Kracht, Shibli, Eggers: So war das Berliner Literaturfestival
Christian Kracht verrät ein Lieblingswort, bei Adania Shibli bleiben Fragen offen und Dave Eggers geht in Berlin verloren: ein Rückblick auf das Internationale Literaturfestival Berlin.
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Falls Adania Shibli am Ende doch spüren ließ, wie sehr sie die Absage der Verleihung eines ihr zugedachten Preises vor drei Jahren verbittert hat, ging das im Schlussapplaus im großen Saal der Berliner Festspiele fast unter. Dieser sei für die anderen beiden Frauen auf der Bühne, die Moderatorin und die Vorleserin, sagte Shibli, denn „für Palästinenser klatscht man nicht“.
Dass das nicht stimmt, bewies das Publikum allerdings gerade, und auch, wie groß die Neugier auf ihren Roman „Die Täuschung“ ist, der in wenigen Tagen erscheint, als Nachfolger zu „Eine Nebensache“, jenem Buch über den historisch dokumentierten Mord eines israelischen Soldaten an einer jungen Beduinin, das auf der Frankfurter Buchmesse einen Preis erhalten sollte, dann aber – kurz nach dem Terrorangriff der Hamas – von einigen Kritikern unter Antisemitismusverdacht gestellt wurde. Über die literarische Qualität des Textes hatte bis dahin ziemliche Einigkeit geherrscht, doch am Ende wurde die Preisverleihung auf unbestimmte Zeit verschoben und bis heute nicht nachgeholt.

Es wäre interessant gewesen zu hören, wie die in Berlin lebende Shibli heute darüber denkt, doch das zu erfragen, war bei der Buchpremiere beim Internationalen Literaturfestival Berlin am Mittwoch offenbar nicht vorgesehen. Das Gespräch mit Priya Basil, Schriftstellerin und Moderatorin des Abends, blieb eng am neuen Roman und dort, wo es darüber hinaus ging, unbefriedigend ominös. Einmal legte Shibli nahe, das Auswärtige Amt habe eine Liste von 20 Worten angelegt – „lassen Sie uns mal raten, welche das sind“ –, die bei der Ankündigung von Veranstaltungen nicht verwendet werden dürften, deshalb sei die Lesung einer palästinensischen Autorin kürzlich gecancelt worden. Eine Nachfrage schien der sich ohnehin eher als Verbündete verstehenden Moderatorin nicht nötig.
Die vorgelesenen Passagen aus dem ohne Namen, Ortsbezeichnungen und Jahreszahlen auskommenden Roman zeugten dann davon, welche Kraft Shiblis andeutungsreicher Stil literarisch entwickelt. In der Geschichte zweier junger Menschen in Palästina findet sie starke Bilder für Schmerz und enttäuschte Hoffnungen, fürs Beheimatetsein in einer Landschaft unter Besatzung und in der Sprache. Feigenbäume kommen vor, deren Früchte ungepflückt bleiben, weil ihre Besitzer nicht zu ihnen können. Orangenbäume, die Blüten und Früchte gleichzeitig tragen, und ein seltsamer Satz, den die Protagonistin in einem arabischen Grammatikbuch findet: „Sie stammt aus dem Land der traurigen Orangen.“ Adania Shibli erzählte in Berlin, wie sie als Kind in der Schule arabische Gedichte aus dem siebten Jahrhundert auswendig lernte und später den Wert eines Sprechens begriff, das nicht Instrument ist, nicht dafür da, etwas auszudrücken, sondern das eine Brücke schlägt, 1300 Jahre zurück.
Ein Satz, vom Menschen geschrieben – nicht von der KI
Von der magischen Erfahrung eines Zeitreisens mittels Sätzen sprach auch Ben Lerner, spätestens seit dem Erscheinen seines Romans „Transkription“ auch in Europa der neue Literaturstar – Sätze, betonte er, die Menschen, nicht Sprachmodelle geschrieben haben. Geradezu zärtlich sprach er über den Satz als das Ergebnis vieler Entscheidungen, die sein Autor getroffen hat und die die Worte nun konservierten wie eine Flaschenpost. Für das Gespräch zwischen Ben Lerner und dem Fotografen Thomas Demand musste im mehrere Hundert Menschen fassenden Saal des Festspielhauses sogar der Rang geöffnet werden. Überhaupt ist das ILB, das noch bis Samstag geht, gut besucht, mit bislang 25.000 verkauften Tickets für Lesungen, Autorengespräche und Diskussionsrunden steht es in stabilem Verhältnis zu Vor-Pandemie-Zeiten, als die da noch überbordend vielen Veranstaltungen etwa 30.000 Besucher hatten.
Es gibt also ein Bedürfnis nach Orten, an denen man sich in der Verunsicherung über eine, wie Ben Lerner sagte, „Zeit, die sich die Zukunft nicht mehr vorstellen kann“, aufgehoben fühlen oder einfach das Glück teilen kann, Geschichten erzählt zu bekommen. Das manifestierte sich nirgends schöner als im Raunen, das durch den mit vielen jungen Besuchern gefüllten Saal ging, als Cornelia Funke ein Bilderbuch vorstellte und auf eine – groß an die Wand projizierte – besonders prächtige Seite umblätterte. Da war das ILB ganz die „Infrastruktur der Hoffnung“, als die Yuliia Kozlovets, Leiterin der unter schwierigsten Umständen stattfindenden Buchmesse in Kiew, Literaturfestivals bei einem Podiumsgespräch bezeichnete: der Hoffnung, dass nach Kriegs- und Krisenzeiten bessere kommen, aber eben auch jener, dass nicht alles verloren ist, solange Kinder so intuitiv Freude über ein Buch empfinden.
Das mobile Endgerät kommt nicht gut weg
In einen Appell zum Schutz dieser Kinder vor Smartphones und Künstlicher Intelligenz mündete der Auftritt von Dave Eggers. Erst wenn sie ihre eigene Stimme entwickelt hätten, dürften sie der Technologie ausgesetzt werden. Eggers, der die dauervernetzte Internetgesellschaft in „The Circle“ schon vor 13 Jahren als Dystopie malte, hat selbst kein Smartphone, weshalb sein Vorhaben, in Berlin ein bisschen verloren zu gehen, noch besser gelang als geplant. Wo er gewesen war und so interessante Dinge wie ein Wachhunde-Training beobachtet hatte, konnte er nicht erzählen; er wusste es ja nicht.

Es fiel auf, dass in einigen Veranstaltungen das mobile Endgerät als zeitfressender, manipulativer Weltempfänger nicht gut wegkam. Ben Lerner ließ durchblicken, dass er bei seinem Protagonisten, der, plötzlich ohne Handy, das Hier und Jetzt in fremd gewordener Intensität erlebt, aus eigener Erfahrung schöpfen konnte. Die Qualität seiner Aufmerksamkeit habe sich verändert: „Eine Stunde lang zu lesen, fühlt sich schon wie eine Leistung an.“
Wenn man der Nobelpreisträgerin Han Kang im Kammermusiksaal der Philharmonie dabei zusah, wie konzentriert sie wiederum den Musikern beim Spielen zusah, bezweifelte man, dass sie derlei Aufmerksamkeitsschwund kennt. Über Mobiltelefone sprach Han nicht, aber davon, welchen Stellenwert sie dem Rhythmus der Natur seit ein paar Jahren in ihrem Leben gibt. Neben ihrem nur 33 Quadratmeter großen Haus in Seoul hat sie unter denkbar ungünstigen Bedingungen einen winzigen Garten angelegt: Es ist dort so schattig, dass sie den Pflanzen mithilfe von acht Spiegeln, die regelmäßig weiterbewegt werden müssen, Licht zuführt. Sie habe teilen wollen, was dieser Garten für sie bedeutet, sagte sie. In dem gerade erschienenen Essayband „Der goldene Faden“ nimmt ihr Garten-Tagebuch viel Raum ein.

Am Donnerstagabend betrat dann Christian Kracht die Bühne, im leichten Kurzmantel, als käme er direkt aus Kolkata, wo er mit der ILB-Chefin Lavinia Frey den Auftritt vereinbart hatte. Das Werkstattgespräch absolvierte er so auskunftsfreudig, dass man sich fragte, warum er bloß als verschlossen gilt, wenn es um seine Arbeit geht. Auch sein neuer Roman „Air“, dessen Protagonist in eine karge Fantasy-Welt mit grauen Steinbauten und eisigen Meeren gerät, löste nach Erscheinen das vertraute Vexierspiel aus: Ist das nun Pathos oder Parodie? Seit er ein Kind war, erscheine ihm eine solche Landschaft im Traum, sagte Kracht. „Manchmal denke ich, wenn ich Glück habe, komme ich dahin, wenn ich sterbe.“
Alles ernst gemeint also. Oder doch nicht? Warum er ausgerechnet so jemanden auf die traumgleiche Reise geschickt habe, fragte der Moderator: Paul, einen saturierten Innenarchitekten, dessen größte Sorge ist, das richtige Sauerteigbrot zu kaufen, bis er den Weekender packt, seiner einäugigen Katze Futter für eine Woche hinstellt und aufbricht. Er habe immer schon einmal dieses wunderbare Wort schreiben wollen, antwortete Christian Kracht: „Katzenklappe“.