Roman „Lori“ über verunsichertes Aufwachsen in Thüringen: Wie die anderen Außenseiter zuvor
Anousch Mueller erzählt von einem verunsicherten Aufwachsen in Thüringen. Das Familienleben im Abseits ist von Verschweigen geprägt. Ein Kind fehlt. Erzählt knapp und nüchtern von Lenis Erschütterun...
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Anousch Mueller erzählt von einem verunsicherten Aufwachsen in Thüringen. Das Familienleben im Abseits ist von Verschweigen geprägt. Ein Kind fehlt.
Foto: Marlen Müller
Diese verdammten Familiengeheimnisse, irgendwann kommen sie ja doch raus. Lenis Vater kann manchmal kaum an sich halten, immer wieder macht er Andeutungen. Zum Glück wohne die Familie nicht am See, so müsse er sich wenigstens nicht sorgen, dass eines seiner Kinder ertrinkt. Er kümmert sich um ihr Wohlergehen, während die Mutter vergeblich versucht, das jeweils Jüngste zu stillen. Die anderen stören sie dabei. Wir erfahren das von Leni, der Großen. Sie ist die Ich-Erzählerin der Geschichte, empfänglich für die Andeutungen des Vaters, weil sie das Gefühl quält, irgendwas war da mal – aber sie wagt nicht nachzufragen.
Die Familie wohnt in einem stillgelegten Bahnhof abseits eines thüringischen Dorfes. Das Haus ist ihr zugeteilt worden, wie schon mehreren Außenseitern zuvor. „Leute, die wie meine Eltern unter Verdacht geraten waren. Der Bahnhof war beides. Das Gegenteil eines Gefängnisses und zugleich dessen Vollzug: Isolation, Erziehung, Brandmarkung. Denn jeder im Dorf wusste: Wer auf den Bahnhof zog, hatte etwas auf dem Kerbholz.“
Wir sind in der DDR des Jahres 1985. Es stimmt nicht, was den Kindern jahrelang vorgegaukelt worden war. Ihr Vater hat keine bunten Häuser in einem anderen Land gebaut, er saß im Knast. Längst darf er nicht mehr als Architekt arbeiten, er ist jetzt Rettungssanitäter.
Der Roman
Anousch Mueller: „Lori“. Verlag C. H. Beck, München 2026, 205 Seiten, 24 Euro
Anousch Mueller erzählt, wie Leni jahrelang von einem Gespenst verfolgt wird, ihrer verlorenen Schwester. Immer wieder lässt das elterliche Kaschieren sie an der eigenen Erinnerung zweifeln. Nur manchmal kann sie das Gefühl abschütteln, das sie so runterzieht. Ihre heimlichen Treffen mit einem älteren Geliebten lenken sie ab und auch ihr bester Freund. Mit ihm hört sie Nirvana und die Ramones, und sie teilen ein guilty pleasure: Im Auto singen sie Schlager von Roland Kaiser und Udo Jürgens.
Das Erwachsenwerden im Abseits bietet nach der Wende Freiraum. „Wir saßen auf der Bahnsteigkante, hörten Musik aus dem Kassettenrekorder, kifften aus der Cola-Dose, rauchten selbst gedrehte Mischungen aus Früchtetee und zerkrümeltem Paracetamol … und erwarben, zugedröhnt, Großpackungen Flutschfinger.“
Eingeholt von Flashbacks
Bei einer Mutprobe stürzt Leni vom Scheunendach. Nur langsam erholt sie sich von schweren Verletzungen, und immer wieder wird sie eingeholt von Flashbacks: sie als kicherndes kleines Mädchen an der Hand ihrer Schwester.
Knapp und nüchtern erzählt Anousch Mueller von Lenis Erschütterungen, spart eher aus, als dass sie zu viel preisgibt. Ab und zu stört eine unbeholfene Formulierung. „Von meinem Fenster aus blickte ich in die Unendlichkeit der Felder.“ Aber schon der nächste Satz illustriert treffend Lenis Verletzungen. „Die Mohnblumen sahen im Weizen aus wie Blutspritzer.“ Muellers Roman umfasst etwa 40 Jahre, 20 vor und 20 nach der Wende. Sie spult vor und zurück, mal fast forward, mal mit reduziertem Tempo, und lässt uns lesend die Einzelteile zusammensetzen – fast so gespannt wie ihre Protagonistin Leni.
Anousch Mueller verknüpft unaufdringlich Familiengeschichte mit Zeitgeschichte. Sie präsentiert mit der Stadtpromenade in Cottbus und der Mokka-Milch-Eisbar Kosmos eine kurze avantgardistische Phase der DDR-Architektur. Sie erinnert an den Absturz eines Düsenjets der NVA über dem Wohnheim eines Textilkombinats. Die staatliche Nachrichtenagentur gab damals nur wenige Zeilen an die lokale Presse.
Verrat und Schuld sind in diesem Roman keine einfache Gleichung.
Anousch Mueller lässt uns schließlich erleben, anfangs nur zwischen den Zeilen, wie die Machenschaften der Staatssicherheit nachwirken. Verrat und Schuld sind in diesem Roman keine einfache Gleichung – Mueller leuchtet mehrere Facetten aus, dazu gehören Feigheit, Erpressung, Geltungsdrang.
Man hat das Gefühl, einen dicken Wälzer zu lesen, tatsächlich lernen wir auf nur 200 Seiten vier dramatische Lebensgeschichten kennen. Kurz und vielfarbig. Ihr Roman sei keine Autobiografie, stellt die Autorin im Gespräch klar. Zwar enthalte auch ihre Familiengeschichte reichlich Drama, ihr fehle aber die nötige Distanz, um sie literarisch zu bearbeiten. Die beschriebenen Orte allerdings, die kenne sie gut.
Nachdem Leni endlich weiß, warum über ihre verlorene Schwester geschwiegen wird, entdeckt sie hinter dem Familiengeheimnis ein weiteres Tabu. Ihr hilft die Wahrheit dabei, sich der Mutter zu nähern, aber sie lernt, dass nicht jeder Mensch vollständige Aufklärung braucht, um Bodenhaftung zu gewinnen. Aufklärung ist kein Allheilmittel – erzählt dieser Roman. Für Lenis Vater ist es heilsam, einen Rest liegenzulassen. Bis hierhin und nicht weiter.
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