Umweltzerstörung: Michelle Henning erzählt die dunkle Seite der Fotografie
Zwischen 1867 und 1870 publizierte der französische Schriftsteller Louis Figuier in vier schweren Bänden sein populärwissenschaftliches Kompendium „Les merveilles de la science“. Der auch ansonsten überaus prod...
- 4 min read
Zwischen 1867 und 1870 publizierte der französische Schriftsteller Louis Figuier in vier schweren Bänden sein populärwissenschaftliches Kompendium „Les merveilles de la science“. Der auch ansonsten überaus produktive Autor breitete solche Wunder der Wissenschaft auf nicht weniger als dreitausend Seiten aus. Sie enthalten eingehende Beschreibungen neuester Erfindungen: von der Dampfmaschine und der Eisenbahn über den Blitzableiter und die Gasbeleuchtung bis hin zur Telegrafie und dem Transatlantik-Kabel. Im Ganzen fügen sie sich zu einem eindrucksvollen Panorama des technologischen Fortschritts, und da durfte die Fotografie keineswegs fehlen: Im dritten Band werden ihr gut zweihundert Seiten gewidmet.
Dass sich das Kamerabild tief in die Geschichten der Moderne eingeschrieben hat, leuchtet heute mehr denn je ein. Allerdings sollten solche Geschichten vollständig erzählt werden, wie die britische Fotohistorikerin Michelle Henning in ihrem Buch „A Dirty History of Photography“ eindrücklich unterstreicht. Denn allzu oft verbreiten jene wissenschaftlichen Wunder, von denen Figuier so unverstellt schwärmte, eben nicht nur das Licht des Fortschritts, sondern werfen auch ganz beträchtliche Schatten. Am Beispiel der ökologischen Dimensionen fotografischer Produktion erzählt Hennings Buch anschaulich von diesem Zusammenhang.
Fotografie als Teil des extraktiven Kapitalismus
Die Autorin versteht dabei den titelgebenden Dreck ganz wörtlich. Denn zur Sprache kommt jene schmutzige Rückseite der Fotografie, die wir bei Betrachtung der Bilder nur selten in Rechnung stellen. „You press the button, we do the rest“ – Kodaks legendärer Werbeslogan betont nicht allein die Leichtigkeit des Fotografierens. Ein Blick auf das kontaminierte Umland von Rochester oder, geographisch näher, ins anhaltische Wolfen macht umgehend klar, wie verheerend jener ökologische Fußabdruck tatsächlich ist, der sich mit jenem „Rest“ der fotografischen Arbeit verbindet, den Kodak zu erledigen versprach.

Angeblich war das Unternehmen am Ende des neunzehnten Jahrhunderts der zweitgrößte Abnehmer von Silber in den USA, überflügelt nur noch von der nationalen Münzprägeanstalt. Doch wer fotografiert, ist auf weit mehr Rohstoffe als nur dieses Edelmetall angewiesen. Erst jüngst haben nicht allein Spezialstudien wie das überaus lesenswerte Buch „Camera Geologica“ der Kanadierin Siobhan Angus, sondern auch Ausstellungen wie „Image Ecology“ im C/O Berlin unterstrichen, wie sehr Fotografie zum Teil des extraktiven Kapitalismus geworden ist. An solche ökokritischen Perspektiven schließt Hennings „schmutzige Geschichte“ an, und sie tut dies auf originelle Weise: nicht mit einer voluminösen Abhandlung à la Figuier, sondern in 36 kurzen essayistischen Kapiteln.
Die Zahl ist natürlich eine Erinnerung an jene materiellen Bedingungen des Fotografierens, die uns mit Beginn des digitalen Zeitalters abhandengekommen sind. Anstelle der Kleinbild-Rollfilme, die Raum für 36 Aufnahmen boten, kennt unser digitales Knipsen, wie es scheint, keine äußere Grenze mehr. Allerdings geht mit Hennings charmantem Zahlenspiel eine Einschränkung einher, die zuletzt bedauerlich bleibt: Sie konzentriert sich in ihrem Buch ausschließlich auf die analoge – oder wie sie selbst schreibt – chemische Phase der Fotogeschichte.
Auch die digitale Fotografie ist nicht unschuldig
Tatsächlich hätte es wohl weit mehr als einen 37. Frame gebraucht, um den ganzen Umfang der ökologischen Folgen sichtbar zu machen, die sich an aktuelle Bildpraktiken knüpfen. So oder so dürfte sich aber herumgesprochen haben, wie gefräßig sich unsere digitale Gegenwart in Sachen Energiebedarf verhält. Und spätestens als vor fünf Jahren in Straßburg ein Datenzentrum abbrannte, dürfte jedermann klar geworden sein, wie handfest die angeblich so atmosphärischen Clouds tatsächlich sind. Auch unsere ausufernde Bildproduktion wird in Serverfarmen gespeichert, die längst schon Industrieanlagen gleichen.
Demgegenüber konzentriert sich Henning auf Industrien älteren Typs. Den größten Teil ihrer Beobachtungen gewinnt sie anhand eines prominenten Beispiels, des englischen Fotoherstellers Ilford. Es gehört zu den wichtigen Pointen dieses Buches, dass sie damit zugleich die Geschichte einer Bergbau-Region erzählt: Ilford produzierte vor den Türen von Manchester. Die fotochemische Industrie war auf Kohle angewiesen, und zugleich konnte gerade dieser Rohstoff der fotografischen Produktion auch im Weg stehen. Bereits im neunzehnten Jahrhundert ließ sich in Handbüchern nachlesen, wie man empfindliche Präzisionsgeräte wie etwa Kameras vor schädlichem Kohlenstaub schützt.
Auf der Rückseite solcher Handreichungen war allerdings auch notiert, wie sich aus dem ökologischen Notstand eine ästhetische Tugend gewinnen ließ. Die im späten neunzehnten Jahrhundert einsetzende Amateurbewegung erblickte in jenem Fog, der die Innenstädte verpestete, eine ganz eigene, nämlich pittoreske, Seite. Einigermaßen kühn bringt Henning den in jener Zeit aufkommenden fotografischen Piktorialismus mit der allgegenwärtigen Luftverschmutzung in Verbindung. Und tatsächlich lässt es sich nicht ganz von der Hand weisen: Der gesundheitsschädliche Kohlestaub eignete sich ganz hervorragend als visueller Weichzeichner.
Solche Geschichten ökologischer Kontamination leuchten dann wohl besonders ein, wenn man sich jenen fotografischen Stil der Neuen Sachlichkeit vor Augen hält, der wenig später, in den Zwanzigerjahren, zu einem neueren Bild der Moderne aufstieg. Als Albert Renger-Patzsch beauftragt wurde, die Essener Zeche Zollverein zu fotografieren, achtete er jedenfalls penibel darauf, dass in seinen Architekturansichten qualmende Schornsteine oder verdreckte Fabrikanlagen keine Rolle spielten. Solcher Schmutz gehörte offenbar nicht länger zu jenem Bild, das das Industriezeitalter von sich selbst mit der Kamera zeichnen wollte.
Michelle Henning: „A Dirty History of Photography“. Chemistry, Fog, and Empire. University of Chicago Press 2026. 320 S., Abb., geb., 37,18 €.