Neues Album „Ein Lächeln im Gesicht“: Farin Urlaub singt über die AfD, Jeanne d’Arc und das Älterwerden
Drei Dinge halten die USA zusammen, oder doch zumindest die Hälfte der USA: Faith, Family, Football – Glaube, Familie, Football. Diese drei Fs werden in konservativen Teilen der Vereinigten Staaten mantraartig...
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Drei Dinge halten die USA zusammen, oder doch zumindest die Hälfte der USA: Faith, Family, Football – Glaube, Familie, Football. Diese drei Fs werden in konservativen Teilen der Vereinigten Staaten mantraartig wiederholt.
Sollte man so ein schmissiges, alliteratives Motto nicht auch mal für Deutschland erfinden? Farin Urlaub kommt direkt mit einem Vorschlag um die Ecke: Bratwurst, Bockbier, Beckenbauer, Benz, zu finden auf seinem Song „Happy 2bD“. Der Titel wiederum steht für „Happy to be Deutsch“, was bei Farin Urlaub natürlich nicht ganz ernst gemeint ist.
Auf dem Song singt der 62-Jährige von einstürzenden Brücken und zwei verlorenen Kriegen, von einem „Volk von Amateuren“, der AfD bei 88 Prozent und fragt sich: „Wird Europa wieder wegen uns in Flammen stehen?“ Ob sich die vier Bs also als Motto im rechtskonservativen Deutschland etablieren werden, steht noch offen.
„Happy 2bD“ ist der einzige explizit politische Song auf „Ein Lächeln im Gesicht“, Farin Urlaubs erstem Solo-Album seit 12 Jahren. Angesichts der politischen Situation in Deutschland – das Album erschien zwei Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, bei der die AfD nun zwar keine 88, aber doch historische 44 Prozent geholt hat – hätte man sich schon ein paar mehr Gedanken dazu auf der Platte gewünscht. Vielleicht gibt’s die ja demnächst von den Ärzten, die 2027 wieder auf Tour gehen.
Punkiger DIY-Charme
Stattdessen ist Eskapismus angesagt. Gedanken über das Älterwerden und den Tod sind zwischendurch auch mal zu hören, vor allem aber bekommt man den Eindruck: Farin Urlaub geht’s ziemlich gut.
Und warum auch nicht? Seinem Künstlernamen alle Ehre machend reist Urlaub, der eigentlich Jan Vetter heißt, quer durch die Weltgeschichte, wenn er nicht gerade auf Sardinien Olivenöl presst. Aufgenommen hat er das Album im Alleingang während dieser Reisen, die Instrumente spielte er selbst ein, Schlagzeug und Bläser programmierte er. Das hört sich nach punkigem DIY‑Charme an, im Video von „Happy 2bD“ zeigt er grinsend mit beiden Daumen auf sich selbst, während er vom „Volk von Amateuren“ singt.
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Aber Farin Urlaub macht natürlich auch schon lange Musik, und das mit einer Liebe zum Detail, die ebenfalls gut zu hören ist, genau wie seine Neugier verschiedenen Stilen und Einflüssen gegenüber: Auf dem Opener „Dein Leben“ sind nicht nur die für ihn typischen verzerrten Gitarren zu hören, sondern auch sakrale Chöre und Möwen im Hintergrund, „Happy 2bD“ ist die volle Dröhnung Neue Deutsche Welle und auf „999“ erklingen Cumbia-Rhythmen aus Kolumbien.
Am Ende zersägt er das Klavier
Vor allem aber sind es die Texte, die zwischendurch richtig Spaß machen. Ein Highlight ist „Sie“, auf dem Farin Urlaub eine mysteriöse Frau besingt, die vor ihm an der Supermarktkasse steht, bevor er beginnt, wilde Assoziationsketten zu knüpfen: „Der Kassierer sagt: 14,28, 14,28 / Ich denke sofort an die Schlacht von Jargeau / Wo Jeanne d’Arcs Truppen nach kurzem Kampf die Engländer besiegten / Sie war gerade erst sechzehn, doch sie zog in den Hundertjährigen Krieg“, singt er, sinniert weiter über die französische Widerstandskämpferin, bis er zum nüchternen Schluss kommt: „Doch sie ist längst nicht mehr da / Es ist ja bekannt, sie wurde verbrannt / Wie’s unter Christen so üblich war.“
Dass die Schlacht von Jargeau eigentlich 1429 stattfand, kommentierte Farin Urlaub mit den Worten, er sei ja kein Geschichtslehrer, und 1428 höre sich einfach besser an.

© Dennis Dirksen
Auf „Irgendwas von Bach“ beschwert er sich über die Klavierkünste einer Person, die ihn mit Stücken von Liszt, Rachmaninow oder eben Bach zur Weißglut treibt. „Ich krieg’ schon PTSD / Wenn ich nur diese Tasten seh’“, singt Urlaub, am Ende des Songs ist zu hören, wie er das Klavier zersägt.
Ab und an kippt der Humor ins allzu pubertär-alberne, etwa wenn Farin Urlaub auf „Totalschaden“ seinen abnehmenden Sex-Drive besingt. Und auch musikalisch ist nicht alles fresh.
Einige Songs klingen wie Ärzte-Cover und die Melodie des Refrains von „Sonnenschein im Februar“ hört sich verdächtig nach einem 90er-Jahre-Hit von Blind Melon an, der passenderweise „No Rain“ heißt – vielleicht also auch eine bewusste Hommage angesichts des herrlichen Winterwetters, das er da besingt.
Hätte es das Ganze also wirklich gebraucht? Wahrscheinlich nicht, aber Farin Urlaub hatte nun mal ein paar lustige Textideen und Bock, Musik zu machen. Wer will ihm das schon verübeln? Und vielleicht etablieren sich die vier Bs ja doch noch als inoffizielles Deutschlandmotto.