(+) „Das hier gehört uns“: Wahlkampf gegen die blaue Wand

Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt gewählt. Eine absolute AfD-Mehrheit droht. Deshalb hat die SPD die Genossen bundesweit aufgerufen zu helfen – und auch ich bin der Aufforderung gefolgt. Was ich in Halle a...

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(+) „Das hier gehört uns“: Wahlkampf gegen die blaue Wand

Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt gewählt. Eine absolute AfD-Mehrheit droht. Deshalb hat die SPD die Genossen bundesweit aufgerufen zu helfen – und auch ich bin der Aufforderung gefolgt. Was ich in Halle an der Saale erlebt habe, reicht von Spott bis zu offener Verachtung.

„Kriegsverbrecher“, zischt mir ein Passant entgegen – offenbar wegen der westlichen Unterstützung für die Ukraine. Andere schauen mich verächtlich an. Wieder andere machen sich lustig: „Ach, die SPD – lebt die überhaupt noch?“ Der Höhepunkt folgt am Abend, als mein Wahlkampfeinsatz längst vorbei ist. In der Innenstadt von Halle an der Saale stellen sich mir zwei AfD-Anhänger in den Weg, deuten auf den SPD-Button an meinem Revers und sagen: „Verpiss Dich von hier. Das hier gehört uns.“

Für einen Sozialdemokraten aus Hamburg, einer Stadt, die seit Jahrzehnten mit nur wenigen Unterbrechungen von der SPD regiert wird, ist so viel offene Verachtung erschreckend.

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Eine Schicksalswahl

Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik könnte ein Rechtsextremist Ministerpräsident werden. Die SPD lag in den Umfragen zeitweise nur knapp über der Fünf-Prozent-Hürde, aktuell liegt sie bei neun Prozent.

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AfD-Wahlplakat mit Männerporträt und dem Slogan „Das Land retten.“ an einem Laternenmast
Der „Spiegel“ erklärte ihn schon zum gefährlichsten Mann Deutschlands: AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund (35), der von Vielen schon als „Ministerpräsident der Herzen“ gefeiert wird.
Undine Freyberg

Der Aufruf des Bundesvorstands bleibt nicht ungehört: Aus ganz Deutschland reisen Sozialdemokraten nach Sachsen-Anhalt. Auch aus Hamburg sind Genossen angereist – fünf allein aus Schnelsen.

Der SPD bin ich vor 44 Jahren beigetreten. Aus Gründen journalistischer Unabhängigkeit habe ich jedoch nie ein Parteiamt übernommen, nie kandidiert und mich nie aktiv in einen Wahlkampf eingemischt. Warum ich dieses Mal mit diesem Grundsatz breche? Weil es um mehr geht – darum, einen politischen Dammbruch zu verhindern. Es geht um die Demokratie. Mir ist es gleich, was die Leute wählen – solange es nicht die AfD ist.

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Vier Erwachsene gehen auf einem Schotterweg an historischen Gebäuden und geparkten Autos vorbei.
Das Wahlkampfteam von Halle-Neustadt: MOPO-Chefreporter Olaf Wunder (61, v.l.n.r.), die Pädagogin Katrin Laufer (57), die Wahlkreiskandidatin Prof. Christine Fuhrmann (58), der Jurist Ulrich Nielkes (67)
Undine Freyberg

Dass ich ausgerechnet in Halle an der Saale Wahlkampf mache, ist kein Zufall: Nach der Wende habe ich hier einige Jahre als Redakteur gearbeitet und fühle mich der Stadt bis heute verbunden. So stehe ich nun an einem Freitagnachmittag genau dort, wo ich damals wohnte, nämlich im Stadtteil Halle-Neustadt – kurz: Ha-Neu – , einer der größten Plattenbausiedlungen der ehemaligen DDR, und spreche Passanten an: „Wo drückt Sie der Schuh? Sind Sie mit der Politik der Landesregierung zufrieden? Was müsste sich ändern?“

TikTok statt Flyer

Nur selten hat jemand Lust, mit mir zu reden. Die meisten winken ab oder sehen mich finster an, manche rufen mir Beleidigungen zu: „Vaterlandsverräter!“

Einem hageren 85-Jährigen mit Basecap, der weitergehen will, rufe ich hinterher: „Darf ich Ihnen wenigstens diesen Flyer mitgeben?“ Er dreht sich um: „Nein, ich brauche Ihren Info-Flyer nicht. Meine Informationen beziehe ich von TikTok. Deshalb weiß ich, was in der Welt wirklich los ist. Ich weiß all das, was uns die Lügenpresse vorenthält.“

Zwei Männer sprechen vor einem Einkaufszentrum, einer hält ein Mikrofon; dahinter sind Passanten und ein PENNY-Schild zu sehen.
Die beiden winken ab: An der SPD kein Interesse. Rechts MOPO-Chefreporter Olaf Wunder (61) auf Wahlkampf für die Demokratie.
Undine Freyberg

Der TikTok-Opa lässt keinen Zweifel: Für ihn gibt es nur noch eine Partei: die AfD. Warum? „Damit sich endlich mal was ändert in diesem Lande!“ Ich frage, was seiner Meinung nach besser werden würde, falls die AfD gewinnt. „Das werden wir dann sehen. Man muss ja jedem eine Chance geben.“ Meine Replik fällt deutlich aus: „1933 hat man auch mal jemandem eine Chance gegeben. Und hat gut geklappt, nicht wahr?“

Wenig später begegnen mir zwei junge Männer. Der eine ist Deutscher, der andere Syrer. Einen SPD-Flyer lehnt der Deutsche ab. „Nee, ich wähle die AfD.“ Und wieder dieser Satz: „Es muss sich mal was ändern in Deutschland!“

Ich zögere einen Moment, dann zeige ich auf den zweiten jungen Mann. „Das ist doch dein Kumpel, oder?“ Er nickt. „Ist Ihnen schon klar, dass der dann höchstwahrscheinlich aus dem Land fliegt, oder?“ Er schluckt. „Sie glauben also, dass die AfD keine Alternative für Deutschland ist?“ – „Ich halte sie für eine Riesengefahr für Deutschland“, antworte ich.

Mit mir im Wahlkampfteam sind zwei Juristen, eine Pädagogin, ein Chemiker und ein Archäologieprofessor unterwegs – und natürlich die Frau, um die es vor allem geht: Prof. Dr. Christine Fuhrmann. Die 58-jährige Landschaftsarchitektin und Architekturhistorikerin, gebürtig aus Bayreuth, ist seit 2024 politisch aktiv, sitzt im halleschen Stadtrat und will für die SPD den Wahlkreis gewinnen. „Was mich antreibt?“, wiederholt sie meine Frage. „Ich will Sachsen-Anhalt vor einer absoluten AfD-Mehrheit bewahren.“

Die Angst vor dem Fremden

Radfahrerin mit Fahrrad steht auf einer Straße vor einem Gebäude mit roten Toren.
Im Wahlkreis Halle-Neustadt kämpft sie für die SPD um den Sieg: die 58-jährige Landschaftsarchitektin und Architekturhistorikerin Prof. Christine Fuhrmann.
Undine Freyberg

„Ich erkenne mein Land nicht wieder!“ Diesen Satz höre ich in Gesprächen auf der Straße und an Wohnungstüren immer wieder. Fast immer geht es um Zuwanderung. „Ich traue mich bei Dunkelheit ja nicht mal mehr raus“, sagt ein älterer Herr. Warum? „Na, wegen der ganzen Fremden.“

Eine Passantin erzählt, sie habe ihre Mitgliedschaft im Sportverein gekündigt, weil sie abends mit der Straßenbahn zum Training fahren müsse. Dort säßen viele Menschen, die für sie fremd aussähen. Ob ihr jemand von ihnen jemals etwas getan habe? Nein. „Aber ich fühle mich unsicher.“

Die konkrete Bedrohung bleibt abstrakt. Das Gefühl, bedroht zu sein, ist dagegen sehr real. Und Gefühle können Wahlen entscheiden.

Auch die Unterstützung für die Ukraine ist immer wieder Thema. „Was haben wir mit diesem Krieg zu tun? Das Geld wäre in Schulen und in der Wirtschaftsförderung besser angelegt“, sagt ein Passant.

Ein anderer meint: „Wir sollten wieder Gas und Öl aus Russland beziehen, dann sinken endlich die Preise.“ In den Gesprächen begegnet mir viel Verständnis für Russland und seinen Präsidenten, deutlich weniger für die Ukraine. „Der will eben die Nato nicht vor der eigenen Haustür haben“, sagt einer über Putin.

Die alte Verbundenheit mit Russland scheint bei manchen noch immer nachzuwirken.

Peter Dehn, der 82-jährige SPD-Chef von Halle, hatte mich vorgewarnt: Wahlkampf in Halle-Neustadt sei für die SPD kein Zuckerschlecken. Zu DDR-Zeiten galt das Neubauviertel als begehrte Adresse, gebaut für die Arbeiter der großen Chemiekombinate Buna und Leuna: jung, modern, voller Familien.

Die Wunden der Wende

Nach der Wende folgte der Absturz. Zehntausende Arbeitsplätze verschwanden, viele Jüngere und besser Ausgebildete zogen fort, die Einwohnerzahl halbierte sich beinahe. Die Erfahrung von Verlust und sozialem Abstieg ist bis heute spürbar. AfD-Wahlslogans wie „Das Land retten“, „Wieder normal leben“ oder „Abschieben ab Minute eins“ verfangen gerade dort, wo viele Menschen das Gefühl haben, früher sei alles besser gewesen.

Zwei Männer unterhalten sich vor einer Treppe, während einer eine rote Broschüre hält.
„SPD? Ach, lebt die auch noch?“ Dieser 85-jährige Mann ist von den Sozialdemokraten enttäuscht, will aber nicht die AfD, sondern die Linken wählen.
Undine Freyberg

Der Spitzenkandidat der AfD, Ulrich Siegmund, versteht es, diese Stimmung für sich zu nutzen. Der 35-jährige examinierte Wirtschaftspsychologe tritt freundlich und jovial auf, gibt sich volksnah und wird auf der Straße gefeiert als „Ministerpräsident der Herzen“. Christine Fuhrmann und viele ihrer Mitstreiter halten ihn für einen „Wolf im Schafspelz“. Der Spiegel nannte ihn kürzlich den „gefährlichsten Mann Deutschlands“.

Der „Ministerpräsident der Herzen“

Was Siegmund für den Fall eines Wahlsiegs ankündigt, klingt alles andere als harmlos: Er will die Energiewende zurückdrehen, setzt auf Remigration und vertritt ein Gesellschafts- und Kulturverständnis, das sich stark an ethnischer Zugehörigkeit und nationaler Identität orientiert. Auch der Geschichtsunterricht soll nach seinen Vorstellungen vor allem dazu dienen, die „nationale Identität zu stärken“.

Die AfD liegt in aktuellen Umfragen bei 41 bis 43 Prozent. Unter bestimmten Umständen könnte das für eine absolute Mehrheit reichen – wenn mehrere kleinere Parteien an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern.

Deshalb spielt diesmal taktisches Wählen eine große Rolle. Ein Mann um die 30 sagt: „Ich finde zwar, die SPD macht viel Mist. Aber ich wähle Euch trotzdem, damit uns dieser Wahnsinn erspart bleibt.“

Breite Straße mit Fußgängern, Bäumen und hohen Bürogebäuden an einer Kreuzung
Halle-Neustadt: Mit 47.000 Einwohnern der größte Stadtteil von Halle (Saale). Die Plattenbausiedlung entstand ab 1964 für Beschäftigte der Chemiewerke Buna und Leuna. Seit 1990 hat sich Halle-Neustadt durch Bevölkerungsrückgang, Rückbau und Sanierungen stark verändert.
Undine Freyberg

Ein anderer Passant versucht zu erklären, warum die AfD hier so stark ist: „Die einen wählen sie sicherlich aus Protest, die anderen, weil sie denken, die anderen Parteien fahren das Land in den Abgrund.“ Dann setzt er nach: „Dabei haben viele das Wahlprogramm der AfD nie gelesen. Denn das ist der Abgrund.“

Ein Ehepaar weiß noch nicht, wo es am 6. September seine Kreuze setzen wird. „Man muss ja wirklich genau nachdenken“, sagt der Mann. Dann nimmt er den Flyer mit Christine Fuhrmanns Foto. „Aber die AfD wähle ich nicht. Beim letzten Mal hab’ ich SPD gewählt. Ich fand auch, dass Olaf Scholz als Bundeskanzler seinen Job gar nicht so schlecht gemacht hat.“

Rote SPD-Wahlkampfflyer mit Porträts mehrerer Kandidierender und dem Slogan „Vier für Halle!“
Die hallesche SPD macht einen sehr engagierten Wahlkampf. Vier Kandidaten kämpfen um vier Wahlkreise - doch wahrscheinlich gehen alle an die AfD.
Undine Freyberg

Andere lehnen die AfD zwar ab, fragen sich aber, ob es nicht trotzdem gut wäre, wenn sie gewänne. Ein Ingenieur sagt: „Dann wird sie zeigen, dass sie gar nichts hinbekommt, dass mit ihr alles nur noch schlimmer wird – und dann ist der Zauber endlich verflogen.“ Ein Experiment – allerdings ein ziemlich gefährliches. Denn was, wenn der Zauber nicht verfliegt?

Ein gefährliches Experiment

Der hallesche SPD-Chef Peter Dehn bleibt trotz aller negativer Umfragewerte optimistisch. Er glaubt, dass die SPD in Sachsen-Anhalt deutlich über fünf Prozent kommen wird, in Halle vielleicht sogar auf zehn Prozent. Die AfD werde die absolute Mehrheit klar verfehlen, so seine Prognose.

Für einen Sieg in einem der halleschen Wahlkreise wird es allerdings für die SPD dennoch kaum reichen. Dafür sei die AfD zu stark, glaubt er. Das bedeutet: Auch Christine Fuhrmann, die Kandidatin aus Halle-Neustadt, wird wahrscheinlich leer ausgehen.

Mann hält einen roten SPD-Anstecker mit Aufschrift vor eine grüne Hecke.
Für ein Wochenende Wahlkämpfer: MOPO-Chefreporter Olaf Wunder (61) gehört in Halle (Saale) zum „Team Fuhrmann“.
Undine Freyberg

Und trotzdem macht sie weiter. Fährt mit ihrem Rennrad von Wahlkampfeinsatz zu Wahlkampfeinsatz, spricht Menschen an, klingelt an Haustüren, hört zu, diskutiert, verteilt Flyer. Immer wieder. Mit viel Energie. Dass sie dabei Unterstützung aus anderen Bundesländern bekommt, begeistert sie. Am vorletzten Wahlkampfwochenende sind 20 Kölner Genossen zu Gast gewesen – und das schon zum zweiten Mal. Christine Fuhrmann: „Es ist so ein gutes Gefühl, nicht allein gegen die blaue Wand anzurennen.“