Mehr als nur guter Wein: Neues Hotel im Médoc

Nanu? Kaum einer da, in dieser Gegend, die wie keine andere für Frankreichs Gloire und Savoir-vivre steht. Weinkennern muss man nichts über das Médoc erzählen – aber allen, die reif für Ruhe sind.

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Mehr als nur guter Wein: Neues Hotel im Médoc

Vielleicht liegt das Geheimnis der großen Weine des Bordeaux im kühlen Schlick der Gironde, die an diesem heißen Sommernachmittag am Quai von Pauillac träge vorbeischleicht. Genau genommen ist das olivgrüne Gewässer gar kein Fluss, sondern ein Ästuar, der größte in Westeuropa, ein bis zu zwölf Kilometer breites Mündungsgewässer, das dem Mond gehorcht und den Gezeiten des nahen Atlantiks ausgesetzt ist. Die Gironde ist das Ergebnis des Zusammenflusses von Garonne und Dordogne – nur 75 Kilometer lang, aber ein Zauberstab für diese Region: Sie schafft ein Mikroklima, das weltweit einzigartig ist. So wie der Wein, der am rechten wie am linken Ufer kultiviert wird und wie kein anderes Produkt für Frankreichs Gloire und Savoir-vivre steht.

Wenn der Südwesten Frankreichs im Sommer unter der Canicule, der großen Hundshitze, leidet, dann kühlt der große Wasserkörper, und im Winter strahlt seine Wärme auf die mit Weinstöcken überzogenen Landschaften aus, die sich an ihn schmiegen. Dadurch herrschen ganzjährig sehr ausgeglichene Temperaturen, was wiederum dem Reifeprozess der Reben zugutekommt. Wie stark sich die gerade erst unter Kontrolle gebrachten Feuer, die etwas weiter im Süden tobten, aber deretwegen auch rund um Pauillac evakuiert wurde, und der Rauch sich auf den Wein auswirken, ob ein „Smoke Taint“ in einigen Lagen zu befürchten ist – noch sind die Prognosen verhalten.

In der Weinwelt trennt die Gironde nicht nur zwei Lagen, sondern manchmal auch Lager. Auf der linken Gironde- und Garonne-Seite reifen in den Kellern Weine, die durch die Rebsorte Cabernet Sauvignon dominiert werden, auf der rechten Gironde- und Dordogne-Seite dominiert in der Regel Merlot die typischen Cuvées der Gegend. Das kleine, feine Pomerol sowie die Appellation Saint-Émilion genießen rechts den besten Ruf. Links, im Médoc, sind es die Châteaus Lafite Rothschild und Margaux.

Weingüter, wohin das Auge blickt

Die Rang- und somit auch Preisliste für die Fässer, die hier gut geschützt und bestens temperiert lagern, gibt die berühmteste Bordeauxklassifizierung von 1855 vor. Napoleon III. hatte sie zur Weltausstellung in Paris erarbeiten lassen. Maßgebend waren die Preisentwicklung, die Reputation des Châteaus und die Konstanz der Qualität. Abgehoben ist das Preiskarussell zuletzt vor knapp zwanzig Jahren, als die Premiers Crus in China zum Statussymbol wurden.

Viele Geheimnisse rund um den Wein schlummern hinter den Mauern, die sich trutzig aus den Weinbergen erheben; alle paar Hundert Meter entdeckt man in Pauillac ein altes Gemäuer, ein Weingut, im Médoc gibt es mehr als 500, und nicht alle kommen so disneyhaft daher wie das bekannte Château Pichon Baron; die meisten haben eher etwas von einem Gutshof als von einem Schloss. Und wieder andere Weingüter sehen aus wie gläserne Fabriken: hochmoderne, leicht zu öffnende Schachteln.

Viele der weltberühmten Châteaus haben Gästezimmer, aber dort zu übernachten, ist nur sehr wenigen vorbehalten: umsatzstarken Weingroßhändlern, so heißt es, ausgesuchten Fachpressevertretern, gewichtigen Sammlern und Celebritys, upon invitation only.

Ein gläsernes Schloss für viele Jahrgänge: Château Lynch-Bages
Ein gläsernes Schloss für viele Jahrgänge: Château Lynch-BagesChâteau Lynch-Bages

Einfacher ist es, an Führungen, meist mit anschließender Verkostung, teilzunehmen, aber wer eines der legendären Châteaus besuchen möchte, sollte das rechtzeitig kundtun – „nicht umsonst fragen wir unsere Gäste nach ihren Plänen und ob wir behilflich sein dürfen“, sagt Jennifer Piquet-Nicolas, die Direktorin des Hotels Como Cordeillan-Bages, das aussieht wie ein Château, aber das einzige Fünfsternehotel hier weit und breit ist: Ein intimes Haus mit 28 Zimmern und Suiten, im Frühjahr erst hat es nach umfassender Renovierung als drittes Haus der asiatischen Luxushotelkette in Frankreich wiedereröffnet.

Piquet-Nicolas ist im Médoc aufgewachsen und nach einer Karriere in der Londoner Hotellerie und auf den Kleinen Antillen wieder hierher zurückgekehrt, und ihre Kontakte in die Weinwelt sind noch immer exzellent. Wein formt hier nicht nur die Landschaft, er ernährt die Menschen seit vielen Generationen, seine Verkostung ist ein Ritual, das über viele Jahre erlernt wird, der richtige Wein macht aus dem sonntäglichen Familienessen ein Fest, Wein gehört zum Leben im Médoc wie die Pinienwälder zur Atlantikküste.

Château für Superlative: Die Weinkarte des „Le Cordeillan“ verzeichnet mehr als 1600 Positionen.
Château für Superlative: Die Weinkarte des „Le Cordeillan“ verzeichnet mehr als 1600 Positionen.Como Hotels and Resorts

Wie schaumige Wolken schmiegen sich Hortensienbüsche an die alten Mauern des Hotels, im schattigen Mulch darunter jagen Eidechsen nach Insekten, während in der Krone der Platane, die sich über die Terrasse spannt, eine Taube eifrig an ihrem Nest häkelt und dazu Zweige in beachtlicher Größe anfliegt. Die Sperlinge haben Quartier in den Koniferen bezogen, die wie Säulen die Längswand des Innenhofs säumen.

In der Ferne rauscht Verkehr, aus der Küche ist leise das Klappern von Geschirr zu vernehmen. Überhaupt liegt ein zivilisatorisches Grundrauschen über dem Médoc, das seltsamerweise ein Gefühl der Tiefenentspannung verstärkt. An diesem Ort, an dem nichts muss, aber vieles sein kann. Vorzügliche Küche, zum Beispiel: Im hoteleigenen Restaurant „Le Cordeillan“ sorgt ein Team um Spitzenkoch Fabien Ferré dafür, dass vielleicht auch bald Sterne funkeln.

Ein Pool lädt hinter dem Haus ein, die Nachmittagshitze abzustreifen, oder man nimmt eines der Fahrräder und rollt durch die Weinberge und trifft sich am Dorfplatz von Bages mit Kerstin Bauer, die als Kind mit ihrer Familie ins Médoc kam. Als „guide interprète“ schließt sie im Château Lynch-Bages die Geheimnisse der Weinkultur auch auf Deutsch auf. Lautmalerisch höchst geschickt führt sie durch die vier traditionellen Rebsorten, die hier verschnitten werden: Cabernet Sauvignon – stehe für Charakter, sie knackt dabei das „kt“ so sehr, dass man diese Eselsbrücke nie wieder vergisst, und auch das M bei Merlot ist so weich ausgesprochen wie die Eigenschaft, die dieser Rebsorte zugesprochen wird – Cabernet Franc steht für Frische und Petit Verdot für gewürzte Information.

Kühlender Wasserkörper: der Pool des Hotels
Kühlender Wasserkörper: der Pool des HotelsComo Hotels and Resorts

Lynch-Bages ist eines der drei Güter der Familie Cazes, die Ende des 19. Jahrhunderts aus den Pyrenäen eingewandert war; die Reblaus hatte da bereits weite Schneisen der Verwüstung hinterlassen, und jede Hand wurde im Kampf gegen den Schädling gebraucht. Aus Fleiß wurde schließlich ein kleines Weinimperium. Ein betriebsames, aber äußerst wohltemperiertes Klima herrscht in dem gigantischen gläsernen Kubus, der hinter dem kleinen Dorfplatz von Bages liegt – der wiederum wie das kopfsteingepflasterte Set des Kinofilms „Die fabelhafte Welt der Amélie“ wirkt: Vom Café Lavinal unter schattigen Linden blickt man auf eine Fahrradwerkstatt, und im Laden gleich daneben kann man Dinge kaufen, die man eigentlich gar nicht braucht, aber die das Versprechen in sich tragen, zu Hause formschön an ein paar wunderbare Tage im Médoc zu erinnern.

Vom Verhältnis der Hitze zur Spitze

Durch die große Glasfront der Firmenzentrale fällt der Blick auf eines der alten Gebäude, in denen die gesamte Belegschaft zur Erntezeit zum gemeinsamen Mittagessen zusammenkommt, im Inneren ragt einem hier und dort moderne Kunst entgegen, wie der überdimensionierte Arm eines Kraken. Der 5000 Quadratmeter große Komplex ist von Didi Pei erbaut, dessen Vater Ieoh Ming im Hof des Louvre die gläserne Pyramide entworfen hat. Während draußen schwere 32 Grad über den Weinbergen liegen, herrscht hinter Glas eine wohltemperierte Arbeitsatmosphäre.

Früher hieß es, ein paar Tage extreme Temperaturen wirkten wie Wunder auf die Qualität der Bordeaux-Weine, aber wie sich die immer länger und heißer werdenden Sommer langfristig auswirken, kann noch keiner abschätzen. Auf der obersten Ebene der Hallen von Château Lynch-Bages erklärt Bauer das Schwerkraftprinzip der hocheffizienten Anlage, um anschließend zurück ins 19. Jahrhundert zu steigen – in den Skawinski-Weinkeller, der original erhalten integriert wurde.

Große Jahrgangsweine und andere Träume fanden hier ihren Weg nach Amerika: Hafen von Pauillac.
Große Jahrgangsweine und andere Träume fanden hier ihren Weg nach Amerika: Hafen von Pauillac.Picture Alliance

Pauillac hat die höchste Dichte an Qualitätsweinen und geht Weinkennern von Buenos Aires bis Hongkong flüssig und akzentfrei von der Zunge – aber im Ort Pauillac selbst scheint gerade alles ausgeflogen zu sein – abgesehen von ein paar weißen Lieferwagen und dem einen oder anderen Traktor.

Zum Weinanbau braucht man – außerhalb der wenige Wochen dauernden Ernte – nicht mehr viele Leute. Das ist keine gute Nachricht in einer ökonomisch gebeutelten Gegend, die lange auch von einer ganz anderen Flüssigkeit lebte: Pauillac, so ist im örtlichen Stadtentwicklungsplan nachzulesen, leidet noch immer unter der Schließung der Shell-Anlagen. 1986 hatte der Ölkonzern seine Raffinerie dichtgemacht, fast 1000 Arbeitsplätze waren damals verloren gegangen, die Abwanderung hatte sich noch viele Jahre fortgesetzt. Heute leben wieder rund 5000 Menschen in Pauillac.

Pauillac kann man auch in der Hochsaison als ruhigen Ort beschreiben.
Pauillac kann man auch in der Hochsaison als ruhigen Ort beschreiben.Picture Alliance

Die Église Saint-Martin liegt etwas erhöht an der Place du Maréchal Foch. Mitten am Werktag dringt gregorianischer Gesang durch die Tür. Die Aussicht auf Abkühlung verdrängt die Bedenken, hier in ein Hochamt zu platzen. Im herrlich kühlen Kirchenschiff baumelt ein Schiffsmodell von der Decke, und vorne am Altar steht ein Mann in kurzen Hosen und T-Shirt und singt lateinische Texte ohne Notenblatt. Fast hätte man vergessen, wie tief verwurzelt der Katholizismus in Frankreich ist.

Die Gironde, die an diesem Vormittag besonders NATO-grün an die Ufer von Pauillac schwappt, ist auch ein zentraler Knotenpunkt der französisch-amerikanischen Freundschaft. Viele Fässer Wein haben von hier aus ihren Weg an die Ostküste gefunden und den legendären Ruf der Bordeauxweine begründet. Eine verwitterte Tafel am Hafen erinnert an Marie-Joseph Paul Yves Roch Gilbert du Motier alias Marquis de La Fayette, einen rebellischen Adligen und Helden des amerikanischen Unabhängigkeitskampfes. Um La Fayettes Werdegang zu verstehen, muss man kurz in das geopolitische Klima des späten 18. Jahrhunderts zurückblenden: Nach dem Siebenjährigen Krieg hatte Frankreich einen Großteil seiner nordamerikanischen Gebiete an Großbritannien verloren.

Der Schmerz über die Niederlage saß tief in den Gemächern von Versailles – und als die dreizehn amerikanischen Kolonien gegen England rebellierten, erkannte Frankreich darin die einzigartige Chance, nicht nur seinen Rivalen zu schwächen, sondern sich auch die aufkeimenden Ideale der Freiheit zu eigen zu machen. La Fayette ging 1777 in Pauillac inkognito an Bord der Victoire, eines Handelsschiffes, das er selbst finanziert hatte. Der König hatte dem noch nicht einmal 20-jährigen Marquis die Reise nach Amerika explizit verboten, um keine Eskalation der Spannungen mit der englischen Krone zu provozieren. Getragen vom Wind und von den Ideen der Aufklärung erreichte La Fayette im Juni 1777 die Küste von South Carolina, behauptete sich selbstlos auf dem Schlachtfeld und war tief beeindruckt von George Washington, der für ihn bald wie ein Ziehvater wurde.

Fischerhäuschen auf Stelzen für alle, die kein Boot hatten: Die Carrelets sind heute noch ein Kulturgut.
Fischerhäuschen auf Stelzen für alle, die kein Boot hatten: Die Carrelets sind heute noch ein Kulturgut.bali

Damals lebte in den Gewässern der Gironde noch ein ganz anderer Lieferant von Luxusprodukten, der durch Überfischung und Verschmutzung seines Lebensraumes ausgerottet wurde: der Europäische Stör. Falls der höchst unwahrscheinliche Fall eintreten sollte, dass sich ein Stör im Netz von einem der „Carrelets“ genannten Fischerhäuschen verfangen sollte, ist er sofort den Behörden zu melden und ihm kein Leid zu tun: Die Wiederansiedlungsprojekte des Störs zeigen bisher nur verhaltene Erfolge. Die Stelzenhäuschen wurden vor über 300 Jahren genehmigt, damit auch die zu Fisch kamen, die kein Boot besaßen, heute sind die Carrelets geschütztes Kulturerbe und ein begehrtes Pachtobjekt.

Schwerelosigkeit über dem Delta

Am Quai hat die Avalon Artistry II festgemacht. In der Ferne am gegenüberliegenden Ufer erkennt man die Kühltürme des Atomkraftwerks – noch etwas, was vor allem in Frankreich so tief verwurzelt ist wie die Reben, deren Wurzeltiefe die Qualität des Weins ebenfalls beeinflusst. Auf dem obersten Deck des Flusskreuzfahrtschiffs wird gerade eine Erfrischung serviert. Nur wenige Passagiere machen sich auf den Weg ins Zentrum Pauillacs, darunter eine sehr gesprächige Frau aus Florida, die eine Apotheke (um die Ecke der Kirche) und ein nettes Café sucht – wir schicken sie nach Bages.

Es war einmal im Médoc: Der Dorfplatz von Bages wurde von der Familie Cazes wiederhergestellt.
Es war einmal im Médoc: Der Dorfplatz von Bages wurde von der Familie Cazes wiederhergestellt.Bordeaux Code

Was kann man in der Gegend noch machen, wenn einem der Wein nicht genug ist? Man kann hier nicht nur metaphorisch abheben und die Schwerelosigkeit erfahren, denn der Luftraum über dem Mündungsdelta ist auch der einzige Ort, wo man in Europa auf Parabelflügen Schwerelosigkeit erfahren kann, ohne eine Raumkapsel betreten zu müssen. Novespace, eine Tochtergesellschaft der französischen Raumfahrtagentur CNES, macht es möglich, hin und wieder auch für Nicht-Wissenschaftler. Das Hotel hatte vor Kurzem zu einer exklusiven Exkursion in die Schwerelosigkeit geladen, mit NASA-Astronauten, die im Anschluss das abgehobene Erlebnis beim Abendessen noch mal vertiefen konnten.

Aber in welcher Gegend ist es schöner, am Boden zu bleiben – zumal dann, wenn der all diese roten Wunder hervorbringt?

Anreise Bages, einen Ortsteil von Pauillac im Médoc, erreicht man mit dem Auto in etwa einer Stunde von Bordeaux aus;

Unterkunft Vor kurzem hat das Como Cordeillan-Bages eröffnet, ein kleines, aber feines Chateau mit 28 Zimmern und Suiten, Doppelzimmer ab 300 Euro. 

Restaurant Das „Le Cordeillan“ ist täglich außer Mittwoch und Donnerstag geöffnet, Reservierung empfohlen.