„Für eine glückliche Minderheit“: Infantinos absurde FIFA-Show und die Schattenseiten der XXL-WM

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„Für eine glückliche Minderheit“: Infantinos absurde FIFA-Show und die Schattenseiten der XXL-WM

Stand: 17.07.2026, 17:27 Uhr

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Wenn das XXL-Turnier etwas gebracht hat, dann dem Weltverband FIFA den größten Gewinn aller Zeiten – und zugleich einen weiteren Verlust an Ansehen. Trump und Infantino sei Dank.

New York – Höhenwinde kennen keine Grenzen. Sie tragen den Rauch der schweren Waldbrände in Kanada bis in den Nordosten der USA. Kurz vor dem Ende der 23. Fußball-Weltmeisterschaft ist die Skyline von Manhattan nur zu erahnen. Eine riesige Dunstglocke hängt über dem Großraum New York und New Jersey. Der Himmel scheint milchig, der üble Geruch bei der Sommerschwüle macht einem klar, warum von längeren Aufenthalten im Freien abgeraten wird.

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Absolut hautnah. Absolut fundiert: Absolut Fussball berichtet für euch von der WM 2026. Unsere Reporter sind in Amerika vor Ort und versorgen euch mit News, Videos und exklusiven Einblicken. © Absolut Fussball

Das Schlussbild unter FIFA-Hoheit ist in Gefahr. Das WM-Finale zwischen Spanien und Argentinien im New-York-New-Jersey-Stadion (Sonntag, 21 Uhr MESZ/ZDF und Magenta TV) soll noch einmal ganz groß strahlen. Nur hat die Spielstätte in East Rutherford auf der anderen Seite des Hudson River eben kein Dach. Es wird im übertragenen Sinne ein Endspiel mit dem Feuer.

Robbie Williams, Tom Cruise, Madonna, Justin Bieber: WM-Halbzeitshow toppt Super-Bowl-Wahnsinn

Geplant ist eigentlich, über mehrere Stunden ein Milliardenpublikum am Fernseher zu unterhalten. Auch für die mehr als 80.000 auf den Rängen, die mindestens vierstellige, oft aber fünfstellige Preise fürs Finalticket bezahlt haben, reicht angeblich 90 oder 120 Minuten Fußball nicht mehr aus. Schon das Vorprogramm mit den Popstars Laura Pausini, Nicole Scherzinger oder Robbie Williams inklusive Gastauftritt von Tom Cruise dauert die Länge eines Fußballspiels.

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Direkt vor Anpfiff ist US-Sänger Post Malone an der Reihe. Dann wird mal 45 Minuten der Ball rollen – unterbrochen von der Hydration Break –, ehe sich alle schon auf eine Halbzeitshow freuen, die den Vergleich zum Super Bowl, dem alljährlichen Spektakel der besten Teams im American Football, nicht scheuen muss. Popstar Justin Bieber, Ikone Madonna und WM-Dauerbrenner Shakira bekommen eine Bühne. Angeblich ist für FIFA-Boss Gianni Infantino das Spiel dennoch „der Höhepunkt der größten Show der Welt“. Darunter geht’s nicht.

Besucherinnen und Besucher sollen vier Stunden vor Anpfiff erscheinen. Hängt mit Donald Trump zusammen. Der US-Präsident hat sein Erscheinen offiziell bestätigt. „Dies ist ein passender Abschluss für ein Turnier, das Amerikas Fähigkeit demonstriert hat, die Welt auf der größten Bühne zu empfangen“, sagte seine Sprecherin Karoline Leavitt. Das konnte er sich kaum entgehen lassen, wo sich doch andere Machthaber in der Vergangenheit inszenierten.

Der russische Präsident Wladimir Putin überreichte 2018 im strömenden Regen in Moskau den Goldpokal an Frankreichs Keeper und Kapitän Hugo Lloris. Der katarische Emir Tamim bin Hamad Al Thani nutzte 2022 die Gelegenheit, dem Weltmeister Lionel Messi am Nationalfeiertag in Doha ein traditionelles Gewand, einen sogenannten Bischt, umzuhängen. Vielleicht bekommt der Argentinier im Falle der Titelverteidigung einen Cowboyhut aufgesetzt. Würde auch lustig aussehen.

Halten zusammen wie Pech und Schwefel: US-Präsident Donald Trump und Fifa-Boss Gianni Infantino.

Halten zusammen wie Pech und Schwefel: US-Präsident Donald Trump und Fifa-Boss Gianni Infantino. © IMAGO/WILL OLIVER

New York wird nun vorerst noch mal auf Fußball getrimmt. Im Central Park ist alles für eine Watch-Party mit 50.000 Menschen aufgebaut, im Bryant Park zwischen den Wolkenkratzern in Midtown Manhattan ist ein FIFA-House entstanden. Fußball-Legenden, Leute aus Kultur und Wirtschaft, Live-Musik dazu. Nur: Wer dabei sein will, muss zahlen. Mindestens 1.100 Dollar, für die Finalparty 2.000 Dollar. Dieses Turnier kostet. Immer und überall. Mancher schaut gar nicht mehr in die Kreditkartenabrechnung, um sich das WM-Feeling nicht zu verhageln.

Die FIFA streicht den größten Gewinn aller Zeiten ein. Rund 13 Milliarden Dollar allein in diesem WM-Zyklus von 2023 bis 2026. Gegenüber der WM von 2022 ein Umsatzplus von 70 Prozent. 3,9 Milliarden Dollar bringen die Medienrechte, 1,8 Milliarden Dollar die Sponsoren und noch mal drei Milliarden Dollar Hospitality und Ticketing. Es sind inzwischen Umsätze eines Weltkonzerns, obwohl die in Zürich ansässige Institution wie ein Verein nach Schweizer Recht behandelt und besteuert wird.

Als sich in den USA gerade eine echte WM-Begeisterung breitmacht, ruft Trump Infantino an

Es gibt nicht einmal einen Aufsichtsrat, und selbst die Ethikkommission, früher mal eine funktionierende Kontrollinstanz, hat sich Infantino untertan gemacht. Als sich in der K.-o.-Runde gerade eine echte Begeisterung in den USA fürs Heimteam entwickelte, internationale Fans die US-Offenheit genossen und sich auf spannende Spiele freuten, kam Trumps Anruf bei Infantino.

Die in den Statuten fest verankerte Mindestsperre gegen den US-Nationalspieler Folarin Balogun nach dessen Roter Karte wurde getilgt. Der Punkt, an dem das letzte Fünkchen Vertrauen starb. Die WM 2026 wird somit für immer ein Schandfleck bleiben: als das Turnier, in dem die FIFA endgültig die Integrität und Legitimität des Sports für korporative Gier und finanziellen Antrieb verkauft hat.

 „Es war eine Weltmeisterschaft für eine glückliche Minderheit.“

Jules Boykoff, Autor des Buches „Red Card“ über Sportswashing der FIFA-Maschinerie, sieht die WM von der Trump-Administration „definitiv“ für ihre Zwecke missbraucht. Der US-Präsident wollte im eigenen Land als starker Mann wahrgenommen werden. Daher auch das Einreiseverbot gegen den somalischen Schiedsrichter Omar Abdulkadir Artan.

Ein Trump-Tweet in der Vorrunde an die US-Boys erinnerte den Politikwissenschaftler der Pacific University in Oregon verdächtig an einen Nazi-Kampfschrei, wie er sagt. Der frühere U23-Nationalspieler für die USA wirft der FIFA seit Längerem vor, wirtschaftliche Interessen und politische Nähe über Transparenz, Menschenrechte und Integrität zu stellen.

Gespielt wird auch noch: Im Finale treffen Spaniens Lamine Yamal und Argentiniens Lionel Messi aufeinander.

Gespielt wird auch noch: Im Finale treffen Spaniens Lamine Yamal und Argentiniens Lionel Messi aufeinander. © Charly Triballeau/AFP

Der TV-Konsument habe angesichts der immer gleichen Bilder der FIFA-Regie mit fröhlichen Besucher:innen in vollen Stadien einen falschen Eindruck erhalten, erklärte Roman Evain von den Football Supporters Europe, der von einer „traurigen Weltmeisterschaft auf den Tribünen“ spricht. „Es war eine Weltmeisterschaft für eine glückliche Minderheit. Die Realität ist, dass eine gute Hälfte der Welt nicht reisen konnte.“

Deswegen wäre ein „sehr amerikanisches“ Erscheinungsbild zustande gekommen, oft geprägt von der Diaspora einer beteiligten Nation. Umfragen ergaben, dass Fans aus dem Irak, Jordanien und Usbekistan, Ägypten, Kap Verde oder Marokko generell kein Visum bekommen hätten. Nur bereits in den USA lebende Personen aus diesen Ländern oder Doppelstaatsbürger:innen hätten Zutritt zur XXL-WM bekommen, die wegen der weiten Entfernungen mit Kanada und Mexiko als Mitausrichter auch noch das klimaschädlichste Turnier aller Zeiten war.

Human Rights Watch: mit Blick auf die Menschenrechte „keine gute WM“

Der 56-jährige Infantino bleibt ungeachtet seiner schlechten Imagewerte in Europa trotzdem wohl im Amt. In anderen Konföderationen war die Aufregung weniger groß. Korruption ist in vielen Teilnehmerländern weit verbreitet. Versickerte Fördergelder bei Vetternwirtschaft würden die Arbeit vieler afrikanischer Verbände prägen, sagte ein Reporter aus DR Kongo. Mag sein, doch nur die FIFA kleidet sich ins Gewand des globalen Gutmenschen, wenn das eingenommene Geld mit der Gießkanne an 211 Mitgliedsländer verteilt wird.

Die Organisation Human Rights Watch machte bei einer Pressekonferenz in New York deutlich, dass es vor allem mit Blick auf die Menschenrechte „keine gute WM“ gewesen sei. „Diese Weltmeisterschaft wurde gespielt vor dem Hintergrund des missbräuchlichen harten Durchgreifens der US-Regierung gegen Zugewanderte und des Versagens der FIFA, sich an ihre eigenen Menschenrechtsstandards zu halten“, kritisierte Direktorin Minky Worden.

„Gespielt wurde vor dem Hintergrund des harten Durchgreifens der USA gegen Zugewanderte.“

Dass bei einem Spiel in Seattle auf FIFA-Geheiß die Regenbogenflaggen wehten, verdecke die Schattenseiten: Trump habe die Befugnisse der umstrittenen Einwanderungsbehörde ICE erweitert, teilweise habe es 2000 gewalttätige Verhaftungen von Zugewanderten täglich gegeben. Die Organisation betonte, dass inzwischen 59 Todesfälle in Abschiebehaft seit Trumps Amtseinführung zu beklagen seien.

Schockwellen lösten jüngst die Erschießung zweier Einwanderer aus einem Teilnehmer- und einem Mitausrichter-Land aus: Der über eine gültige Aufenthaltserlaubnis verfügende Kolumbianer Joan Sebastián Guerrero wurde in Maine in seinem Auto getroffen – der 26-Jährige hinterlässt eine Frau und eine dreijährige Tochter.

WM-Schweigeminute wegen ICE-Morden? Ein frommer Wunsch, der an Infantino einfach abperlt

Ihm sei es genau wie dem in Houston getöteten Mexikaner Lorenzo Salgado Araujo nicht mehr vergönnt gewesen, die WM bis zum Ende zu verfolgen, schilderte die HRW-Direktorin Worden. Eine Schweigeminute für die beiden „wäre vollkommen angemessen: Es ist eine Gelegenheit für die FIFA, ihr Versprechen einzulösen, dass diese Weltmeisterschaft die Menschenrechte wahren würde“.

Es wird ein frommer Wunsch bleiben, der an Infantino einfach abperlt. Nur ein Problem hat der Sonnengott des Fußballs für seine minutiös geplante Giga-Gaga-Show: Auf den Wettergott hat er noch keinen Einfluss. Und so geht der bange Blick gen Himmel, ob diese WM passenderweise unter einem grauen Schleier endet.