Tod mit 23: Botticellis Muse könnte an einem Tumor verstorben sein

Schielende Venus Tod mit 23: Botticellis Muse könnte an einem Tumor verstorben sein Simonetta Vespucci, legendäre "Venus" der Renaissance, starb angeblich an Tuberkulose. Neue Studien behaupten, dass e...

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Tod mit 23: Botticellis Muse könnte an einem Tumor verstorben sein

Schielende Venus

Tod mit 23: Botticellis Muse könnte an einem Tumor verstorben sein

Simonetta Vespucci, legendäre "Venus" der Renaissance, starb angeblich an Tuberkulose. Neue Studien behaupten, dass ein Tumor am Gehirn dahintersteckte

Julia Sica

Die „Geburt der Venus“ von Sandro Botticelli zeigt Venus, die nackt auf einer Muschel steht. Links wehen zwei Figuren mit Umhängen Wind und Rosenblätter herbei. Rechts wartet eine Frau mit einem bestickten Gewand, um Venus zu bedecken. Im Hintergrund sind das Meer, Wellen und eine bewaldete Landschaft zu sehen.
Die "Geburt der Venus" wurde zwar erst zwischen 1484 und 1486 von Sandro Botticelli gemalt, stellte aber vermutlich die 1476 verstorbene Schönheitsikone Simonetta Vespucci dar.

Ihr Gesicht ist neben der Mona Lisa eines der bekanntesten der Kunstgeschichte: Simonetta Vespucci dürfte die wichtigste Muse des Renaissancemalers Sandro Botticelli gewesen sein, wie etliche Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker im Laufe der Jahrhunderte nahelegten. Als Liebesgöttin Venus steht sie in den Uffizien auf der Muschelschale – und ist auf unzähligen Kunstdrucken und Museumsshopartikeln zu sehen.

Dass man mehr über das Leben dieser Ikone weiß, ist gewiss auch der Tatsache geschuldet, dass sie aus hohem Hause stammte: Simonetta Vespucci, geborene Cattaneo, gehörte dem genuesischen Adel an und wurde im Alter von 16 Jahren mit einem Cousin des Seefahrers Amerigo Vespucci verheiratet. Man bezeichnete "la bella Simonetta" als schönste Frau ihrer Zeit – oder, etwas bescheidener, als Schönste in Florenz.

Ihr Leben war kurz. Mit 23 Jahren verstarb sie 1476, als Todesursache wird üblicherweise die Tuberkulose genannt. Doch seit einigen Jahren vertritt der italienische Mediziner Paolo Pozzilli eine andere Hypothese: Die Darstellungen auf den berühmten Gemälden sowie Textdokumente aus den Tagen vor ihrem Tod passen zu den Folgen eines Tumors. Genauer gesagt soll es sich um ein Adenom an der Hypophyse gehandelt haben, also um eine gutartige Geschwulst, die auf eine Hormondrüse am Gehirn drückte.

Blutender Tumor

Zwar war Tuberkulose oder "Schwindsucht" eine tödliche Infektionskrankheit, die damals weit verbreitet war und zahllose junge Frauen betraf, die ansonsten dem Anschein nach gesund waren. Innerhalb von mehreren Wochen oder Monaten, manchmal auch ein bis drei Jahre nach den ersten Symptomen konnten die Betroffenen versterben. Diese Zeit war üblicherweise von Anzeichen wie Husten, Gewichtsverlust, zunehmender Schwäche und Fieber geprägt.

Wie Pozzilli mit Kolleginnen und Kollegen vor sieben Jahren in einer Studie darlegte und nun in einer weiteren Fachpublikation festhält, mag dies nicht so recht zum Krankheitsverlauf von Simonetta Vespucci passen. Wenige Tage bevor sie starb, tauschten sich ihr Schwiegervater Piero Vespucci und der mächtige Lorenzo de' Medici, der der Familie nahestand, per Brief über ihren Zustand aus.

Beschrieben wird, dass Simonetta bei einem Ball zusammenbrach und anschließend beim Ausruhen in einem dunklen Raum nicht nur unter starken Kopfschmerzen und Fieber litt, sondern auch unter Halluzinationen und Erbrechen. "Das sind alles Symptome eines schnell wachsenden Hypophysentumors", wird Studienautorin Domiziana Nardelli von der Università Campus Bio-Medico di Roma in einer Aussendung zitiert. Sie können bei einer Apoplexie auftreten, wenn die Geschwulst stark anschwillt oder blutet.

Der Tumor selbst könnte ebenfalls Auswirkungen auf die junge Frau gehabt haben, die etwa ihre Gesichtsform veränderten. Pozzilli und sein Team berücksichtigten fünf Gemälde von Botticelli, darunter die Geburt der Venus, die er nach Simonetta Vespuccis Tod malte. Die Forschenden beschreiben subtile Veränderungen an Kiefer, Stirnbereich und Weichgewebe. "Genau diese Veränderungen treten bei Patienten mit einem Hypophysenadenom auf", schreibt der Hormonexperte von der Queen Mary University of London in einem Beitrag auf The Conversation.

Es sei auch möglich, dass die ungewöhnliche Augenstellung der "Venus", die an ein leichtes Schielen erinnert, durch den Tumor verursacht wurde. Dieses Schielen, der sogenannte Strabismus, habe später als Zeichen von Frömmigkeit und Schönheit gegolten.

Milch und Gewalt

Für die neue Studie im Fachjournal Endocrinology, Diabetes & Metabolism wurde unter anderem ein Deep-Learning-Modell auf diese Gemälde trainiert, und dem Algorithmus zur Gesichtserkennung zufolge passt die Diagnose zu den Gesichtsveränderungen. Der Tumor an der Hirndrüse kann die Produktion von Botenstoffen beeinflussen, in diesem Fall sorgte er der Vermutung nach für eine Ausschüttung von Wachstumshormonen und Prolaktin. "Ein Übermaß dieser Hormone kann im Laufe der Zeit die Gesichtskonturen verändern und in manchen Fällen zu unerwartetem Milcheinschuss führen – genau dieses Symptom scheint bei einer allegorischen Figur in Botticellis Werk aufzutreten", hält Pozzilli fest.

Der Maler fertigte ein Gemälde der Gottesmutter Maria bei der Absonderung von Milch aus ihrer Brustwarze an. Das Bildmotiv der Maria lactans als stillende Mutter ist keine Seltenheit, könnte in diesem Fall aber mit einem Symptom der Frau zusammenpassen, die keine Kinder gebar und die auch für dieses Bild als Modell gedient haben soll.

Gemälde einer Frau mit welligem, rötlichem Haar, das aufwendig mit einem Haarband geschmückt ist. Sie trägt ein grünes Gewand mit detailliert verziertem Halstuch und hält ein Nähprojekt in den Händen. Im Hintergrund ist eine Landschaft mit Himmel, Bergen und Gewässern zu sehen.
Dieses Botticelli-Bild der Maria lactans wird ebenfalls als Darstellung von Simonetta Vespucci ausgelegt.

Selbst für die Ursache der Tumorblutung oder des raschen Tumorwachstums hat das Forschungsteam mehrere Vermutungen. In den Monaten vor ihrem Tod könnte das besonders ausgelassene Tanzen auf Bällen – schnelle Bewegungen und Sprünge waren oft Teil der Tänze – zu einem Trauma geführt haben, das sich auf die Geschwulst auswirkte. Eine andere Möglichkeit hat mit dem gefürchteten Herzog von Kalabrien zu tun: Alfons II. von Aragon "war berüchtigt für seine Zügellosigkeit", schreiben die Autoren, und soll sich nicht nur durch Beleidigungen hervorgetan haben, sondern auch Frauen vergewaltigt haben.

Zeitgenössischen Schilderungen zufolge soll er Simonetta Vespucci in ihren letzten Lebensjahren begegnet sein, auch eine gewalttätige Auseinandersetzung werde angedeutet, hält das Forschungsteam fest: "Selbst eine plötzliche Blutdruckschwankung, verursacht durch große psychische Belastung, hätte bei einem voluminösen Tumor eine Apoplexie auslösen können."

Keine Gewissheit

Freilich kommt zumindest für die Gesichtsveränderungen auch eine andere Erklärung infrage. Botticelli und andere Künstler, die Vespucci als Muse darstellten, nahmen sich bei allegorischen Darstellungen künstlerische Freiheiten. Zudem ist nicht gesichert, dass die junge Frau auf den analysierten Werken tatsächlich abgebildet wurde, obwohl Botticelli eng mit ihr befreundet war und ihre Schönheit bekanntlich verehrte. Mehrere Kunsthistoriker äußerten Zweifel an der exakten Zuschreibung zu Simonetta Vespucci.

Der Endokrinologe Pozzilli betont ebenfalls, dass die Analysen keinesfalls Gewissheit zulassen: "Es gibt keine Gewebeprobe aus dem Jahr 1476, keinen Scan, keine Möglichkeit, Simonetta direkt zu untersuchen – nur Gemälde, Briefe und klinische Schlussfolgerungen, die fünf Jahrhunderte nach den Ereignissen gezogen wurden." Allerdings könne medizinisches Wissen manchmal Fragen beantworten, die sich anhand rein historischer Aufzeichnungen nicht klären lassen. "Umgekehrt können historische Rätsel die Medizin dazu anregen, neue Sichtweisen darauf zu entwickeln, wie sich Krankheiten im Laufe der Zeit im Körper entfalten." (Julia Sica, 16.7.2026)

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