Warum ist es so schwer, Social Media zu regulieren?

Meta und andere Social-Media-Plattformen werden mit Klagen überzogen. Ihnen wird vorgeworfen, Nutzende - insbesondere Kinder und Jugendliche - durch ihre Algorithmen abhängig zu machen.

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Warum ist es so schwer, Social Media zu regulieren?

Abhängigkeit, selbst verletzendes Verhalten, Selbstmord: Die sozialen Medien, deren Strategie auf die Interaktion mit den Nutzern ausgerichtet ist, stehen unter massiver Kritik. Ihnen wird vorgeworfen, eine suchtartige Nutzung zu fördern und schwere psychische Schäden hervorzurufen, insbesondere bei Kindern.

Indem sie die Nutzenden durch unablässiges Scrollen, Empfehlungen und ständige Benachrichtigungen in Bann halten, erzielen Plattformen wie Facebook, Youtube und TikTok riesige Gewinne.

So konnte Meta, Eigentümer von Facebook, im vergangenen Jahr beispielsweise Rekordeinnahmen aus Werbung in Höhe von 196,2 Milliarden US-Dollar (168,3 Milliarden Euro) verbuchen – alles dank seiner Fähigkeit, Nutzer und Nutzerinnen an seine Bildschirme gefesselt zu halten.

Dieses Geschäftsmodell trifft mittlerweile aber auf große rechtliche und regulatorische Hürden. Immer mehr Länder verbieten die Nutzung von sozialen Medien durch Jugendliche unter 16 Jahren und vor allem in den USA steigt die Zahl von Klagen gegen die Unternehmen.

Im jüngsten großen Rechtsstreit reichten 29 US-Bundesstaaten, darunter Kalifornien, Colorado und New Jersey, Anfang des Monats Klage gegen Meta ein. Sie warfen dem Social-Media-Riesen vor, er habe seine Plattformen absichtsvoll so gestaltet, dass junge Nutzende süchtig danach werden.

In einem am Mittwoch bekannt gewordenen Vergleich erklärte Meta sich bereit, bis zu 18 Milliarden US-Dollar (15,5 Milliarden Euro) an 47 Bundesstaaten, den District of Columbia und die US-Territorien zu zahlen. Mit dem Bundesstaat Texas schloss das Unternehmen einen separaten Vergleich über 1 Milliarde US-Dollar (0,86 Milliarden Euro). Außerdem stimmte das Unternehmen der Einführung von Beschränkungen der Nutzungsdauer und nächtlicher Sperren für jugendliche Nutzer und Nutzerinnen zu. 

Regulierung hinkt der Nutzung hinterher

Weltweit haben Regierungen die Regeln in den vergangenen Jahren verschärft, doch den Gesetzgebern fällt es schwer, mit der rasanten Entwicklung der Technologie Schritt zu halten.

Mehrere groß angelegte Studien stellen einen Zusammenhang her zwischen der Nutzung sozialer Medien durch Teenager und dem vermehrten Auftreten von Angstzuständen, Depressionen und Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Auch Forschende des Unternehmens selbst erkannten einen Zusammenhang zwischen der Nutzung von Instagram und einem problematischen Körperbild und der psychischen Gesundheit bei einigen Mädchen im Teenageralter, wie Dokumente von Meta, die 2021 an die Öffentlichkeit kamen, belegen.

Laut dem Marktforschungsunternehmen Sensor Tower verbrachten US-amerikanische Teenager im Jahr 2025 etwa 90 Minuten täglich mit dem Surfen auf TikTok. Tests von Organisationen wie Amnesty International stellten 2023 fest, dass die Algorithmen der Plattform, Nutzenden, die Inhalte aufrufen, die sich mit psychischer Gesundheit befassen, unter Umständen auch Videos empfehlen, in denen es um Depressionen und Selbstverletzungen geht.

"Unternehmen dieser Größenordnung, die so viel Einfluss auf das Leben von Menschen haben, müssen grundlegende Sicherheitsstandards erfüllen", fordert Camille Carlton, die die Abteilung für Strategie und Wirkung beim Center for Humane Technology leitet, gegenüber der DW.

"Diese Idee ist nicht radikal", sagt sie. "Es ist derselbe Standard, den wir an andere Produkte wie Autos, Medikamente und Kinderspielzeug anlegen."

Mehr Schutz für Kinder

Nach Jahren der Blockade wächst in den USA mittlerweile sowohl bei Demokraten als auch bei Republikanern die Unterstützung für strengere Regeln, um Kinder mithilfe des Kids Online Safety Act (KOSA) vor den Gefahren der sozialen Medien zu schützen.

Der Gesetzesentwurf sieht vor, dass standardmäßig die strengsten Sicherheitseinstellungen für Minderjährige gelten. Das soll Eltern mehr Möglichkeiten geben, die Online-Konten ihrer Kinder zu kontrollieren.

Schüler mit Smartphones im Klassenzimmer
Australien, Indonesien, Brasilien und Malaysia haben bereits ein Social-Media-Verbot für Kinder eingeführtBild: Marcus Brandt/dpa/picture alliance

"Die Technologie entwickelt sich so rasant und die Hinweise, dass sie Schaden anrichten, häufen sich so schnell, dass ich sehr optimistisch bin, dass in der nächsten Sitzungsperiode des Kongresses ein wichtiges Gesetz verabschiedet werden wird", sagt Sozialpsychologe Jonathan Haidt, Autor des Buchs "Generation Angst", im Politico-Podcast "The Conversation" vergangene Woche.

Das Gesetz könnte genau definieren, inwieweit die Tech-Riesen in der Pflicht stehen, vorhersehbare Schäden zu antizipieren und entsprechende Funktionen zu entwickeln, um diese zu verhindern. Carlton drängt jedoch auch darauf, Social-Media-Produkte den US-amerikanischen Verbraucherschutz- und Produkthaftungsvorschriften zu unterwerfen.

Welche Chancen hätten Alternativen?

In Deutschland hat Cornelia Sindermann, Psychologie-Professorin an der Charlotte-Fresenius-Hochschule in Heidelberg, die Haltung Nutzender zu alternativen Social-Media-Modellen untersucht. Dazu gehören reine Abos, die Werbung ausschließen, ein Modell, das Meta in den 27 EU-Staaten und im Vereinigten Königreich für Facebook und Instagram testet.

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In ihrer Studie aus dem Jahr 2024 stellte Sindermann fest, dass mehr als die Hälfte der Erwachsenen und zwei Drittel der Jugendlichen bereit wären, für eine Art öffentlich-rechtliche, mit deutlich strengeren Sicherheitsvorkehrungen ausgestattete Version von beispielsweise Facebook, zu bezahlen.

Auch wenn die Social-Media-Plattformen "Teile ihres Geschäftsmodells neu erfinden und zusätzliche Einkommensquellen erschließen", bezweifelt Sindermann, dass diese Alternativen die beliebtesten Social-Media-Plattformen ersetzen würden.

Investitionen in KI erschweren die Regulierung

Den Gesetzgebern stellt sich noch ein weiteres Problem: Eben jene Social-Media-Plattformen, die von Milliarden von Menschen genutzt werden, investieren Hunderte von Milliarden US-Dollar in hochkarätige Projekte im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI).

Einige Beobachter weisen darauf hin, dass die über die sozialen Medien gesammelten Daten wertvolle Einblicke in das reale Verhalten von Nutzenden geben, die von großem Nutzen für die Entwicklung künstlicher Intelligenz seien.

Die Tech-Riesen werden immer mächtiger und ihre neuen KI-Projekte erweisen sich als ebenso schwierig zu regulieren. Experten äußern sich zunehmend besorgt, dass genau die problematischen Praktiken, die die sozialen Medien formten, nun in deutlich leistungsfähigere KI-Produkte integriert werden.

Während die sozialen Medien also um unsere Aufmerksamkeit buhlen, ist KI mittlerweile in der Lage, das Denken, Verhalten und die Beziehungen der Menschen auf nur schwer vorstellbare Weise zu beeinflussen, meint Carlton.

"Wenn die Anreize, die ein Produkt erfolgreich machen, nicht im Einklang mit dem menschlichen Wohlergehen stehen, können wir nicht erwarten, dass die Unternehmen aus sich heraus das öffentliche Interesse in den Mittelpunkt stellen", warnt Carlton.

Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.