Norwegen bringt Haaland und Carlsen hervor – und diesen Weltklassespieler kennt zuhause keiner

StartseiteWeltKleines Land, großes Talent: Wie ein Norweger einen Weltsport nach seinen Regeln spieltStand: 07.09.2026, 07:30 UhrKommentareUns auf Google folgenNorwegen bringt Haaland hervor, Carlsen und Tord R...

  • 7 min read
Norwegen bringt Haaland und Carlsen hervor – und diesen Weltklassespieler kennt zuhause keiner

Kleines Land, großes Talent: Wie ein Norweger einen Weltsport nach seinen Regeln spielt

Stand: 07.09.2026, 07:30 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Norwegen bringt Haaland hervor, Carlsen und Tord Reklev. Er gewann als Erster auf allen vier Kontinenten. Erkannt wird er beim Einkaufen trotzdem nicht.

San Francisco, Chase Center. Wo sonst die Basketballstars der Golden State Warriors gefeiert werden, drängen sich an diesem Wochenende 54.000 Menschen durch die Hallen. Es ist die Pokémon-Weltmeisterschaft 2026 und ich bin als Journalist für Ippen.Media eingeladen und mittendrin. Neben mir steht ein trotz des Stadion-Jubels und Ed Sheerans Überraschungsauftritt ruhiger Mann Anfang dreißig, der auf dem Weg zum Interview immer wieder stehen bleiben muss. Ein Fan will ein Foto. Dann noch einer. Dann eine ganze Gruppe. Der Mann lächelt geduldig, posiert, geht weiter.
Sein Name ist Tord Reklev. Und er ist so etwas wie der Magnus Carlsen des Pokémon-Sammelkartenspiels.

Tord Reklev (rechts) und unser Redakteur Philipp Hansen trafen sich bei den Pokémon Worlds 2026 in San Francisco.

Tord Reklev (rechts) und unser Redakteur Philipp Hansen trafen sich bei den Pokémon Worlds 2026 in San Francisco. © Philipp Hansen / Tord Reklev / TPCi

Man muss kein einziges Pokémon kennen, um zu verstehen, was Reklev sportlich geleistet hat. Der Norweger, geboren 1994, ist der erste Spieler der Geschichte, dem der Grand Slam gelang: ein Titel auf jedem der vier Kontinente, auf denen die großen International Championships ausgetragen werden – Nordamerika, Europa, Ozeanien und Lateinamerika. Pokémon füllt inzwischen riesige Sportarenen und und es schauen über 50.000 Fans live zu. Fünf dieser Kontinentaltitel hat er gesammelt, mehr als jeder andere. 2023 stand er im WM-Finale in Yokohama und verlor erst dort knapp. Geschätzt über 200.000 US-Dollar Preisgeld hat er in seiner Karriere gewonnen. In San Francisco sind wieder alle Augen und Streams auf ihm.

Weltweit in Pokémon umjubelt, zu Hause unsichtbar: das Doppelleben eines Norwegers

Übersetzt in eine Sprache, die man aus dem Sportteil kennt: Reklev ist Dauergast an der Weltspitze des Pokémon‑TCGs (also der bekannten Sammelkarten) seit fast zwei Jahrzehnten. Und das in einer Disziplin, in der ein einziger unglücklicher Kartenzug alles kippen kann. Genau das macht ihn zum interessantesten Norweger, von dem die meisten noch nie gehört haben.

Denn Norwegen, gerade einmal 5,5 Millionen Einwohner, hat ein Talent dafür, in völlig verschiedenen Feldern die Besten hervorzubringen. Erling Haaland zerlegt die Abwehrreihen der Premier League. Magnus Carlsen hielt sich über 15 Jahre an der Spitze der Schach-Weltrangliste. Und Tord Reklev spielt einem globalen Kartenspiel seine eigene, unaufgeregte Logik auf. Kleines Land, riesige Namen. Wie geht das?
Ich stelle Reklev die Frage direkt. Er lacht:

Vielleicht liegt es am Wasser. Oder an der guten norwegischen Luft.

Dann wird er ernster. Sein eigentlicher Verdacht ist ein kultureller. „Bei uns ist es fast nie eine Frage von Leben und Tod, wie gut du in etwas bist“, sagt er. Wer aus schwierigeren Verhältnissen komme, müsse manchmal ums Überleben kämpfen. „Aber viele in Norwegen sind vergleichsweise privilegiert. Man geht die Dinge mit gesenkten Schultern an, mit ein bisschen mehr Mut und Optimismus, statt zu hungrig sein zu müssen.“

Im Chase Center in San Francisco wurde der neue Pokémon-Champion 2026, Takuma Yamazaki, gekürt (VGC).

Im Chase Center in San Francisco spielt sonst die NBA-Elite. Nun wurde hier ein neuer Pokémon-Champion (VGC) gekürt. © Philipp Hansen / Pokémon / TPCi

Er grinst und deutet auf mich, den Deutschen: „In Deutschland seid ihr ja immer schnell wütend.“ Ein laufender Witz sei das. An ihm ist etwas dran. Norwegen landet Jahr für Jahr auf den vordersten Plätzen des Welt-Glücksberichts, meist nur von den nordischen Nachbarn überholt. Reklev nennt das ganz selbstverständlich als Erklärung: entspannte Kultur, gute Luft, mentale Gesundheit als großes Thema im Norden. Kein Geheimtraining, keine Talentschmiede. Eher die Abwesenheit von Druck.

Sportwissenschaftler würden hier weiterdenken: Norwegen führt bei Kindern bis zwölf bewusst keine Ergebnislisten, keine Tabellen, keine nationalen Meisterschaften. Erst spät wird selektiert, der Talentpool bleibt lange breit. Ob dieses System nun direkt Weltmeister formt oder einfach eine Haltung, ist schwer zu beweisen. Reklev selbst bringt es lieber auf den Punkt: Lockere Schultern schlagen verbissenen Ehrgeiz.

Schach mit Würfel: Warum der Carlsen-Vergleich passt – und wo er bei Pokémon endet

Der Vergleich, der ihm am nächsten kommt, ist ohnehin nicht der zum Fußball, sondern der zum Schach. Magnus Carlsen hat das Schach cool gemacht, mainstreamtauglich, einem großen Streaming-Publikum geöffnet. Ob ihm diese Parallele gefalle? „Ja, schon“, sagt Reklev. Es gebe große Ähnlichkeiten. Beide Spiele belohnen dasselbe: die optimale Linie finden, Fehler vermeiden, den Gegner langsam einengen.

Schach FC St. Pauli - SG Solingen

Der Norweger Magnus Carlsen machte Schach für eine ganze Generation „cool“ und gilt als das Gesicht des modernen Denksports. © Daniel Bockwoldt/dpa

Nur mit einem Unterschied, der alles verändert. Im Schach gibt es keinen Zufall. Im Kartenspiel schon. „Die Unsicherheiten sind im Grunde zusätzliche Hindernisse, um die man herumspielen muss“, erklärt er. Man versuche dasselbe wie im Schach, nur müsse man einkalkulieren, dass eine gezogene Karte das Spiel nach vorne oder gegen einen kippen lässt.

Genau dieser Zufall, sagt Reklev, sei kein Makel, sondern der Reiz. Er sorgt für den Moment, den es im Schach nicht gibt: das Aufbrüllen der Menge, wenn jemand im entscheidenden Zug die perfekte Karte zieht. Und er sorgt für eine kleine, schöne Ungerechtigkeit. Theoretisch könne jemand, der zum ersten Mal spielt, mit genug Glück jeden schlagen. Reklev muss selbst lachen, als er es erzählt: Sein allererstes Turnier vor Jahren, ein Pre-Release, habe er prompt gewonnen. „Ich hatte gute Karten gezogen.“ Bei einem Schachturnier dagegen würde ein Anfänger schlicht jede Partie verlieren.

Seine Kunst besteht darin, dieses Glück über die Länge eines Turniers so unwahrscheinlich wie möglich zu machen, sodass es fast nie gegen ihn ausschlägt. In der Szene ist sein Name ein Synonym für auf die Nachkommastelle durchgerechnete Verlässlichkeit: Decks, die fast immer funktionieren. Fehlervermeidung als Lebensprinzip. Genau wie Carlsen, der lieber kleinste Vorteile fehlerfrei nach Hause bringt, als spektakuläre Risiken einzugehen.

Der Spitzensportler und Superstar, den im Supermarkt niemand erkennt

Und hier liegt die eigentliche Pointe dieses norwegischen Ausnahmetalents. Auf der Bühne in San Francisco wird Reklev umringt, angehalten, fotografiert – ich erlebe es an diesem Wochenende mehrfach mit. In Japan, sagt er, werde er sogar auf offener Straße erkannt und umringt, weil Pokémon dort Massenkultur ist.

An einem ganz normalen Dienstag, beim Lebensmitteleinkauf, weiß niemand, wer ich bin. Und das ist eigentlich richtig schön.

Zu Hause in Norwegen aber? „An einem ganz normalen Dienstag, beim Lebensmitteleinkauf, weiß niemand, wer ich bin.“ Und das, betont er, sei ihm sehr recht. Ein An-Aus-Schalter: bei Events die volle Aufmerksamkeit, daheim vollkommen normal. „Ich bin eigentlich eher introvertiert. Nach diesen Events bin ich völlig erschöpft, weil es so viel Interaktion ist. Umso schöner ist es, zu Hause komplett abschalten zu können.“ resümiert Reklev.

Er spielt Schach mit Würfelglück – und ist trotzdem seit 20 Jahren der beste Pokémon-Spieler

Angefangen hat alles früh. Mit fünf brachte man ihm das Spiel bei, mit elf, im Jahr 2005, ging er zu seinem ersten Turnier, 2008 zu seiner ersten WM. Damals noch in einem Hotel-Ballsaal mit ein paar Hundert Leuten. „Der Maßstab von heute ist damit überhaupt nicht mehr vergleichbar“, sagt er und blickt in die volle Arena. Pokémon ist längst das umsatzstärkste Medien-Franchise der Welt und lässt Star Wars oder Micky Maus hinter sich. Die Zuschauerzahlen wachsen Jahr für Jahr.

Das berühmte Pikachu rockt auch zu seinem 30. Geburtstag noch unermüdlich. Hier zur Eröffnung der Worlds in San Francisco 2026.

Das berühmte Pikachu rockt auch zu seinem 30. Geburtstag noch unermüdlich. Hier zur Eröffnung der Worlds in San Francisco 2026, wo wir Tord Reklev treffen. © Philipp Hansen / Pokémon / TPCi / Game Freak / Creatures

Pokémon ist bei den Reklevs übrigens Familiensache: Sein Bruder ist aktiver Schiedsrichter, auch die Mutter ist begeistert. Nur der Vater, sagt Tord lachend, habe sein Herz nie ganz an die kleinen Monster verloren. Beim Essen zu Hause drifte das Gespräch trotzdem fast immer wieder dorthin ab.

Dass er heute vom 30 Jahre alten Traum, Pokémon-Trainer zu sein, leben kann, war eine mutige Entscheidung, gesenkte Schultern hin oder her. Erst rund ein Jahr nach der Pandemie ging er all in, brach das Studium ab und setzte voll auf Turniere und aufs Coaching, das er über eine Online-Plattform betreibt wie ein Lehrer in einem virtuellen Klassenzimmer. „Mein Vater war eher skeptisch, sie wollten, dass ich etwas zum Zurückfallen habe.“ Eine Weile war es wackelig. Dann kam der Durchbruch. Heute lebt er, wie er selbst sagt, sehr komfortabel.

Am Ende des Gesprächs steht er auf, wird sofort wieder von jemandem um ein Foto gebeten, lächelt, posiert. In wenigen Tagen fliegt er zurück nach Norwegen, wo ihn keiner erkennt. Vielleicht ist genau dies das Geheimnis hinter dieser leisen norwegischen Dominanz: Man muss den Sport nicht ernster nehmen als das Leben, um in ihm der Beste zu sein. Neben Reklev prägt auch dieser echte Universitätsprofessor Pokémon, der seit 20 Jahren ein Doppelleben führt. Ob Haaland vor dem Tor, Carlsen am Brett oder Reklev am Spieltisch – manchmal gewinnt eben der, der die entspanntesten Schultern hat.