Wie man im Kollapscamp lernt, der Apokalypse zu begegnen

Zwei Stunden lang diskutiert eine Gruppe über einen herannahenden Brand – und niemand wird evakuiert. Ein Besuch im Kollapscamp und ein paar Lehren über Angst, Führung und Solidarität.

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Wie man im Kollapscamp lernt, der Apokalypse zu begegnen

Als ich ankam, schüttete es. Alle Wolken des Nordens schienen sich über der Ortschaft Wittstock versammelt zu haben und ihr Innerstes auf den Asphalt zu klatschen. Die Leute schauten hoch in den geöffneten Himmel über uns und sagten: Tut der Natur gut.

Ulrike, die Busfahrerin, die uns zum Camp bringen sollte, war gerade mit mir auf dem Weg zum Supermarkt, wo wir noch ein paar Flaschen Wasser holen wollten, als es losging. In der Nähe stand nur ein Baum. Sie schlug vor, sich unterzustellen. Meine Taschen waren bereits nass, ich hatte keine Regenjacke dabei. Wie der Donnerschlag traf es mich, dass ich überhaupt nichts Wasserfestes mitgebracht hatte. Wo ich herkam, waren es gerade wochenlang 38 Grad gewesen.

Ulrike erklärte mir, wie man sich dicht an den Baum drückt. Ich dachte sofort an das, was man sich früher so über Protestcamper erzählte. Ulrikes Haare klebten schon nass an ihrem Gesicht, sie umarmte den Baum wirklich, Wange an Rinde, und während uns der Regen in Bächen den Rücken hinunterlief, erzählte sie mir von ihrer Zeit bei Attac, als man noch wirklich das Gefühl hatte, etwas zu bewirken, und von ihrer unzähmbaren Wut, wenn sie an die Regierung dachte. Vielleicht lag es an ihrer Symbiose mit dem Baum, vielleicht an der gleichsam kämpferischen und nüchternen Art, wie sie vom Untergang sprach, jedenfalls kam mir Ulrike unbezwingbar vor.

Es geht um das Überleben mit dem Schaden

Dann war das Gespräch plötzlich beendet. Ulrike löste sich vom Baum, trat auf die durchgeweichte Wiese und lief durch den Wolkenbruch davon in Richtung Soli-Bus. Musste ja weitergehen.

Man konnte es sich in Nordbrandenburg zu diesem Zeitpunkt schwer vorstellen, aber es brannte in diesen Wochen ständig irgendwo in Europa. Den riesigen Brand im Naturschutzgebiet Hohes Venn an der Grenze zu Belgien konnte man später bis nach Frankfurt riechen. Es brannte auch in Frankreich, Portugal, England, Kroatien, Griechenland. In Spanien verbrannten bis Ende August mehr als 275.000 Hektar. Überall konnte man in diesem Sommer beobachten, wie sich Menschen für den Extremfall wappneten, für Sturmfluten oder Feuersbrünste klimatischer oder politischer Art.

In die Kuhlmühle, einem Hofgut im Norden Brandenburgs ein paar Kilometer hinter Wittstock, waren im letzten Sommer fast tausend Menschen gekommen, zu einem von Aktivisten organisierten Kollapscamp. Im August fand es wieder statt. Diesmal wollte ich dabei sein. Ich wollte wissen, was einen an einem Ort erwartet, an dem der Kollaps organisiert wird, was ich wissen musste. Es geht bei diesen Treffen nicht mehr um die Abwendung von Schaden, sondern um das Überleben mit dem Schaden. Man bringt sich bei, Strom zu produzieren, Medikamente herzustellen, sich in der Nachbarschaft zu vernetzen. „Gegen die Ignoranz“, sagten sie bei der Eröffnung.

To-do-Listen statt dem großen Knall

Wenn knapp tausend Menschen nächtelang auf einer Waldlichtung campen und den Notfall proben, braucht man eine sehr stabile Infrastruktur. Damit diese Infrastruktur nicht von Großkonzernen oder Umweltverpestern abhängig ist, braucht man ein Netzwerk. Leute wie Ulrike und den Soli-Bus. Essen ohne Plastikberge, das günstig abgegeben wird, zum Beispiel übrig gebliebenes Gemüse aus der Solidarischen Landwirtschaft, das Helfer in Berlin einsammeln und mitbringen. Freiwillige Sanitäter. Leute, die Wasserschläuche verlegen und Zeltplanen von Wittstock auf das Gelände fahren, vorbei an einem Ort namens Berlinchen, der einen auf die Verschrumpfung der Welt, die einen erwartet, aufmerksam macht.

Hier campen knapp tausend Menschen. Dafür braucht es eine stabile Infrastruktur.
Hier campen knapp tausend Menschen. Dafür braucht es eine stabile Infrastruktur.Elena Witzeck

In seinem Buch „Was wir wissen können“ beschreibt Ian McEwan die Mühsal der postapokalyptischen Welt. Hundert Jahre nach einer gewaltigen Überschwemmung leben die Menschen in Großbritannien auf kleinen Inseln verstreut und träumen von den Annehmlichkeiten des frühen 21. Jahrhunderts, die für uns noch selbstverständlich sind: Reisen dauert bei McEwans Protagonisten ewig. Zur Nutzung des Internets bedarf es einer Anmeldung am Hochschulcomputer. Vor allem aber ist das Leben extrem langweilig. In einigen Besprechungen von „Was wir wissen können“ stand, wenn die zweite Hälfte des Romans nicht von einer menschlichen Intrige unserer verkommenen Gegenwart gehandelt hätte, man hätte sich schwer- getan mit dem Buch.

Wahrscheinlich ist das die härteste Lehre für alle, die sich auf den Zusammenbruch vorbereiten wollen. Dass alles so schrecklich langsam und unspektakulär vonstattengeht. Dass man auf den großen Knall wartet und stattdessen To-do-Listen bekommt.

Die Älteren haben den Vorteil, dass sie all das schon kennen. Die waren auf Braunkohleprotesten oder bei den großen Demonstrationen während des G-8-Gipfels in Heiligendamm 2007. Durchs Camp stromern Leute, die noch Helfer für verschiedene Schichten suchen, an der Essensausgabe, den Toiletten, beim Abwaschen. Alles wichtig, aber wer denkt an so was, wenn er an Katastrophenabwehr denkt?

„Transformationsaffine Minderheiten“

Zweiter Morgen. Es gibt zu wenig Kaffee. Das Kochen dauert ewig. Überhaupt wurde zu wenig Kaffeepulver gekauft. Bei Ian McEwan ist Kaffee Luxusgut, Schokolade auch, einmal beschreibt der Protagonist den Geschmack des Kaffeeersatzes, den sie im Jahr 2119 trinken, man vergeht vor Mitleid.

An der Küche haben sich Schlangen gebildet. Die Helfer wiederholen immer wieder mahnend dieselben Worte, einen eigenen Kaffee darf man sich nicht machen, dafür ist die Stromversorgung nicht gut genug. Einige klingen, als hätten sie Informationen, die sie zu besseren Teilnehmern des Kollapscamps machen, zu wichtigeren jedenfalls, und die Blicke der Wartenden verraten, dass das nicht allen gefällt.

In den großen weißen Zelten beginnen die Workshops. Ein paar Esoteriker sind dabei, die von ihrer Verbindung mit Tieren sprechen, hier und da steht jemand, der vor allem Zahlen aufzählt: Sieben von neun planetaren Grenzen wurden bereits überschritten. Jeden Tag verlieren wir 100 bis 400 Arten. Das wissen hier alle schon, das hier sind „transformationsaffine Minderheiten“: Leute, die sich mit Begriffen wie planetare Grenzen, den ökologischen Belastungsgrenzen der Erde, deren Überschreitung die Lebensgrundlagen der Menschen gefährdet, bereits auseinandergesetzt haben. Die brauchen keine Überredung mehr und wollen jetzt Praxisanleitungen.

Nicht alle können eine Stimme haben

In einem Zelt wird ein Szenario vorgestellt. Ein Brand nähert sich dem Camp. Verteilt werden Karten, die vage über die Umstände informieren und die Bedingungen setzen: Jemand hat nach Spielplan einen kranken Hund, eine andere Person eine Drohne.

Zunächst wird in der großen Gruppe debattiert. Irgendwo hebt noch jemand einen Käfer auf und trägt ihn am Zelt vorbei in Sicherheit. Die Probleme beginnen schon bei der Frage, wo genau Süden ist. Alle haben Ideen. Die meisten wollen sie lieber loswerden als zuzuhören. Einer, der sich mit Geographie auskennt, glaubt zu wissen, wohin man flüchten könnte, ein anderer weiß, dass es sicher ist, in den See zu springen. Obwohl ein Moderator ernannt wird, geht es ständig durcheinander, auch der Moderator will lieber selbst mitreden als Wortbeiträge zu verwalten.

Nach zwei Stunden ist immer noch niemand evakuiert. Die Organisatoren des Spiels, Mitarbeiter von Cadus, einer Hilfsorganisation aus Berlin, die Not- und Katastrophenhilfe organisiert, die Erfahrung aus Ländern mitbringt, wo schon etwas kollabiert ist, unterbrechen. Sie formulieren vorsichtig, niemand soll verunsichert werden. Aber war es nicht so, dass ein bloßes Gerücht, dass nasse Tücher helfen könnten, sofort eifrig umgesetzt wurde? Resilient wird eine Gruppe, sagt der Teamleiter von Cadus, „wenn sie weiß, was sie hat, was sie kann und weiß – in Abhängigkeit voneinander. Wir müssen lernen, zu erkennen, welche sinnvolle Position wir in der Gruppe einnehmen können.“ Kurz gesagt: Es können nicht alle eine Stimme haben. Und nicht alle müssen alles wissen.

Der Katastrophenschutz unterscheidet zwischen Operations, Planning, Logistik und Administration. Wer sich vor Ort auskennt, muss das Wissen teilen, aber nicht unbedingt gleich losrennen. Krise dauert, sagen die Leute von Cadus. Genauso wichtig wie diejenigen, die eifrig operieren, sind die Logistiker. Und dann, Reizthema für die Linke, braucht es eine gute Führung. „Eure Ressourcen sind Disziplin und Kommunikation.“

Würden wir den Kollaps überhaupt erkennen?

Nachher ist klar, dass es selbst transformationsaffinen Minderheiten oft wichtiger ist zu repräsentieren, als im Hintergrund mitzuhelfen. Die Tücken menschlichen Denkens werden einem in solchen Situationen bewusst. Einige stellen sich vor, wie es im Ernstfall gelaufen wäre. „Wir wären verbrannt“, stellt ein Mädchen trocken fest.

Nach dem Szenario steht eine der älteren Frauen am Rand des Zeltplatzes und telefoniert. „Die haben jede meiner Ideen als dumm dargestellt“, sagt sie. „Das sind Despoten.“ Man könnte sich über solche Beobachtungen amüsieren bei einem Glas Wein an einem schönen, von derartigen Sorgen ungetrübten Ort. Wie verführerisch die Erzählung von der Apokalypse ist, wie doch jede Zeit ihre eigene Untergangsvorstellung mit sich bringt, die Achtzigerjahre mit ihrer Atomangst und dem Waldsterben. Wie die Energie der Endzeit Menschen verblendet, wie sie sich verrennen. Immerhin beschreibt die Philosophin Eva von Redecker in ihrem Buch „Dieser Drang nach Härte“ die „Endzeit“ mit Verweis auf die kanadischen Autorinnen Naomi Klein und Astra Taylor als „Zeitkern“ des gegenwärtigen Faschismus. Man muss bloß an die Bunker denken, in denen sich Milliardäre vor dem erwarteten gesellschaftlichen Kollaps in Sicherheit bringen wollen, an die Prepper, die in ihren Kellern Dosen horten.

Andererseits, nur weil früher nichts passiert ist, es sich auszahlte, cool zu bleiben, heißt das nicht, dass es ewig gut geht. Das Problem ist ja, und darüber sprechen sie hier ganz viel, dass der Kollaps nicht so einfach zu erkennen ist, wenn er kommt. Der Historiker Luke Kemp, von dem das Buch „Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“ stammt, schreibt von einem schleichenden Prozess mit vielen kleinen Katastrophen. Den Kollaps sehe man meist erst danach, wenn es zu spät ist.

Kein naiver Optimismus mehr

Jetzt ist Abend. Alle haben brav beim Essen angestanden. An einer Tür hängt ein Schild, auf dem das Verständnis der Leute hier vom Preppen erklärt wird. Nicht in dem Sinn, wie man es von Menschen kennt, die sich das Überleben sichern wollen, und wenn sie die letzten auf dem Planeten sind. Eher im Sinn von: Denkt an eure alten Nachbarn, vergesst sie nicht, wenn es mal Ernst wird.

Ein paar Leute sitzen im Innenhof und haben sich gegen solidarische Spende ein Bier geholt. Ein Mann lässt sich bei mir nieder, erzählt, wie er früher Klimaaktivismus in Deutschland gemacht habe und jetzt in Schweden im Gemeinwesen arbeite. Er sagt mit der Überzeugung derer in der Stimme, die schon alles erlebt haben: „Man kann die Dinge nur ändern, wenn die Menschen sich ändern.“ Er stellt oft Fragen, die klingen wie im Klassenzimmer: „Was meinst du, was dann passiert?“ Und wenn man aus seiner Sicht falsch antwortet, klärt er einen auf.

Es sind vor allem die Älteren, die hier viel mitzuteilen haben. Die Jüngsten sitzen schweigend herum, stehen auf und schlendern davon, wenn sich ihnen jemand nähert. Einige sehen verstört aus, so, als wären sie noch dabei, sich an Gedanken zu gewöhnen, mit denen die Älteren schon ihr ganzes Leben lang befasst sind. Noch so eine Erkenntnis: Die Gemeinschaft der Kollaps-Vorbereiter besteht aus diesen Leuten, nicht aus vielen Julia Roberts, die Erin Brocovic spielen.

Dann ist Freitag. Noch drei Tage wird das Camp so weitergehen, aber ich muss zurück, mein Sohn wartet. Ständig wird die Vorbereitung auf den Ernstfall von solchen Alltagspflichten unterbrochen. Das geht auch anderen so, die Mitfahrbörse läuft an, der Solibus kommt, lädt aus, lädt ein und rollt davon. Auf der Rückfahrt sitze ich mit einem Rettungssanitäter im Auto, der seinen Freund am Bahnhof abholt. Eigentlich ist er Politikwissenschaftler, aber vor ein paar Jahren hat er die Ausbildung gemacht. Kann ja nicht schaden.

Der Rettungssanitäter erzählt, er habe ein paar Jahre Therapie hinter sich, der Gedanke an die Zukunft habe ihn fertig gemacht. Jetzt gehe es besser. Man werde besonnener, wenn man das Gefühl habe, vorbereitet zu sein. Man weiß ja jetzt in etwa, was kommt. Kein naiver Optimismus mehr. Lieber hoffen, dass es sich lohnt, sich einzusetzen. „Das gibt Selbstvertrauen.“

Als er mich rauslässt, sagt er: „Vielleicht sieht man sich im nächsten Jahr noch mal.“ Die Tür fällt zu, er schaut zum Fenster raus. Mal hoffen, oder?