Gratis Maniküre: Shakira gibt Wohnungslosen in Wiesbaden ein Stück ihrer Würde zurück
Zaira Lara hat zwei Jahre auf der Straße gelebt. In der Wiesbadener Teestube lackiert sie heute die Fingernägel wohnungsloser Menschen. Sie schenkt etwas, das im Alltag oft fehlt: Zeit, Nähe und Aufmerksamkeit.
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Auf den ersten Blick lässt an Luisa nichts erahnen, dass sie keine Wohnung hat. Sie trägt saubere Kleidung, ihre Brillengläser sind geputzt. Nur ihre Hände, die sie vor Shakira auf dem Tisch ablegt, zittern ein wenig. Luisa ist nicht obdachlos, sondern wohnungslos. Seit einem halben Jahr lebt die 34 Jahre alte Frau in einer Wiesbadener Notunterkunft. Zwei Jahre kann sie dort bleiben, dann muss sie eine Verlängerung beantragen.
Luisa sitzt im Dachgeschoss der Teestube an einem Tisch. Es riecht nach Farbe und Putzmittel. An der Wand steht eine schmale Kommode, auf der sich Romane stapeln. Die Teestube ist eine Tagesaufenthaltsstelle der Diakonie Hessen-Nassau in Wiesbaden. Zwischen 100 und 120 obdach- und wohnungslose Menschen besuchen sie täglich. Dort können sie duschen, sie bekommen Essen und Trinken sowie kostenlose Beratung.
Shakira kennt einen Großteil dieser Menschen. Eigentlich heißt sie Zaira Lara und ist 2011 aus Kolumbien nach Deutschland gekommen. Ihr Spitzname erklärt sich mit einem Blick: die brünetten Locken, die dunklen Augen, der olivfarbene Teint. Die 46 Jahre alte Frau wirkt wie eine Doppelgängerin der berühmten kolumbianischen Sängerin.
Shakira packt ihr „Wundergerät“ aus
„Also, was machen wir heute?“, fragt sie ihre erste Kundin. Neben Shakira stehen rund 20 Nagellackfläschchen in allen erdenklichen Farben, matt, glänzend oder mit Glitzersteinchen. Luisa entscheidet sich für ein knalliges Pink. Shakiras eigene Nägel sind „Fake“, wie sie sagt. Blaue spitze Kunstnägel kleben auf ihren eigenen Nägeln.

Sie öffnet eine ovale Plastikbox und holt ein weiß- und lilafarbenes Gerät hervor, ihr „Wundergerät“. Aus dem runden Korpus ragt ein grauer Metallstift. „Damit mach ich die Nagelhaut weg“, erklärt Shakira. Immer wieder entschuldigt sie sich für ihr schlechtes Deutsch. Dabei spricht sie gut, bloß schnell und manchmal durcheinander.
Immer montags und mittwochs macht Shakira den Besuchern der Teestube kostenlos ihre Nägel. Nicht nur Frauen, sondern auch Männer nehmen das Angebot in Anspruch. „Ist ja auch sonst viel zu teuer, so was“, sagt Luisa. Shakira gleitet mit dem grauen Metallstift Luisas Nagelränder entlang, das Gerät macht dabei ein surrendes Geräusch. Im Hintergrund läuft auf dem Smartphone ein Song des spanischen Sängers Enrique Iglesias.
Luisa erzählt, dass sie sechs Jahre lang mit einem Mann zusammen gewesen sei, bevor sie wohnungslos wurde. „Er hat mich betrogen und geschlagen“, sagt sie. Nachdem er sie brutal gewürgt habe, sei die Polizei eingeschritten und habe ihn festgenommen. „Ich habe nicht einmal Schmerzensgeld bekommen“, sagt Luisa. „Mein Ex musste nur eine Strafzahlung an den Staat leisten.“
Auch Andrea sagt, wegen eines Mannes alles verloren zu haben. Am meisten geschmerzt habe sie der Kontaktabbruch zu ihrer Tochter. „Aber jetzt nähern wir uns einander wieder an.“ Die 60 Jahre alte Frau hat gerade das sogenannte Nagelstudio der Teestube betreten. Unten im Gemeinschaftsraum sei es ihr zu laut, sagt sie.
„Ich darf als Muslima keine langen Nägel mehr tragen“
Andreas Gesichtshaut ist gebräunt, ihr Blick offen. „Magst du auch?“, fragt Shakira und hebt kurz ihren Blick von Luisas Nägeln, die sie inzwischen mit einer Nagelfeile bearbeitet. „Ich darf als Muslima keine langen Nägel mehr tragen“, antwortet Andrea und verzieht das Gesicht zu einer bedauernden Miene. Ihr Freund sei Muslim, und sie selbst sei vor Kurzem auch konvertiert. „Aber früher habe ich das geliebt.“ Andrea hält ihre Hände mit ausgestreckten Fingern von sich weg und bewegt sie auf und ab. „Lalala“, macht sie dazu und lächelt.

Andrea ist ein großer Fan der koreanischen Popband BTS. Eines Tages habe ihr ein Mann auf Instagram mit dem Namen des BTS-Frontsängers Jimin geschrieben. „Er hat mir Komplimente gemacht und gesagt, dass er mich treffen will.“ Am Anfang habe sie geglaubt, dass ihr „der echte Jimin“ schreibe. Andrea guckt verträumt in eine Ecke des Raumes, Wut sucht man in ihren Aussagen oder in ihrer Körpersprache vergebens. Denn der Jimin, der sie kontaktiert hatte, war nicht der Sänger von BTS. Sondern ein Betrüger.
Während Andrea erzählt, knipst Shakira mit einer kleinen Zange Luisas restliche Nagelhaut weg, die das surrende Wundergerät nicht entfernen konnte. Dann beträufelt sie Luisas Hände mit duftendem Nagelöl. Es riecht nach Zirbe.
Dem Betrüger überweist sie mehrere Tausend Euro
Der Instagram-Jimin habe neben erotischen und „extrem liebevollen“ Nachrichten schnell nach Geschenkgutscheinen gefragt. Aus Geschenkgutscheinen wurden kleine Geldsummen. Aus kleinen Geldsummen wurden große. So erzählt es Andrea.
Insgesamt habe sie dem Betrüger über vier Jahre mehrere Tausend Euro überwiesen. „Ich hab damals mit meinem jetzigen Ex-Mann und unserer Tochter gelebt. Die haben immer versucht, einzugreifen.“ Schließlich sei sie selbst gegangen: in eine eigene Wohnung. „Irgendwann hatte ich aber kein Geld mehr.“ Seit einem Jahr lebe sie auf der Straße. Angezeigt habe sie den Betrüger nie, sagt Andrea.

Luisas Daumen- und Zeigefingernägel leuchten in dem von ihr gewählten knalligen Pink. Während Shakira die Nägel lackiert, hält Luisa ihre Finger vorsichtig mit der anderen Hand umschlossen. Langsam führt Shakira den Pinsel vom Nagelrand bis zur Spitze. Sie arbeitet gewissenhaft. Trotzdem wirkt sie gehetzt, als müsse sie sich beeilen. Bis 16 Uhr hat sie für die Besucher der Teestube Zeit. Dann muss sie ihren Sohn von der Schule abholen.
„Ich kannte einen Großteil der Leute schon, bevor ich hier angefangen habe“, sagt sie. Von der Straße. Shakira war selbst einmal obdachlos. Damals habe sie viel getrunken – zu viel. „Eigentlich hatte ich eine Wohnung. Mit meinem Mann und meinem Sohn.“ Aber sie habe Ängste gehabt und es in der Wohnung nicht mehr ausgehalten. Aufgrund von Schmerzen, deren Ursache nicht gefunden werden konnte, habe sie begonnen, diese mit Alkohol zu betäuben. „Ich hab zwei Jahre auf der Straße gelebt.“ Elf Entzüge habe sie hinter sich. Heute wohne sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn bei ihrer Mutter.
29.035 Menschen waren zum Stichtag 31. Januar 2025 in Hessen wohnungslos, so teilt es das Statistische Bundesamt mit. Und 42 Prozent der untergebrachten Personen lebten bereits seit mindestens zwei Jahren in einer Notunterkunft. Mehr als 1800 wohnungslose Menschen wurden zuletzt in Wiesbaden gezählt – einer Stadt, in der günstiger Wohnraum schon lange rar ist.
„Das mit den Nägeln mache ich eigentlich aus Eigennutz“, sagt Shakira. Sie legt Luisas Hände nun in ein kleines Gerät, das den Nagellack aushärtet. „Es macht mich glücklich, wenn sie glücklich sind“, sagt sie und wirft Luisa und Andrea einen Blick zu.
Auf der Straße lebt Bartosh schon „sehr lange“
Im Hauptraum der Teestube, im ersten Stock, geht es wuselig zu. Tische stehen lose im Raum verteilt, fast jeder Stuhl ist besetzt. In einem Regal liegen Brettspiele, davor steht ein Wasserspender. Viele Besucher spielen auf ihren Handys, eine junge Frau telefoniert laut mit ihrer Mutter. „Sorry, ich hab vorhin bisschen geschlafen“, sagt sie in beschwichtigendem Tonfall. 32 Jahre sei sie alt, seit zehn Jahren lebe sie auf der Straße. Andrea sitzt an einem Tisch mit zwei Männern. An der Wand weist ein Schild auf ein Alkohol-, Drogen- und Gewaltverbot hin.

Shakira hat an einem Tisch Platz genommen und packt das Nagelbesteck, die Lackfläschchen und ihr „Wundergerät“ aus. Bartosh ist jetzt dran. Der 45 Jahre alte Mann setzt sich auf den Stuhl ihr gegenüber. Er sieht müde aus, die Tränensäcke hängen tief unter seinen Augen. Bartosh ist freundlich, offen, er sucht den Kontakt. Die Wärme, die er ausstrahlt, steht im Gegensatz zu seinem gezeichneten Gesicht.
„Wie alt, glaubst du, bin ich?“, fragt er. Der Großteil der Kommunikation mit ihm läuft über Shakira, sie übersetzt aus dem Polnischen. Sie hat inzwischen begonnen, Bartoshs Nagelhaut zu entfernen. Vor 20 Jahren sei er aus Polen nach Deutschland gekommen, übersetzt sie. Auf der Straße lebe er schon „sehr lange“.
„Hey, sexy Baby.“ Ein junger Mann umarmt Shakira plötzlich von hinten und drückt ihr einen Kuss auf den Kopf. „Wie geht es dir, Shakira?“, will er wissen. Sie antwortet, wie so oft, schnell. Shakira nickt, ihre Locken wippen dabei. „Ganz gut, gut, danke.“ Wenn sie etwas gefragt wird, wiederholt sie die Wörter häufig. Wenn Luisa ihre Nägel betrachtet, sagt sie: „Schön, schön ist das, oder? Oder?“
Bartosh hat seine Hände in Shakiras gelegt. Surrend entfernt sie die Nagelhaut, danach kürzt sie seine Nägel mit einem Nagelknipser. Manchmal schließt er die Augen. Immer wieder holt er kurz sein Handy hervor und zeigt ein Foto: eine blutüberströmte Hand. Bartosh wischt weiter: eine Hand mit Wunden, die sich frisch genäht über sein Handgelenk erstrecken. „Ich wurde angegriffen“, erzählt er und wirkt gleich wieder aufgewühlt. Er sagt, dass er eine Zigarette geschnorrt habe und dann mit einem Messer attackiert worden sei. „Zigarette, Zigarette“, murmelt er immer wieder vor sich hin.

Während einer kurzen Pause kramt Bartosh ein Schokobrötchen in einer Plastikverpackung hervor und legt es vor Shakira hin. „Die Leute wollen mich oft auch mit Geld bezahlen, aber ich nehme das nie an“, sagt sie. Nur Bartoshs Süßigkeiten akzeptiere sie. „Er weiß, dass ich Zucker liebe.“ Dann lächelt sie und reißt die blaue Verpackung auf.
Als Shakira fertig ist – Farbe wollte Bartosh nicht, dafür extraviel Nagelöl – bedankt er sich mehrmals. Er scheint es eilig zu haben. Wenige Minuten später kommt er zurück und legt eine Zeichnung vor Shakira auf den Tisch. Ein lächelndes Bleistiftgesicht hat er gezeichnet, darunter steht „Danke“. In der Ecke links oben hat Bartosh sein Werk signiert. Er umarmt seine Freundin und verschwindet hastig im Gedrängel aus Leuten, die gerade die Teestube betreten. Den Platz gegenüber von Shakira hat schon ein neuer Kunde eingenommen.