25 Jahre nach dem 11. September: Warum die Anschläge nie in Vergessenheit geraten dürfen
Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,Anfang der vergangenen Woche hörte ich eine Zahl, die ich kaum glauben konnte. Es gebe heute 100 Millionen Amerikaner, die keine eigene Erinnerung an die Anschläge vom ...
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Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,
Anfang der vergangenen Woche hörte ich eine Zahl, die ich kaum glauben konnte. Es gebe heute 100 Millionen Amerikaner, die keine eigene Erinnerung an die Anschläge vom 11. September 2001 haben, sagte die Präsidentin des 9/11 Museums, Beth Hillman. Denn sie waren damals entweder noch zu jung oder noch gar nicht geboren. Hochgerechnet auf die gesamte Bevölkerung der USA ist das ein Anteil von etwa 30 Prozent.
Diese Zahl hat mich erschüttert. Denn nicht nur den USA, sondern in der ganzen Welt war damals klar: Hier geschieht etwas Schreckliches im historischen Ausmaß.
Heute, 25 Jahre nach den Anschlägen, wird in meinem Wohnort – mittlerweile ist es New York – und den ganzen USA die Erinnerung an 9/11 wieder hochgehalten. Denn der 11. September 2001 bleibt eine singuläre Katastrophe in der Geschichte der USA. Es ist ein Tag, der, so grausam er auch war, niemals in Vergessenheit geraten darf.
Denn der Tag ist der Schlüssel, um zu verstehen, warum die USA heute so sind, wie sie sind. Wer seine Bedeutung kennt, begreift, dass die Ereignisse von 9/11 immer noch nachwirken. Die Erfahrungen stecken in den Einzelschicksalen vieler Menschen. Sie stecken aber auch in der großen Politik. Denn die Anschläge haben den Erfolg und auch das Handeln von US-Präsidenten bis zu Donald Trump stark mitgeprägt.
An diesem Tag begann die Geschichte eines Landes, das noch immer traumatisiert ist. Das in ständiger Angst lebt und sich viel zu oft mit übertriebener Gewalt daraus zu lösen versucht hat. Und von dem ich nicht weiß, wie lange es brauchen wird, um sich davon jemals wieder befreien zu können.
Das Trauma ist in New York weiter greifbar, sagte mir kürzlich Logan Miller. Auch wenn es nicht überall sichtbar ist: "Man erkennt nicht sofort, wie viele Menschen in New York von diesem Tag betroffen sind". Miller kommt aus dem New Yorker Bezirk Queens. Sieben Jahre war er alt, als die vier Flugzeuge in den Zwillingstürmen, dem US-Verteidigungsministerium und auf einem Feld im Bundesstaat Pennsylvania einschlugen.
An diesem Tag verlor Miller seinen Onkel. Der ausgebildete Rettungssanitäter rannte zu den Türmen, als die Katastrophe begann. Im Südturm hatte er nach Verletzten gesucht. Von dort kehrte er nie mehr zurück. Er starb, als die 110 Stockwerke des Wolkenkratzers in sich zusammenfielen.
9/11 nahm Miller auch seinen Großvater. Er starb 15 Jahre nach den Anschlägen an Leukämie. Die Krankheit wurde vermutlich durch Staub und giftige Dämpfe verursacht, die nach den Anschlägen in der Luft waren. Der Großvater arbeitete jahrelang in der Nähe des Ground Zero. Erst in dieser Woche wurden Dokumente öffentlich, die zeigen, dass viele New Yorker an ihre Arbeitsplätze zurückkehren durften, obwohl die Luftqualität nach den Anschlägen noch längst nicht ausreichend war. An den Spätfolgen der Katastrophe sind bis heute allein 600 Feuerwehrleute gestorben.
Mit seiner Geschichte ist Miller nicht allein. In einer Umfrage des Instituts Pew Research gaben 2002 59 Prozent der New Yorker an, dass ein Bekannter bei den Anschlägen verletzt oder getötet wurde. Logan Miller hat durch diesen Tag nicht nur zwei Familienangehörige verloren. Der Onkel seines besten Freundes, der Sohn der Nachbarn, der als Feuerwehrmann arbeitete, ein Cousin seines Grundschullehrers – sie alle haben den 11. September nicht überlebt.
Doch die Geschichte dieses Tages zeigt sich nicht nur in den vielen Einzelschicksalen der Menschen. Sie zieht sich auch durch die großen Linien der US-Politik. Es beginnt mit den schier endlosen Kriegen in Afghanistan und im Irak, auf die t-online-Chefredakteur Florian Harms zuletzt bereits hingewiesen hatte.
Beide Kriege hinterließen zwei zerstörte Nationen, die bis heute mit sich selbst ringen. In die USA kehrten traumatisierte und desillusionierten Soldaten zurück. Deren Erfahrungen fließen bis heute in die höchsten Ebenen der US-Regierung mit ein: Verteidigungsminister Pete Hegseth hat im "Krieg gegen den Terror" gekämpft, genauso wie Vizepräsident JD Vance.
Den Wunsch, dass Amerikaner nie wieder in unsinnige Kriege ziehen sollten, griff ein Mann aus New York auf. Unmittelbar nach den Anschlägen hatte er in einem Telefoninterview gesagt, er würde hart durchgreifen, wenn er jetzt Präsident wäre. Er prophezeite, dass das Land niemals wieder so sein werde, wie es einmal war. 15 Jahre später wurde er tatsächlich das erste Mal zum Präsidenten gewählt. Sein Name war Donald Trump.
Es wäre übertrieben zu behaupten, dass 9/11 direkt zur Präsidentschaft von Donald Trump geführt hat. Richtig ist allerdings, dass Trump eine Stimmung nutzen konnte, die die Anschläge ausgelöst haben. Trump sprach diejenigen an, die nie wieder sehen wollten, wie amerikanische Soldaten im Ausland sinnlos ihr Leben riskierten. Er sprach diejenigen an, die skeptisch geworden waren gegenüber fremden Kulturen und muslimischen Einwanderern. Er sprach mit seinen Lügen und Halbwahrheiten Verschwörungstheoretiker an, die erst durch die Anschläge begonnen hatten, sich ihr eigenes Weltbild zu konstruieren.
Keine Kriege mehr, keine Einwanderer mehr, stattdessen das Versprechen, dass alles wieder so wird, wie es angeblich mal war. Oder wie es Trump formulierte: "America First" und "Make America great again".