„Lebenslange Spuren“ – so wird den Trauernden im Tiergarten geholfen
Pascal Stähli steht lange vor den Blumen am Brandenburger Tor. Manchmal geht er ein paar Schritte weiter, hält dann wieder inne. Immer wieder seufzt er und sackt in sich zusammen. ...
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Pascal Stähli steht lange vor den Blumen am Brandenburger Tor. Manchmal geht er ein paar Schritte weiter, hält dann wieder inne. Immer wieder seufzt er und sackt in sich zusammen.
„Einfach, um Zusammenhalt und Akzeptanz zu zeigen“, deswegen ist der 18-Jährige hier. Stähli gehört zu denen, die heute bewusst gekommen sind. Er hat ein kleines Geschenk mitgebracht und kauft bei einer Frau auf dem Pariser Platz eine Blume, die er zu den anderen legt. „Ich habe gleich die Gelegenheit genutzt, hierherzukommen.“
Viele stehen minutenlang, ohne sich zu bewegen
Vor dem Brandenburger Tor, wo an normalen Tagen Hunderte Touristen Selfies machen, herrscht eine seltsame Stimmung. Denn heute ist kein normaler Tag. Ja, da sind natürlich die Touristen, die Urlauber, doch die meisten werden still, lassen das Handy sinken, wenn sie zur Mitte des Platzes kommen und die Blumen sehen.
Das Blumenmeer – es ist ein großes Herz in der Mitte des Pariser Platzes. Kerzen, Stofftiere, Schilder in verschiedenen Sprachen. Der Alltag und die Betroffenheit stoßen hier aufeinander. Da, wo sonst der Höhepunkt einer Sightseeingtour stattfindet, ist heute ein Ort des In-sich-Gehens, des Nachdenkens. Viele Menschen stehen minutenlang, ohne sich zu bewegen.
Pascal Stähli am Dienstagmittag vor dem Blumenmeer am Brandenburger Tor.
© Matthias Zachel/Berliner Zeitung
Die Trauer über den tödlichen Angriff auf dem Berliner Christopher Street Day ist Stähli anzumerken: „Natürlich ist das eine Sache, die noch verarbeitet werden muss.“ Am Tag des CSD war er selbst dabei, gemeinsam mit vier Freunden. Es war der erste CSD des gebürtigen Berliners, der sich bislang aufgrund von ähnlichen Attentaten, die er in den Nachrichten verfolgt hatte, nicht auf solche Großereignisse getraut hatte.
Schließlich habe er sich bewusst entschieden hinzugehen. „Die wollen uns ja einschüchtern. Aber diese Community steht dafür, dass wir uns von so etwas nicht einschüchtern lassen.“ Es sei auch gerade der Sinn hinter dem CSD, das zu demonstrieren.
„Bis wir wieder ein anständiges, normales Leben führen können“
Seine Sicht auf die Tat ist geprägt von der Sorge über Hass gegen queere Menschen. Er spricht von mangelnder Toleranz und davon, dass Teile der Gesellschaft Vielfalt ablehnten. Für ihn steht fest: Einschüchterung dürfe nicht das letzte Wort haben.
Deshalb werde er auf jeden Fall noch einmal auf den CSD gehen. Und so zieht Stähli aus der Community auch seinen Mut und seine Hoffnung. „Einfach, um das auch durchzuziehen, bis die irgendwann aufgeben, hoffentlich aufgeben. Und wir wieder ein anständiges, normales Leben führen können.“
„Wir sprechen der Familie und den Angehörigen unser aufrichtiges Beileid aus“, schrieb der Sprecher des polnischen Außenministeriums auf X. Blumen und eine Kerze vor der Botschaft in Berlin.
© Matthias Zachel/Berliner Zeitung
Ehrenamtliche Seelsorger im Tiergarten
Ein paar Hundert Meter weiter steht Franz L. (Name geändert) vor einem der Bäume, an dem der Attentäter vorbeigerast ist. Er arbeitet ehrenamtlich in der AG Notfallseelsorge und Krisenintervention. Mit seinen Kollegen betreut er Angehörige und Betroffene, denn auch hierhin kommen immer wieder Menschen, um Blumen und Schilder abzulegen.
„Unsere Hauptaufgabe ist gar nicht, Gespräche zu führen, sondern erst mal zuzuhören“, sagt L. Das habe er so in seiner Ausbildung gelernt. Normalerweise betreuen er und seine Kollegen zum Beispiel Angehörige bei erfolglosen Reanimationen. Doch seit dem Anschlag sind sie jeden Tag von 10 bis 19 Uhr für die Attentatsopfer da. Auch beim Gottesdienst in der Gedächtniskirche waren sie im Dienst.
Was die ehrenamtlichen Helfer wie er für die Betroffenen tun könnten, unterscheide sich sehr von Fall zu Fall. Manche wollten zuerst gar nicht reden, und „plötzlich sprudelt es aus ihnen heraus“, erzählt er.
Spuren bis an den Rest des Lebens
Er sei kein Therapeut, entsprechend sei es nicht seine Kompetenz, Diagnosen zu stellen. Er erlebe sehr unterschiedliche Bedürfnisse. Das liege natürlich auch daran, dass das Maß der Betroffenheit und Symptomatik sich von Mensch zu Mensch unterscheide. „Manche haben Spuren bis an den Rest ihres Lebens“, sagt L. Dies treffe aber nicht auf alle zu.
Bei manchen Betroffenen sei eine psychotherapeutische Behandlung sinnvoll, damit sich traumatische Symptome nicht festsetzten und chronifizierten. So könnten zum Beispiel Flashbacks vermieden werden, also das innere Wiedererleben von vergangenen traumatischen Ereignissen. Über einen solchen Therapiebedarf müsse aber unbedingt im Einzelfall entschieden werden.
Eine der Gedenkstellen im Tiergarten. Hier stehen ehrenamtliche Seelsorger wie Franz L. bereit, um den Trauernden bei Wunsch beizustehen.
© Matthias Zachel/Berliner Zeitung
Psychotherapeutenkammer macht kurzfristig Therapieplätze frei
Eine weitere Option, die das Kriseninterventionsteam bietet: Betroffene an andere Anlaufstellen der Stadt verweisen. Im Hintergrund würden viele Hilfsangebote strukturiert, um kurzfristig auf die Lage zu reagieren. Flyer vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe informieren über den richtigen Umgang mit sich selbst und Angehörigen in außergewöhnlichen Situationen wie dieser.
Besonders beeindruckt zeigt sich Franz L. davon, dass die Psychotherapeutenkammer Berlin unmittelbar ein Sonderkontingent an Therapieplätzen freigegeben habe. „Normalerweise warten Sie ja Monate auf so einen Platz“, betont L. Das sei etwas wirklich Außergewöhnliches.
Betroffene und Spaziergänger besuchen das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen im Tiergarten.
© Dahahm Choi
Schlaflose Nächte
Eine, die schon schlaflose Nächte hinter sich hat, ist Anke M. In der Nähe der Seelsorger legt sie eine Sonnenblume an den Baum. Es sei ihr ein Bedürfnis gewesen, sagt die 61-Jährige, die seit zwei Jahren in Berlin lebt. Ihr Kind gehört selbst zur queeren Community und wollte ursprünglich den CSD besuchen. Erst kurzfristig fiel die Entscheidung dagegen.
„Wir hätten genauso betroffen sein können“, sagt sie. Die Nacht nach dem Anschlag sei schlimm gewesen. Erst als sie wusste, dass ihrem Kind nichts passiert war, habe die Anspannung etwas nachgelassen. Doch die Sorge bleibe. „Wenn man Angehörige in der Community hat, ist das eben nicht vorbei. Sie sind weiter in der Stadt unterwegs.“
Dabei habe sie die Stadt eigentlich als liberal und offen kennengelernt. Umso größer sei mittlerweile ihre Enttäuschung über das gesellschaftliche Klima und die Politik. Ihr Kind erzähle regelmäßig von Beleidigungen oder Anfeindungen im Alltag – etwa in der Straßenbahn.
Politiker und ihre Sprache in die Verantwortung ziehen
„Das enttäuscht mich in einer Stadt wie Berlin schon.“ Dabei betont sie mehrmals, dass die Gewalt, die sie in ihrem Umfeld erlebe, aus allen politisch extremen Gruppen komme. Daher ist es für sie zentral, auch das Verhalten von Politikerinnen und Politikern zu diskutieren.
Diese müssten sich, so M., ihrer Verantwortung bewusst sein. Wer Minderheiten öffentlich herabsetze oder mit abwertenden Formulierungen arbeite, trage dazu bei, dass das gesellschaftliche Klima vergiftet werde. Die Spaltung in der Gesellschaft, auch online, nehme sie sehr mit.
Eine Stadt ringt mit dem Attentat
Drei Perspektiven an einem Tag nach dem Attentat: Der CSD-Besucher Stähli, der sich nicht unterkriegen lassen will. Die Mutter Anke M., die die Spaltung in der Gesellschaft umtreibt, und der Seelsorger Franz L. Drei Menschen in einer Stadt, die um Fassung ringt und Blumen niederlegt.
Es ist eine Stadt, in der sich Ehrenamtliche um Betroffene kümmern, Hilfsangebote strukturiert und Kapazitäten frei gemacht werden. Es ist ein Tag nach einer Katastrophe, die Spuren hinterlassen hat – in der Gesellschaft und in den Menschen.
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