Berlin-Konzert von Danger Dan und Igor Levit: Verschweigen funktioniert nicht mehr

Das ZDF wollte einen Song streichen, daraufhin wurde der zum medialen Mittelpunkt. Die Rundfunkanstalt muss ihr Verhältnis zum Antifaschismus dringend überdenken. U nd dann spielten sie ihn doch: Nach knapp 90...

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Berlin-Konzert von Danger Dan und Igor Levit: Verschweigen funktioniert nicht mehr

Das ZDF wollte einen Song streichen, daraufhin wurde der zum medialen Mittelpunkt. Die Rundfunkanstalt muss ihr Verhältnis zum Antifaschismus dringend überdenken.

U nd dann spielten sie ihn doch: Nach knapp 90 Minuten Show im ausverkauften Berliner Columbiatheater stimmt Pianist Igor Levit die ersten Töne von „Keine Angst“ an, dem Song, dessen Aufführung in der Satiresendung „Die Anstalt“ die Geschäftsleitung des ZDF wenige Tage zuvor unterbunden hatte.

Eine Ersatzveranstaltung richteten die Künst­le­r*in­nen kurzerhand selbst aus. Nachdem das Publikum unter anderem einen Brecht zitierenden Blixa Bargeld sowie eine Beethoven-Interpretation auf Weltniveau seitens Levit gesehen hatte, setzt nun Danger Dan zur Strophe an: „Es gibt jetzt zwei Optionen, beide machen Stress.“ Natürlich fehlen in den fortlaufenden fünf Minuten auch die umstrittenen Verse nicht, die übers „Langlegen“ von politischen Gegnern und die solidarischen Grüße an die Beteiligten im „Antifa-Ost“-Verfahren, Lina, Gucci, Maja und Nanuk.

Gehört haben diese Zeilen in den vergangenen Tagen viele Menschen. Ironischerweise dürften es wesentlich mehr sein, als der Song ohne Cancelling seitens des ZDF erreicht hätte. Seit Tagen berichten die bundesdeutschen Medien über die Frage, ob und wie viel Antifaschismus von der Kunstfreiheit gedeckt ist, inwiefern ein linker Song im öffentlich-rechtlichen Rundfunk stattfinden kann und ob in diesem konkreten Song ein expliziter Aufruf zur Gewalt enthalten ist oder nicht.

Den Kampf um die Aufmerksamkeit hat der ÖRR dabei verloren. Hunderte Menschen waren bei der innerhalb knapp einer Stunde ausverkauften Veranstaltung live vor Ort, 15.000 weitere sahen die Veranstaltung im Stream, Hunderttausende dürften von dem Skandal aus den sozialen Netzwerken erfahren haben.

Die Einnahmen aus der Veranstaltung wurden an den Verein Opferperspektive, eine Beratungsstelle gegen rechte Gewalt, gespendet. Die beiden Künstler nutzten den Moment aber nicht nur, um sich zu erklären und diverse Lieder zu spielen. Sie luden auch Ak­teu­r*in­nen der Zivilgesellschaft ein, unter anderem die Journalistin Heike Kleffner und die Rechtsanwältin Kristin Pietrzyk.

„Wegbereiter und Stichwortgeber“

Die Perspektive der Opfer rechter Gewalt habe in den vergangenen Tagen gefehlt, sagt Danger Dan. Kleffner schilderte sie eindrücklich, nennt etwa die Namen der Opfer des OEZ-Anschlags vor recht genau zehn Jahren oder rekapituliert mehrere rechte Übergriffe innerhalb von zwei Tagen im April. Und sie benennt die „Wegbereiter und die Stichwortgeber“ der rechten Gewalt: „die rechtsextreme und verfassungswidrige AfD“.

Anwältin Pietrzyk ordnet die rechte Gewalt in Deutschland in den größeren historischen Rahmen ein und verweist auf das Recht auf antifaschistischen Selbstschutz: „Wenn wir also darüber sprechen, warum Menschen Nazis nicht allein lassen, warum sie sich ihnen in den Weg stellen, warum sie aus ihrer Sicht nicht mehr nur auf staatliches Handeln warten wollten, dann reden wir nicht darüber, ob das Strafrecht abgeschafft werden soll.“ Natürlich sei Körperverletzung eine Straftat, so Pietrzyk. Aber ein Staat, dessen Gesetze Individuen nur auf dem Papier vor Faschismus schützt, versage auch.

Am Ende bleibt von dem Abend vor allem ein Eindruck: Die mediale Aufmerksamkeitsökonomie hat sich verändert, auch und insbesondere bei Themen, die in juristische Grauzonen hineinragen. Innerhalb weniger Tage nach der kurzfristigen Ausladung haben Danger Dan, Igor Levit und ihr Team eine Veranstaltung auf die Beine gestellt, die nun sogar noch vor der Ausstrahlung von „Die Anstalt“ stattfand. Was danach im linearen Fernsehen lief, wurde von den beiden diskursiv längst eingeholt.

Dabei hätte es der Sender besser wissen können: Schon 2021 wollte ein ZDF-Redakteur – so schilderte es kürzlich TV-Moderator Jan Böhmermann im Podcast „Fest und Flauschig“ – eine Stelle aus Danger Dans Lied „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ streichen lassen. Böhmermann intervenierte scharf, der Song wurde schließlich in voller Länge gespielt. Ein vergleichbarer Skandal blieb aus.

Sein Verhältnis zu Faschismus und Antifaschismus muss der öffentlich-rechtliche Rundfunk künftig also überdenken, die von rechter und konservativer Seite her geschürte Angst überwinden – wenn er relevant bleiben will. Denn, so viel hat der Fall gezeigt: Verschweigen lässt sich rechte Gewalt – und antifaschistische Gegenwehr – so leicht nicht mehr.

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