Experten reagieren auf neue Wegovy-Abnehmpille: die gefährlichen Nebenwirkungen bleiben
wa.deWeltAbnehmspritze jetzt als Pille – aber die Nebenwirkungen bleibenStand: 05.09.2026, 19:39 UhrKommentareUns auf Google folgenWegovy gibt es jetzt als Tablette statt Spritze. Doch Wirkung, Nebenwirkungen u...
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Abnehmspritze jetzt als Pille – aber die Nebenwirkungen bleiben
Stand: 05.09.2026, 19:39 Uhr
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Wegovy gibt es jetzt als Tablette statt Spritze. Doch Wirkung, Nebenwirkungen und strenge Einnahmeregeln bleiben. Eine Ärztin und ein Apotheker klären auf.
Frankfurt – Die Abnehmspritze Wegovy ist vielen Menschen inzwischen bekannt. Seit dem 1. September gibt es den Wirkstoff Semaglutid nun auch zum Schlucken. Laut Deutscher Presse-Agentur (dpa) rechnen sowohl der Hersteller als auch die Apotheken mit einer hohen Nachfrage. Was ein Experte und eine Expertin zu der Tablette im Vergleich zur Spritze sagen.

Laut der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) ahmt Semaglutid das körpereigene Hormon GLP-1 nach und beeinflusst dadurch unter anderem Hunger, Sättigung und Nahrungsaufnahme. Die Tablette ist für Erwachsene mit Adipositas oder mit Übergewicht und mindestens einer gewichtsbedingten Begleiterkrankung zugelassen. Sie ist verschreibungspflichtig und kein Mittel für einen unkontrollierten Selbstversuch.
Ärztin warnt: „kein Appetitzügler im klassischen Sinne“
Dr. med. Ulrike Thieme, medizinische Leiterin bei dem Telemedizinanbieter ZAVA, warnt bei fr.de von Ippen.Media davor, die Wirkung der Tablette auf eine bloße Appetitzügelung zu reduzieren. „Zusätzlich verlangsamt Semaglutid die Magenentleerung, besonders zu Beginn der Behandlung. Es beeinflusst außerdem die Blutzuckerregulation. Bei erhöhtem Blutzucker wird mehr Insulin und weniger Glukagon ausgeschüttet“, erklärt die Ärztin.
Was häufig missverstanden werde: „Wegovy ist kein Appetitzügler im klassischen Sinne und die Wirkung besteht nicht darin, dass Essen möglichst vollständig unterdrückt werden soll. Ein sehr geringer Appetit kann sogar ernährungsmedizinisch problematisch werden, wenn dadurch über längere Zeit zu wenig Protein, Energie, Flüssigkeit, Vitamine und Mineralstoffe aufgenommen werden.“
Vorsicht bei der Dosis: Tabletten und Spritzen benötigen andere Mengen
Auch die Dosis könne verwirren. „25 mg oral sind nicht mit 25 mg gespritztem Semaglutid gleichzusetzen. Semaglutid wird über den Magen-Darm-Trakt nur zu einem kleinen Teil aufgenommen. Deshalb benötigt die orale Form eine deutlich höhere nominelle Dosis“, sagt Thieme. Laut EMA stehen für die Tablette die Wirkstärken 1,5, 4, 9 und 25 Milligramm zur Verfügung.
Für die Spritze nennt die aktuelle deutsche Fachinformation von Novo Nordisk bei Erwachsenen mit einem BMI von mindestens 30 eine mögliche Dosiserhöhung auf bis zu 7,2 Milligramm einmal wöchentlich. Die höhere nominelle Tablettendosis bedeutet aber nicht automatisch, dass sie stärker wirkt: Semaglutid wird oral nur zu einem kleinen Teil aufgenommen. Hans Hauner, Direktor des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin an der Technischen Universität München, erklärte laut dpa, man brauche vom gleichen Wirkstoff in Tablettenform etwa 70-mal so viel wie beim Spritzen.
Studie zeigt Ergebnisse: So wirkt der Wirkstoff
Die EMA weist außerdem darauf hin, dass die genaue Wirkweise der Gewichtsabnahme nicht vollständig geklärt ist. Martin Schulze, Apotheker und Leiter der pharmazeutischen Kundenbetreuung von mycare.de, verweist bei fr.de von Ippen.Media dazu auf die Zulassungsstudie OASIS 4: Nach 64 Wochen lag der durchschnittliche Gewichtsverlust dort bei rund 14 Prozent, unter Placebo bei zwei bis drei Prozent.
Laut EMA muss die Tablette einmal täglich morgens auf nüchternen Magen nach mindestens acht Stunden Nahrungskarenz eingenommen werden. Danach müssen Patienten mindestens 30 Minuten warten, bevor sie essen, trinken oder andere orale Medikamente einnehmen. Die Spritze wird dagegen einmal pro Woche angewendet.
Ob Tablette oder Spritze: Die Risiken bleiben gleich
Nach Einschätzung von Dr. Thieme sind bei Spritze und Tablette „die grundlegenden Risiken weitgehend dieselben, weil beide Formen denselben Wirkstoff enthalten.“ Am häufigsten seien gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Verstopfung, Bauchschmerzen, Völlegefühl und teilweise Reflux. Die Zahlen aus der OASIS-4-Studie – 74 Prozent gastrointestinale Nebenwirkungen unter oralem Semaglutid gegenüber 42,2 Prozent unter Placebo ordnet Thieme ein: „Das bedeutet allerdings nicht, dass 74 Prozent schwere Beschwerden hatten. Die meisten waren leicht bis mittelschwer.“ Das nimmt den Beschwerden jedoch nicht ihre Bedeutung – vor allem dann nicht, wenn sie anhalten oder zu Flüssigkeitsmangel führen.
„Seltenere, aber medizinisch wichtige Risiken sind unter anderem Pankreatitis, Gallensteine und Gallenblasenentzündungen, schwere gastrointestinale Beschwerden, allergische Reaktionen und akute Nierenschädigungen, insbesondere wenn starkes Erbrechen oder Durchfall zu Dehydrierung führen. Bei Menschen mit Typ‑2-Diabetes sind zudem Hypoglykämien relevant, wenn gleichzeitig Insulin oder bestimmte blutzuckersenkende Medikamente eingesetzt werden. Auch eine Verschlechterung einer diabetischen Retinopathie muss bei entsprechenden Patienten berücksichtigt werden“, erklärt Thieme.
„Interessanterweise wurden in den Zulassungsdaten schwere gastrointestinale Nebenwirkungen bei zwei Prozent der mit Tabletten behandelten Erwachsenen berichtet. Ein direkter Vergleich dieser Zahlen mit Studien zur Spritze ist jedoch problematisch, weil es keine entsprechende randomisierte Kopf-an-Kopf-Studie gibt.“
Keine Erstattung über die Krankenkassen – Tablette allein reicht nicht aus, Gewicht dauerhaft zu halten
Schulze sagt: „Die gesetzliche Krankenversicherung stuft Semaglutid zur reinen Gewichtsreduktion nach § 34 SGB V dennoch weiterhin als Lifestyle-Arzneimittel ein und schließt es von der Erstattung aus. Patienten müssen die Tablette also in aller Regel privat bezahlen. Das erhöht auch bei uns den Druck auf die Politik. Diese Diskussion ist längst überfällig, denn Adipositas ist eine chronische Erkrankung und keine Frage der Willenskraft.“
Laut dpa sollte auch die langfristige Wirkung realistisch eingeordnet werden. Das Medikament allein reicht nicht aus, um das Gewicht dauerhaft zu halten. Nina Meyer betonte, wichtig seien eine ärztliche Begleitung sowie Therapien für Ernährung, Bewegung und Verhalten. Eine primäre Follow-up-Analyse der STEP-1-Studie zeigte, dass Teilnehmende ein Jahr nach dem Absetzen von wöchentlich gespritztem Semaglutid im Durchschnitt etwa zwei Drittel des zuvor verlorenen Gewichts wieder zunahmen. Das Ergebnis bezieht sich auf die Injektionsform und lässt sich nicht unmittelbar auf die neue Tablette übertragen.
Thieme fasst die zentrale Botschaft so zusammen: „Ein übergreifender Punkt [...] wäre für mich daher: Die Tablette senkt die Zugangsschwelle psychologisch, aber nicht die medizinische Relevanz der Behandlung. Sie sieht aus wie eine gewöhnliche Tablette, greift aber in zentrale Systeme der Hunger und Sättigungsregulation sowie des Stoffwechsels ein. Genau deshalb gehören Indikationsprüfung, Begleitung und eine ausreichende Ernährung auch bei der oralen Form zur sicheren Anwendung.“ Wer Wegovy als Tablette einnehmen möchte, sollte deshalb zunächst ärztlich klären lassen, ob eine Behandlung überhaupt angezeigt ist. Die Risiken bleiben auch dann bestehen, wenn der Wirkstoff nicht mehr gespritzt, sondern geschluckt wird. (Quellen: dpa, Dr. Thieme von ZAVA, Martin Schulze von mycare.de, EMA, eigene Recherche) (jh)