„Kann an Grenzen kommen“: Stichelei für Putin – Russlands Ex-Partner wendet sich demonstrativ Richtung EU
StartseitePolitikRussland strauchelt: Ex-Partner Armenien wendet sich demonstrativ Richtung EU – und stichelt gegen PutinStand: 24.08.2026, 13:56 UhrKommentareUns auf Google folgenArmenien bietet dem traditione...
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Russland strauchelt: Ex-Partner Armenien wendet sich demonstrativ Richtung EU – und stichelt gegen Putin
Stand: 24.08.2026, 13:56 Uhr
Armenien bietet dem traditionellen Partner Russland die Stirn – jedenfalls verbal. Aber es drohen Probleme und Risiken. Eine Analyse.
Als im April Nikol Paschinjan im Kreml zu Besuch war, wollte Wladimir Putin sichtlich den Druck erhöhen. Armenien solle ein Referendum abhalten, forderte Russlands Präsident – darüber, ob das Land der EU beitreten, oder in Russlands Eurasischer Wirtschaftsunion bleiben will. Damals winkte Armenien alter und neuer Ministerpräsident ab: Man habe ja noch nicht einmal einen EU-Mitgliedsantrag gestellt. Nun hat Paschinjan genau das angekündigt. Und Putin dabei eine kaum verhohlene verbale Breitseite verpasst.

Paschinjans Partei „Civil Contract“ hat im Juni die Parlamentswahl in Armenien gewonnen. Am Montag hat der Premier den Abgeordneten seinen Plan für die nächsten Jahre vorgestellt. Dazu gehört der Beitrittsprozess in der EU – man wolle ihn „in der nahen Zukunft“ beginnen, sagte Paschinjan. Er beschwichtigte ein wenig. Ein mögliches Referendum werde erst danach Thema sein. Und Armenien werde die Anliegen der Partner in der Eurasischen Wirtschaftsunion berücksichtigen. Aber Paschinjan schonte Putin nicht. Und er dürfte sich zugleich im Klaren darüber sein, dass eine Abwendung von Russland nicht ganz einfach wird.
Armenien stichelt gegen Putins Russland: „Aufgrund eigener Probleme an Grenzen stoßen“
Die Tendenz ist aber klar. Für viele Nachbarn Russlands wirkt Moskau im Ukraine-Krieg wie ein Risikofaktor. „Russland strauchelt in der gesamten Region, was seinen Einfluss angeht“, sagte Experte Stefan Meister von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik unserer Redaktion schon Ende April. Im Falle Armeniens kommt eine fundamentale Enttäuschung hinzu: Russland war lange Armeniens Schutzmacht, auch im Bergkarabach-Krieg mit Aserbaidschan. Den hat das Land mittlerweile verloren. Und Moskau schaute zu. Mittlerweile hat Paschinjan einen Friedensvertrag unterschrieben. Das schmerzt – eröffnet aber auch neue Möglichkeiten.
Die armenisch-russischen Beziehungen hätten über zwei Jahrhunderte auf dem Fundament gestanden, dass Russland die Schutzmacht der Armenier sei, sagte Paschinjan laut der Agentur Armenpress am Montag. „Ich habe nie an Russlands Verpflichtung gezweifelt, diese Rolle zu erfüllen“, erklärte er. „Aber die Ereignisse der Jahre 2021, 2022 und 2023 haben gezeigt, dass die Russische Föderation – aufgrund eigener Sicherheitsprobleme – manchmal an ihre Grenzen stoßen kann, diese Rolle zu erfüllen“, stichelte Armeniens Premier. Ein Seitenhieb auf Russlands Zurückhaltung im Bergkarabach-Krieg.
Tatsächlich spricht viel dafür, dass Russland seinen Zugriff jedenfalls in Teilen des Bereichs der früheren Sowjetunion einbüßt. Trotz versuchter Wahlbeeinflussungen gingen die Urnengänge in Armenien oder auch in Moldau für Moskau verloren. Der Nachbar Kasachstan gestattete sich zuletzt Kritik am Ukraine-Krieg. Selbst Belarus erlaubt sich zumindest Balance-Akte zwischen Moskau und Brüssel. Ohne sich freilich klar abzuwenden.
Das tut Armenien jetzt andeutungsweise. Beobachter sehen allerdings ernste Probleme auf einem Weg in Richtung EU. Und die Menschen im Land wollen Umfragen zufolge keinen Poker mit vollem Einsatz auf die Option Westen: Die größte Gruppe wolle eine prowestliche Orientierung, ohne aber die Bande zu Russland komplett zu kappen, sagte Regionalexperte Jakob Wöllenstein von der Konrad-Adenauer-Stiftung zuletzt unserer Redaktion. Wahrscheinlich wird also auch Paschinjan eher balancieren wollen. Ohnehin handelt das Land etwa auch mit Indien und dem Iran – Letzteres ist aus EU-Sicht auch nicht problemfrei.
Möglichkeitsfenster für Putins Nachbarn: Aber gerade für Armenien ist der Weg steinig
Die EU hatte dennoch zuletzt ihre Arme für Armenien geöffnet – jedenfalls rhetorisch und symbolisch. Auf Bitten des Landes entsandte Brüssel eine Mission zum Kampf gegen Wahlbeeinflussung und Desinformation. Die EU stehe eng an der Seite Armeniens und sei fest entschlossen, Demokratisierung zu fördern und die Partnerschaft zu vertiefen, sagte Außen-Repräsentantin Kaja Kallas nach der Wahl Anfang Juni. Von „Mitgliedschaft“ war nicht direkt die Rede. Das liegt nicht nur an möglicher Vorsicht gegenüber Putin: Es ist ein offenes Geheimnis, dass das Einstimmigkeitsprinzip der EU viele Verantwortungsträger vor Erweiterungen zurückschrecken lässt. Wenngleich man Partner in der Region binden will, etwa die Ukraine und Moldau. Das Problem ist in Brüssel auch nach Viktor Orbáns Abgang allen gewahr. Eine Lösung ist aber nicht in Sicht.
Ein anderes Problem ist die banale wirtschaftliche Realität. Die Handelswege bis nach Europa sind weit und Armeniens Exportgüter von Trockenfrüchten bis Cognac nicht unbedingt lukrativ, wie Meister erklärte: „Möglicherweise macht es bis zu einem gewissen Grade auch gar keinen Sinn, sich komplett vom russischen Markt zu lösen – eben weil der für armenische Produkte wichtig ist.“ Sich aus Russlands Einflussbereich zu befreien, werde wohl Jahrzehnte dauern, urteilte er.
Deshalb hat Putin weiter Mittel und Wege, um Armenien Zorn spüren zu lassen. Etwa durch wirtschaftliche Sanktionen. Armenisches Mineralwasser und Gemüse wurden unter Vorwänden teils schon aus Russlands Märkten ausgesperrt. Und mit einem Öl- und Gas-Liefervertrag hat Moskau einen weiteren Hebel – selbst wenn Armenien gerade seine Beziehungen zum rohstoffreichen Ex-Kriegsgegner Aserbaidschan normalisieren will. Solcher Druck sei ein „zweischneidiges Schwert“, sagte Wöllenstein. „Die Leute merken das und darunter leidet nur noch mehr das Vertrauen, das sie in Russland als Partner haben.“
Wahr ist wohl zudem: Für Russlands Nachbarn gibt es gerade ein Möglichkeitsfenster, sich neu auszurichten. Putins Russland ist mit dem Ukraine-Krieg stark gefordert. Wie lange das Fenster offen sein wird, ist eine andere Frage. In der NATO kursiert das Jahr 2029 als (allerdings auch kritische beäugte) Jahreszahl. Experten weisen in jedem Fall darauf hin, dass Putins Kriegswirtschaft selbst im Falle eines Waffenstillstands vorerst existenziell für das Land bleiben wird. Genau das könnte verstärkt Angst und Schrecken verbreiten. Und insofern dürfte der Raum an Russlands Grenzen auf längere Sicht ein gefährlicher bleiben. (Quellen: Armenpress, Gespräche mit Stefan Meister und Jakob Wöllenstein, eigene Recherchen)