Krisenkommunikation: Wie Unternehmen auf Sabotage reagiere
Bricht eine Krise über ein Unternehmen herein, ist für Felix Kühn die oberste Regel: Einfachheit. Klingt paradox, wenn doch vieles unklar, unübersichtlich ist. Doch gerade dann, sagt der Experte für Krisenkommu...
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Bricht eine Krise über ein Unternehmen herein, ist für Felix Kühn die oberste Regel: Einfachheit. Klingt paradox, wenn doch vieles unklar, unübersichtlich ist. Doch gerade dann, sagt der Experte für Krisenkommunikation, sei es wichtig, rigoros zu priorisieren – um nicht zu erstarren. „Wir erfassen die Folgen: Wie schlimm ist es wirklich? Und dann priorisieren wir nach Dringlichkeit und definieren, wer welche Entscheidungen trifft.“ Wer sitzt mit welchen Ressourcen am Tisch? Wer muss tout de suite dazustoßen, was fehlt? „Das gilt es zu klären, um dann sofort loszulegen.“
Die Attacken auf Umspannwerke in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen haben in dieser Woche getestet, wie gut das in den Unternehmen klappt. Die Umspannwerke gehören zu den Übertragungsnetzbetreibern (ÜNB) Amprion und 50Hertz. Die Energiekonzerne LEAG und RWE mussten ihre Kohlekraftwerke in der Folge zeitweise stoppen. „Wer auf Stromleitungen zielt, zielt auf die Bürgerinnen und Bürger“, sagte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) am Freitag, „auf öffentliche Infrastruktur, Krankenhäuser, auf Telekommunikation, kleine und große Unternehmen und lokale Energieversorger.“
Für Michael Jesberger, Geschäftsführer von TransnetBW, dem ÜNB in Baden-Württemberg, sind die Vorfälle „ein deutliches Warnsignal“. Von den Angriffen war TransnetBW nicht betroffen. Trotzdem beschäftigen sie das Unternehmen.

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Wie gut aufgestellt sind die Energieunternehmen? Wie schnell können sie in der Krise reagieren? Und was können andere Branchen von ihrer Krisenkommunikation lernen?
Sowohl die Energieversorger wie RWE als auch die ÜNB wie Amprion, die für den Ausbau und den Betrieb der Trassen zuständig sind, halten sich mit öffentlichen Äußerungen zurück. Man tausche sich untereinander aus, überprüfe Sicherheitsvorkehrungen laufend und arbeite eng mit den Behörden zusammen, heißt es fast wortgleich.
Was andere Branchen von der Krisenerfahrung bei RWE lernen können
Kaum ein Versorger ist so krisenerprobt wie RWE. Er hat sich über die Jahre eine gewisse Routine erarbeitet, die nicht unerkannt geblieben ist. Ein Sprecher von RWE bestätigt, dass Unternehmen aus Deutschland und anderen Ländern auf RWE zukämen, um von den Erfahrungen und Vorgehensweisen zu lernen. Aufgrund der Proteste im Hambacher Forst, von Sabotageakten und Besetzungen durch Demonstranten wie 2023 in Lützerath nahe eines Braunkohlegebiets hat der Konzern viele Jahre Erfahrung mit Krisenkommunikation. Auch mit versuchten Anschlägen auf Kabeltrassen oder Strommasten hat er häufiger zu tun.
Es sei in solchen Situationen wichtig, die Öffentlichkeit zu informieren, sagt der RWE-Sprecher. „Wir wollen transparent sein, können aber nur das herausgeben, was auch belastbar ist.“ Trotz Krise nehme man sich daher die notwendige Zeit, Informationen in Ruhe zu prüfen.
Tagebuch erleichtert die Aufarbeitung
In einer Krisensituation müssten Führungskräfte Ruhe vermitteln, sagt Unternehmensberater Felix Kühn, „das Gefühl geben, nicht in Panik zu sein, egal, wie sehr man in Panik ist. Da ist Disziplin gefragt.“ Er empfiehlt ein Einsatztagebuch. „Nur so lässt sich später für Versicherungen oder Gutachter belegen, wer was wann entschieden hat. Zudem hilft es bei der Nachbesprechung.“

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Ein Krisenstab dürfe nicht nach Titel und Chefposten besetzt werden, sondern müsse viele Fähigkeiten und Kompetenzen vereinen, sagt Kühn. Oft müssen Krisenstäbe am Wochenende oder abends ran. Wenn sich abzeichnet, dass es länger dauert, müssen Teamleiter abwägen und planen, wen sie sofort einbestellen und wer am nächsten Tag zur Ablösung kommt. „Wir sind ein 24/7-Betrieb und daher immer einsatzfähig“, teilt RWE dazu mit. Zur Not fliegt der Konzern auch mal externe Experten ein. So geschehen 2023 in Lützerath, als sich zwei Demonstranten tief in einem Tunnel verschanzt hatten. Damals engagierte RWE eigens einen vom FBI geschulten Verhandlungsprofi.
In allen diesen Fällen reagierten die Unternehmen. Für Felix Kühn beginnt die Krisentauglichkeit mit der Antizipation. „Vor der Krisenkommunikation steht die Risikokommunikation“, sagt er. „Wenn ich ein Logistikcenter an der Autobahn habe und weiß, dass da größere Bauvorhaben anstehen, ist es klug, meinem Kunden zu sagen: Es gibt ein Risiko, dass ein Lkw mal nicht den Hof verlassen kann. Selbst wenn alles gut getaktet ist.“
Vor der Krisenkommunikation steht die Risikokommunikation. Felix KühnUnternehmensberater
Nicht nur Kunden haben für eine Verzögerung oder einen Ausfall womöglich mehr Verständnis, wenn sie vorab über besondere Umstände informiert waren. Im Bereich kritischer Infrastruktur komme noch dazu, auch die Bevölkerung entsprechend zu sensibilisieren, sagt Kühn. „Das wird aktiver gemacht, ist aber noch stärker notwendig.“ Es gehe ihm nicht um Alarmismus, sondern um „Risikomündigkeit“, um Bewusstsein für realistische Gefahren.
Wachsamkeit sei wichtig. Und die müssten Führungskräften vorleben, so banal sie auch erscheinen möge. „Wenn mein Chef Leute ohne Zugangskarte reinlässt, denke ich mir als Mitarbeiter: Dann ist das ja nicht so wichtig.“ Steht auf dem Betriebsgelände ein ominöses Paket herum, sollte man das melden und nicht einfach vorbeigehen, nach dem Motto: Darum kümmert sich schon jemand.
Üben für den Ernstfall
„Die Energieversorgung in Deutschland ist sicher.“ Das betonte Ministerin Katherina Reiche am Freitag. Hoch- und Höchstspannungsleitungen sind in Deutschland redundant ausgelegt. Fällt eine Stromleitung aus, springt eine andere Leitung ein und verhindert eine Unterbrechung der Stromversorgung. Zugleich, so Reiche, machten die Vorfälle „deutlich, wie wichtig es ist, weiter vorzusorgen und die Resilienz unserer Energieversorgung konsequent zu stärken“.
Klar ist: „Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht“, sagt auch ein Sprecher des Übertragungsnetzbetreibers Tennet. „Für den Ernstfall verfügen wir daher über klare Notfall- und Wiederaufbaupläne, die wir durch regelmäßige Übungen kontinuierlich erproben und verbessern.“ Bei TransnetBW klingt das so: „Für außergewöhnliche Situationen verfügen wir über etablierte Notfall- und Wiederanlaufprozesse, die regelmäßig trainiert, überprüft und weiterentwickelt werden.“
Kühn erlebt es hingegen oft, dass genau das nicht passiert. „Kleinere Unternehmen haben vielleicht ein Krisenhandbuch, aber das wird nicht eingeübt.“ Gänzlich untauglich seien die Handbücher, wenn sie ausschließlich digital existierten: etwa im Falle eines Hackerangriffs.