Stück zum 100er von Ingeborg Bachmann: Die Dichterin und das Ungeheuer
Theaterkritik Stück zum 100er von Ingeborg Bachmann: Die Dichterin und das Ungeheuer Der Theaterverein Ars ex Machina ehrt die Schriftstellerin in Klagfenfurt mit einer sehr innigen Produktion ...
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Theaterkritik
Stück zum 100er von Ingeborg Bachmann: Die Dichterin und das Ungeheuer
Der Theaterverein Ars ex Machina ehrt die Schriftstellerin in Klagfenfurt mit einer sehr innigen Produktion
Aus Anlass des 100. Geburtstags von Ingeborg Bachmann wäre auch eine prominentere Theaterverbeugung denkbar gewesen, aber kaum eine innigere: Der in Wien und Kärnten tätige Theaterverein Ars ex Machina zeigt im herausgeputzten Kärnten Museum in Klagenfurt noch bis 16. September die Produktion Inge träumt. Tamara Štajner und Paul-Henri Campbell entwickelten ein "Kärntner Triptychon", in dem Julia Hammerl als Bewusstseinshälfte "Inge", Clemens Janout als deren Ergänzung "Borg" und Eva Brunner als ein Bürgermeister namens "Hans" das Publikum durch das Haus bzw. eine bisweilen ziemlich abgründige Gedankenwelt führen.
Wie die Texte der Geleitfiguren jenen vermitteln, die es nicht ohnehin wissen: "Hans" war für Ingeborg Bachmann quasi ein anderes Wort für Mann. Und "Mann" war etwas, das sich ins Recht setzt, indem es redet. Dass die Bachmann den Mann ihrer Träume gleichwohl mit dem Namen "Hans" bedachte, mag überraschen, ist aber wohl einfach einigen ihrer Brieffreundschaften geschuldet (Hans Weigel, Hans Magnus Enzensberger, Hans Werner Henze …).
Ausweg in die Leber
Begrüßt wird man im Foyer des Museums von Hans, dem Bürgermeister (vielleicht von Klagenfurt, vielleicht von Obervellach im Gailtal, dem Heimatort von Ingeborg Bachmanns Vater). Dieser Kärntner Politiker hat ein Gespür dafür, was er zum festlichen Anlass – eben Bachmanns 100. Geburtstag – sagen sollte, er sagt es allerdings so, dass auch die Reaktionärsten glauben können, dass ihnen nach dem Mund geredet wird. Man müsste aus Protest den Raum verlssen, wenn das nicht sowieso vorgesehen wäre: Ein Ausweg führt in die mit Kissen und Wattewölkchen ausgestattete Traumwelt der Autorin, der andere in ihr Herz, ihre Leber, ihre Nieren, ihre Organe.
Hinab in die Traumwelt führt eine Leiter, deren Sprossen die Verse der Gedichte Ingeborg Bachmanns sind. Unten angelangt findet eine merkwürdige, irgendwie franziskanische Verwandlung statt: Die Raubtiere, einschließlich des Mannes, hören auf, einander zu zerfleischen. Nur leider geht es dann die Leiter wieder hinauf.
Im Lift in den Himmel
Im Raum der Eingeweide – Co-Produzent Campbell hat 2022 einen Gedichtband veröffentlicht mit dem Titel innere organe – hängen Fleischstücke zerlegt von der Decke wie in einer Metzgerei. Wie fügt sich das Organische zu einem Menschen zusammen? Hier steht die Beziehung Ingeborg Bachmanns als Frau zu Max Frisch als Mann im Raum: "Wir haben es nicht gut gemacht." Die nie gelöste patriarchalische Überheblichkeit.
Zu guter Letzt wird "Hans" ein Geistlicher, der Fürbitten für alle prosodiert, während ein Chor ein klanglich wie inhaltlich sehr kärntnerisches Lied anstimmt und alle im großen Hauslift in den Himmel abheben, oder vielleicht in den Olymp: Denn dort hatte es mit einem leicht variierten Sophokles-Zitat begonnen: "Ungeheuer ist vieles. Nichts aber ist ungeheurer als –", ja, da müsste "der Mensch" stehen, es kam bei Ingeborg Bachmann aber: "der Mann". (Michael Cerha, 7.9.2026)
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