethiker, Philosoph und Theologe Peter G. Kirchschläger erforscht seit Jahrzehnten die gesellschaftlichen und ethischen Folgen von Digitalisierung und sogenannter Künstlicher Intelligenz. 2022 war Peter G. Kirchschläger bereits einmal in Perspektiven zu Gast. Schon damals sprachen wir über Chancen und Risiken von Digitalisierung. In den vergangenen vier Jahren aber hat die digitale Entwicklung extrem Tempo aufgenommen, - ist das noch zu stoppen oder zu lenken? Die sogenannt Künstl
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Peter G. Kirchschläger berät internationale Organisationen wie die UNO und die EU zu Menschenrechten und ethischen Fragen rund um KI und soziale Medien. Jetzt hat ihn auch Papst Leo XIV. zu seinem offiziellen Berater ernannt. Und Kirchschläger will auch beim Pontifex klar Position beziehen.
Peter G. Kirchschläger
Ethiker
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Seit 2017 ist er Professor für Theologische Ethik und Leiter des Instituts für Sozialethik an der Universität Luzern. Als Ethik-Experte berät er internationale Organisationen wie UNO, Unesco, EU und OSZE sowie Unternehmen und NGOs und präsidiert die Eidgenössische Ethikkommission für die Biotechnologie im Ausserhumanbereich (EKAH). Seit 2023 ist er zudem Gastprofessor an der ETH Zürich und am ETH AI Center.
2024 erhielt er einen UNO-Preis für sein Forschungsprojekt zur Schaffung einer «Internationalen Agentur für datenbasierte Systeme» (IDA). Am 18. August 2026 ernannte ihn Papst Leo XIV. zum Konsultor des Dikasteriums für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen. Der 1977 in Wien geborene schweizerisch-österreichische Doppelbürger ist verheiratet und Vater von zwei Töchtern.
Bild: Clara Neugebauer/Tages-Anzeiger, all rights reserved
SRF: Was konkret machen Sie als päpstlicher «Konsultor»?
Peter G. Kirchschläger: Ich durfte mit meiner Forschung schon früher zur Arbeit des Vatikans beitragen. Das wird jetzt eine Spur intensiver und institutionalisierter.
Ich werde klar Position beziehen.
Ich freue mich sehr auf diese Aufgabe und bin sehr dankbar für das Vertrauen, das mit der Ernennung durch Papst Leo XIV. zum Ausdruck kommt.
SRF: Dürfen Sie dem Papst auch widersprechen?
Ja, unbedingt! Ich glaube, die Aufgabe als Berater oder Beraterin ist nur sinnvoll, wenn man auch klar Position bezieht. Und das werde ich sicher machen, zumal ich auch nur so den wissenschaftlichen Ansprüchen an meine Arbeit gerecht werden kann.
Sie bilden als Professor an der Universität Luzern junge Menschen aus. Sie leiten ein neues Masterstudium «Ethik» mit Spezialisierung zum Thema «KI». Braucht es den Menschen dazu noch?
Nur wir Menschen haben Freiheit und können selbst herausfinden, was richtig oder falsch, gut oder schlecht ist. Das können Maschinen nicht. Ein selbstfahrendes Fahrzeug zum Beispiel kann nicht wissen, dass das Überfahren von Menschen ethisch inakzeptabel ist. Das müssen wir dem Fahrzeug antrainieren.
Es braucht das Engagement von jedem Einzelnen von uns, indem wir entscheiden, was wir nützen und was nicht.
Der ganze Bereich von emotionaler und sozialer Intelligenz, also alles, was zwischenmenschliche Interaktion ausmacht, das ist auch etwas, das nur uns Menschen auszeichnet, ebenso kritisches Denken.
Die Verantwortung kann aber nicht nur beim Individuum liegen. Schliesslich sind da mächtige Staaten und einige wenige Tech-Firmen am Drücker. Angesichts dessen empfinden viele: «Ich kann gar nichts machen», so wie beim Klimawandel. Was erwidern Sie?
Sicher braucht es das Engagement von jedem und jeder Einzelnen, sei das als Konsumentin, indem wir entscheiden, was wir nützen und was nicht, auch an sogenannter KI. Als Stimmbürger können wir uns engagieren für eine Politik, die hinschaut, dass fünf bis zehn US-amerikanische und chinesische Konzerne, die den Bereich dominieren, sich an die Menschenrechte halten und nicht das Klima zerstören.
Sternstunde Philosophie Peter G. Kirchschläger – Eine Ethik für das KI-Zeitalter!
Kultur Laufzeit 59 Minuten.
Denn es ist ein systemisches Problem: Es braucht eine menschenrechtsbasierte globale Regulierung von sogenannter KI. Lieber gestern als morgen, denn uns läuft die Zeit davon. Das stünde auch im Dienst des freien Marktes. Denn wir haben es mit multinationalen Technologiekonzernen zu tun, die Kartelle bilden. Sie nutzen ihr Monopol aus – und so auch den ganzen Rest der Menschheit und den Planeten Erde.
Hat man noch eine Chance, das zu bremsen und zu lenken?
Wir haben noch eine Chance, definitiv. Die Vergangenheit lehrt uns, dass wir als Menschheit fähig sind, Technologien ethisch in den Griff zu bekommen. Etwa die Nukleartechnologie: Die internationale Atomenergiebehörde (IAEA) ist nicht perfekt. Aber ihr gelang es, mitten im Kalten Krieg geschaffen, Schlimmeres zu verhindern.
Viel Zeit haben wir nicht mehr.
Genau so etwas braucht man jetzt zur Durchsetzung der globalen Regulierung von sogenannter KI – eine Internationale Agentur für datenbasierte Systeme (IDA) bei der UNO. Und ich möchte noch einmal betonen: Viel Zeit haben wir nicht mehr dafür.
Das Gespräch führte Judith Wipfler.