Kinder haben Angewohnheit von vor 30 Jahren verlernt – und das Gehirn leidet darunter

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Kinder haben Angewohnheit von vor 30 Jahren verlernt – und das Gehirn leidet darunter

Stand: 28.07.2026, 06:14 Uhr

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Statt unbeaufsichtigt draußen herumzustreifen, eilen Kinder heute von Kurs zu Kurs oder sitzen vor dem Bildschirm. Fachkräfte schlagen deshalb Alarm.

Frankfurt – Die Straßen sind still geworden. Wo vor 30 Jahren Kinder auf Fahrrädern vorbeirasten, Fangen spielten oder mit Stöcken kämpften, herrscht heute oft Ruhe. Die Kinder sind nicht verschwunden. Sie sind drinnen oder ihre Eltern fahren sie von Kurs zu Training zu Unterricht. In den 1980er und 1990er Jahren verbrachten Kinder einen Großteil ihrer Freizeit ohne elterliche Aufsicht. Sie erfanden eigene Spiele, lösten Konflikte untereinander und entschieden selbst, was sie mit ihrer Zeit anfingen.

Das freie, unbeaufsichtigte Spielen draußen ist seltener geworden. Dabei ist es wichtig für die gesunde Entwicklung eines Kindes, sagt Renate Zimmer, Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt „Frühe Kindheit“ und Professorin für Sportwissenschaft. „Kinder brauchen freie Zeit, um sich intensiv mit ihrer Umgebung auseinanderzusetzen“, sagt sie der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Dabei lernten Kinder zum einen, wie sich ihre Umwelt verhält und reagiert, wobei es auch um das Austesten der eigenen Grenzen gehe. Gleichzeitig lernten sie, ihre freie Zeit mit den eigenen Ideen zu füllen und entwickelten Fantasie und Kreativität.

Ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen klettern über einen Zaun

Fachleute sind sich einige: Freies Spielen ist wichtig für die Entwicklung eines Kindes. (Symbolfoto) © robertharding/Imago Images

Zwischen Smartphone, Tablet und Unterricht gibt es wenig Lücken, die Kinder selbst füllen müssen. Dadurch entstehe laut Zimmer die Erwartung, dass sie ständig bespaßt werden. Langfristig könne es dazu führen, dass Kinder keine eigenen Impulse mehr setzen. „Sie verlernen, selbst kreativ zu sein, und Langeweile wird für sie nicht als Chance wahrgenommen, sondern nur als etwas Negatives“, erklärt die Erziehungswissenschaftlerin.

Psychotherapeut: „Kinder bewältigen Ängste häufig nicht durch Gespräche, sondern über das Spiel“

In einem 2023 im Journal of Pediatrics veröffentlichten Beitrag fasst der Entwicklungspsychologe des Boston College, Peter Gray, zusammen mit weiteren Forschenden die Ergebnisse verschiedener Studien zusammen, die sich mit der mentalen Gesundheit von Kindern und deren Spielverhalten befasst haben. Sie identifizieren über mehrere Jahrzehnte hinweg einen Rückgang der psychischen Gesundheit, den sie auf „eine Abnahme der Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche, zu spielen, herumzustreifen und Aktivitäten unabhängig von direkter Aufsicht und Kontrolle durch Erwachsene nachzugehen“ zurückführen.

Die Erkenntnisse bestätigen auch die Erfahrungen des Kinder- und Jugendpsychotherapeuten Necip Yurddas aus Kassel. Spielen sei ein Grundbedürfnis und entscheidend für die mentale Gesundheit eines Kindes. „Kinder bewältigen Stress, Ängste oder belastende Erfahrungen häufig nicht durch Gespräche, sondern über das Spiel.“ Wenn Kindern zu wenig Zeit zum freien Spielen bleibe, fehlten ihnen wichtige Möglichkeiten, Erlebnisse und Gefühle zu verarbeiten. „Wird dieser Raum eingeschränkt, kann dies langfristig zu emotionalen Belastungen führen“, warnt Yurddas.

Beim gemeinsamen Spielen mit anderen lernten Kinder außerdem zentrale soziale Fähigkeiten. „Sie lernen zunächst, Regeln zu verstehen und einzuhalten“, erklärt der Therapeut. „Sie erfahren, dass ein gelungenes Miteinander nur funktioniert, wenn sich alle Beteiligten an gemeinsame Vereinbarungen halten.“ Gleichzeitig entwickelten sie die Fähigkeit, Impulse zu kontrollieren.

Frühförderung: Freies Spielen in der Kindheit für Körper und Geist

„In den ersten sechs Lebensjahren findet die größte Entwicklungsleistung im gesamten Leben statt“, sagt Kathrin Nagel, Frühförderfachkraft bei der Lebenshilfe Syke bei Bremen. „Das betrifft insbesondere das Gehirn, das sich in dieser Zeit extrem schnell vernetzt und ausbildet.“ Ihr zufolge ist das freie Spielen der wichtigste Entwicklungsraum, da dort Selbstwirksamkeit entstehe. „Genau diese Selbstwirksamkeit ist ein Schlüssel für Entwicklung.“ Diese frühen Erfahrungen seien später die Grundlage für schulisches Lernen. „Kinder, die viel frei spielen durften, sind oft flexibler im Denken und entwickeln mehr eigene Lösungsstrategien.“

Auch die Bewegung spiele eine zentrale Rolle für die Selbstwahrnehmung. „Kinder entwickeln durch Bewegung ihr Körperschema – also eine innere Vorstellung ihres Körpers“, erklärt die Frühförderin. „Wenn diese Grundlagen gut entwickelt sind, laufen Bewegungen ökonomisch und flüssig ab. Fehlen diese Erfahrungen, kostet schon einfache Körperkontrolle viel Energie. Diese Energie fehlt dann für Konzentration, Sprache und Lernen.“

Für entwicklungsförderndes Spielen brauche es keine perfekten Bedingungen. Die Fachkräfte sind sich in einem Punkt einig: „Sie brauchen Menschen, die ihnen Zeit schenken, Interesse zeigen und ihnen die Freiheit geben, ihre Welt spielerisch zu entdecken“, sagt Yurddas. Dafür brauche es kein Kinderzimmer voller teurer Spielzeuge, meint Nagel. Wichtiger sei, Kindern überhaupt genügend freie Zeit zu geben – für Selbstwirksamkeit, Kreativität und Fantasie. Denn Kinder bringen alles mit, was sie für ihre Entwicklung brauchen. (Quellen: eigene Recherche, Journal of Pediatrics)