Abramovićs „Balkan Erotic Epic“: Wie man den Regen bezwingt
Immersives Theater in Duisburg: Bei der Ruhrtriennale verklärt Performance-Legende Marina Abramović mit einer spektakulären Show archaische Balkan-Riten. Kann man so „Die Götter erschrecken, um den ...
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Immersives Theater in Duisburg: Bei der Ruhrtriennale verklärt Performance-Legende Marina Abramović mit einer spektakulären Show archaische Balkan-Riten.
Foto: Marco Anelli
Vor einem Jahr war bei dem Festival „Transart“ in Bozen die mehr als 25 Jahre alte Performance „The composer“ von Marina Abramović zu sehen, reenacted von der irischen Künstlerin Kira O’Reilly. Auf der Bühne saß das Spitzenensemble Klangforum Wien als „Frozen Orchestra“, in aktiver Spielhaltung, aber lautlos, auf einem Steg davor balancierte O’Reilly mit einer lebendigen Schlange in den Händen einen zarten und zugleich kraftvollen Zeitlupentanz.
Das war eine subtile Reflexion über stumme Präsenz, das Phänomen der Musik als gestaltete Zeit und das archetypische Bild einer Frau mit Schlange. Eine hoch konzentrierte Abramović-Arbeit aus jener Zeit, als ihre Kunst noch eher ein Randphänomen für Eingeweihte des Kunstbetriebs war. Das ist lange her. Inzwischen ist Abramović längst eine Marke des Achtsamkeits-Zweigs der Kunstwelt und im globalen Mainstream angekommen.
Große Retrospektiven in Amsterdam, Zürich und Wien belegen das und der Höhepunkt ihrer Popularität wird nun mit der vierstündigen Marathon-Show „Balkan Erotic Epic“ erreicht, die von der gleichnamigen, dauerausgebuchten Berliner Ausstellung – quasi eine kürzere Soft-Version der nun in Duisburg gezeigten Performance – im Frühjahr sozusagen eingeläutet wurde. Mit diesem langen PR-Vorlauf ist die Duisburger Show, die im Rahmen der Ruhrtriennale läuft ein clever kalkulierter Erfolg. Alle Vorstellungen sind ausverkauft. Marina Abramović, die bald 80-jährige Königin der Performance-Kunst ist längst auch eine Königin der Selbstvermarktung.
Als ihre „ambitionierteste Arbeit“ bezeichnet sie diese Recherche zu Erotik, Folklore, Sexualität und Tod, mit der sich die Künstlerin auf ihre serbischen Wurzeln und die archaischen Sterbe- und Fruchtbarkeits-Rituale des Balkans besinnt. Vorab hieß es, es sei sexuell Explizites zu sehen, Genitalien, schmerzhafte Rituale würden Grenzen überschreiten, Trigger-Warnungen und eine Freigabe erst ab 18 Jahren steigerten die Sensationslust. Und dann auch noch die Ansage: Strengstes Handy-Verbot, um die Nacktheit der Performenden zu schützen.
Abramović mit Sicherheitsabstand?
So werden am Eingang verschließbare Täschchen für die Telefone verteilt, Heerscharen von Personal verteilen diese, erklären das Procedere, bewachen später unerbittlich den Sicherheitsabstand des Publikums zur den Performenden und die mäandernden Wege durch die 13 Stationen der Show im Riesenraum der Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg Nord. Abramović mit Sicherheitsabstand? Das Gegenteil davon war einst einer der Grundpfeiler ihres Konzepts.
Sitzgelegenheiten gibt es kaum, denn die gigantische Bühnen-Installation ist als immersives Theater gedacht. Immersiv heißt nach dem Einmarsch im Gefolge der einen Trauermarsch intonierenden Brassband erst einmal nur: Man sieht nichts. Etwa 1.200 Menschen drängen sich um die Stationen, erst als nach einer Stunde erste Ermüdungserscheinungen einsetzen und sich der Catering-Bereich allmählich füllt – man darf jederzeit hinein- und hinausgehen –, kann man die Performances einigermaßen komplett erfassen.
Die erste ist sogar im Gedränge gut zu erfassen, „Titos Beerdigung“ zeigt einen Altar, auf dem die Sängerin Svetlana Spajić als Hohepriesterin thront und Klagelieder singt. Auf der rückwärtigen Videoleinwand sieht man eine Schar von Kopftuchfrauen sich rhythmisch auf die Brust schlagen – ein Trauerritual des Balkans – unter ihnen entdeckt man auch Abramović selbst, deren Eltern Tito-Partisanen waren. Dahinter eine der zentralen Stationen, die Sexualität als Urkraft feiern und sich angeblich auf historische Rituale beziehen: Fünf Performerinnen vor einer Videoleinwand in Folklore-Gewändern heben ihre bunten Röcke, strecken ihre nackten Vulven gen Himmel, verharren mit gespreizten und stimmen abrupt traditionelle Gesänge an. „Die Götter erschrecken, um den Regen aufzuhalten“, heißt die Installation, das Video dahinter zeigt ähnliche Szenen.
Nur im Video zu sehen ist „Slawische Seele“, zehn Männer in Tracht mit entblößten Penissen stimmen einen tiefen Kehlgesang an – leider werden die archaischen Klänge vom Rummel nebenan übertönt, sodass das eine tonlose Fleischbeschau wird. Sehr konkret und unfreiwillig komisch dagegen die Performance „Den Boden ficken“, bei der eine Handvoll Nackter auf dem Bauch liegend in einen Plastik-Rollrasenteppich hineinrammelt, ein angeblich uraltes Fruchtbarkeitsritual für trockene Großwetterlagen.
Foto: Marco Anelli
Es gibt auch Skulpturales, etwa fünf Riesen-Phalli, die wie urzeitliche Pilze aus dem mit schwarzem Flausch-Rasen bedeckten Hallenboden wachsen. Dann gibt es eine Balkan-Kneipe, in der anfangs nur ein paar Ladys mit schwarzer Pillbox auf dem toupierten Kopf offenbar auf eine Trauerfeier warten. Später füllt sich die Kneipe, es wird kraftvoll gesungen und stampfend auf dem Dach getanzt.
Anderswo werden Bräute auf die Hochzeit vorbereitet, stundenlang mit Milch übergossen oder unter Häkeldecken liegend maskenhaft geschminkt. Ganz hinten kann man einer Orgie beiwohnen, die derart minutiös choreografiert wurde, dass sie völlig aseptisch und harmlos wirkt. Da massieren nackte Frauen erst ihre Brüste, liebkosen dann Skelette, bevor das Orgien-Ballett anhebt. Davor haben die Veranstalter in weiser Voraussicht ein paar Stuhlreihen platziert. Klar, das will man doch in Ruhe sehen!
Insgesamt liegt über dem Abend mit viel wabernder Musik aus der Konserve eine Zuckerschicht aus Ethno- und Eso-Kitsch, zudem stören sich die Performances schon akustisch gegenseitig. Zum Innehalten regt das gerade nicht an. So hat das Ganze etwas von einem Jahrmarkt, ein penetrant lautes, buntes, seltsam leerlaufendes Spektakel.
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