Öffentlicher Dienst: Teilzeit birgt Potenzial für 634.000 Vollzeitstellen
wa.deWirtschaftStand: 07.09.2026, 14:26 UhrKommentareUns auf Google folgenEine IW-Rechnung zeigt eine enorme Personalreserve. Doch der Vergleich mit den 631.000 fehlenden Beschäftigten hat einen Haken.Im öffent...
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Stand: 07.09.2026, 14:26 Uhr
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Eine IW-Rechnung zeigt eine enorme Personalreserve. Doch der Vergleich mit den 631.000 fehlenden Beschäftigten hat einen Haken.
Im öffentlichen Dienst fehlen nach Angaben des Deutschen Beamtenbunds 631.000 Beschäftigte. Gleichzeitig steckt in der Teilzeit rechnerisch ein ähnlich großes Arbeitskräftepotenzial: Würden alle Teilzeitbeschäftigten bei Bund, Ländern und Kommunen auf Vollzeit aufstocken, kämen laut einer Kurzstudie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln) 634.000 Vollzeitäquivalente hinzu.
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Allein bei Ländern und Kommunen wären es 614.000. Besonders groß ist das Potenzial an Schulen und Kitas sowie in westdeutschen Bundesländern. Die Rechnung zeigt einen gewaltigen Hebel – bildet aber eine theoretische Obergrenze ab. Denn hinter Teilzeit stehen häufig Kinderbetreuung, Pflegearbeit oder hohe berufliche Belastungen.

631.000 Beschäftigte fehlen – die IW-Rechnung kommt auf 634.000 Stellen
Der Deutsche Beamtenbund beziffert den Personalmangel im öffentlichen Dienst auf 631.000 Beschäftigte. Der IW-Kurzbericht ‚Öffentlicher Dienst: Potenziale durch mehr Vollzeit‘ von Björn Kauder zeigt dagegen: Würden alle Teilzeitkräfte in Ländern und Kommunen auf Vollzeit aufstocken, entstünden 614.000 zusätzliche Vollzeitäquivalente – inklusive Bund sogar 634.000. Rechnerisch also fast exakt die Lücke, die der Beamtenbund beklagt. Die Zahlen sind jedoch nicht unmittelbar gleichzusetzen: Der Beamtenbund nennt fehlende Beschäftigte, das IW berechnet zusätzliches Arbeitsvolumen in Vollzeitäquivalenten. Zudem handelt es sich bei den 634.000 Stellen um eine theoretische Obergrenze.
Teilzeitgefälle: Im Westen liegt der größere Personalhebel
Die Reserven sind höchst ungleich verteilt. In Baden-Württemberg, Bayern und Rheinland-Pfalz ließe sich das Arbeitsvolumen um 19 bis 21 Prozent steigern, wenn ausnahmslos alle Vollzeit arbeiteten. Niedersachsen und Schleswig-Holstein liegen knapp über dem Bundesschnitt von gut 15 Prozent. In den neuen Ländern sind es dagegen nur 8 bis 10 Prozent – beim Bund sogar nur 4 Prozent, weil dort Vollzeit ohnehin dominiert.
Warum der Süden anders tickt als der Osten
Die Erklärung liegt laut IW Köln in Geschichte und Kaufkraft. Die fünf Länder mit den höchsten Realeinkommen – darunter Baden-Württemberg und Bayern – kaufen sich gewissermaßen mehr Freizeit, weil das Gehalt es zulässt. Im Osten sorgen dagegen eine traditionell höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen und ein dichteres Kinderbetreuungsnetz für mehr Vollzeitarbeit.
Schulen, Kitas, Hochschulen: Dort liegt der Hebel
Besonders brisant: Ausgerechnet in Grundschulen und Kitas, wo der Personalmangel am lautesten beklagt wird, ist Teilzeit besonders verbreitet. Auch an Hochschulen sind die Reserven groß. Bei der Polizei dagegen ist das Potenzial auffällig gering – dort wird ohnehin schon fast durchgängig Vollzeit gearbeitet.
Nicht jede Teilzeit ist eine Wahl
Gewerkschaften widersprechen der Lesart, Teilzeit sei vor allem eine bequeme Lifestyle-Entscheidung. Die Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung Bettina Kohlrausch betont, der hohe Frauenanteil in Teilzeit sei vor allem eine Folge struktureller Zwänge – fehlender Kinderbetreuung und ungleich verteilter Sorgearbeit. Der DGB fordert statt längerer Arbeitszeiten eine Einstellungsoffensive und bessere Arbeitsbedingungen.
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Sachsen-Anhalt als realistischer Maßstab
Eine Vollzeitquote von 100 Prozent bleibt ein Rechenmodell. Aussagekräftiger ist das Szenario Sachsen-Anhalt: Erreichten alle Länder dessen durchschnittliche Arbeitszeit, kämen bei Ländern und Kommunen rechnerisch 294.000 Vollzeitäquivalente hinzu. Befristete Teilzeit, verlässliche Kinderbetreuung und bessere Arbeitsbedingungen könnten einen Teil dieses Potenzials heben. Der Staat hat damit nicht 634.000 fertige Arbeitskräfte in der Hinterhand – aber einen Personalhebel, den er bislang zu selten bewegt.