Wie Otto Premingers "Laura" David Lynch beeinflusste

Davon, dass gerade der Zweite Weltkrieg tobte, scheint man in diesem Film von 1944 aus irgendwelchen Gründen nichts mitzubekommen. Der exzentrische Radiokolumnist Waldo Lydecker, gespielt von Clifton Webb, tipp...

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Wie Otto Premingers "Laura" David Lynch beeinflusste

Davon, dass gerade der Zweite Weltkrieg tobte, scheint man in diesem Film von 1944 aus irgendwelchen Gründen nichts mitzubekommen. Der exzentrische Radiokolumnist Waldo Lydecker, gespielt von Clifton Webb, tippt seine Artikel am liebsten rauchend in der Badewanne. Außerdem präsent: Ein tragischer Mordfall und ein abgebrühter Ermittler, der das alles aufklären soll. Schon die ersten Minuten von „Laura“ starten sehr Film-Noir-mäßig. Es fehlen nur die Unterweltgestalten.

Stattdessen treffen wir einige nicht weniger verschlagene Elemente aus der New Yorker Oberschicht: Da wäre eine selbstsüchtige Tante, die ein Auge auf den Verlobten der Ermordeten geworfen hat. Der heißt Shelby Carpenter, gespielt von Vincent Prince, und ist ein charmanter, aber leider vollkommen unselbständiger und etwas trotteliger Lebemann. Und, alle überstrahlend, Waldo Lydecker: Gönner, Förderer und Dandy. Halb Mensch, halb intellektuelles Wiesel, ist er abstoßend und seltsam anrührend zugleich. Als die Tote noch lebte, waren die beiden eine Art dynamisches High-Society-Duo gewesen: er der alte, mit allen Wassern gewaschene Reporter; sie die schöne, junge Karrierefrau aus der Werbebranche.

Wer aber könnte diese fast schon unheimlich perfekte Laura Hunt ermordet haben? Gespielt wird die Rolle der Laura von Hollywoodschönheit Gene Tierney, die zeit ihres Lebens eingefleischte Republikanerin gewesen sein soll. Otto Premingers Film ist ein stilsicherer Krimi mit einer klassischen Ausgangssituation: „The Beautiful Dead Girl“ nennt man diesen praktischen Kniff, von dem aus sich eine Filmhandlung entspinnen lässt.

War sie an ihrem Unglück selbst schuld?

Eine tote Frau kann schließlich nicht mehr intervenieren, wenn man Unsinn über sie erzählt. Sie bleibt für immer jung. Hatte sie dunkle Geheimnisse? Ist sie an ihrem Unglück womöglich sogar selbst schuld gewesen? Hier tut sich eine ganze Palette an moralischen Abgründen auf.

Das Phänomen des „schönen toten Mädchens“ lässt sich aber nicht nur im Film finden, auch gesellschaftlich ist es spannend: So steigerte sich die Beliebtheit von Lady Diana beispielsweise ebenfalls erst nach ihrem tragischen Unfalltod ins Unermessliche. Zuvor hatte die britische Klatschpresse immer wieder an ihrem Ruf gekratzt, nach dem Tod der Prinzessin stilisierten dieselben Boulevardblätter sie quasi zur Heiligen.

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Die Rechnung geht allerdings nicht auf. Denn es folgt der ikonische „Plot Twist“: Als Ermittler McPherson eines Nachts aufwacht – er war im Apartment der Toten eingenickt –, steht neben ihrem Ölporträt plötzlich eine quicklebendige echte Laura: von einem Landhaustrip wiedergekehrt und stilecht mit Mantel, Schirm und Vierzigerjahre-Regenhut. Die Tote war eine andere!

Im „Film Noir“ durften Frauen statt wehrloser Opfer nun auch Femmes fatales spielen. Die Rolle der manipulativen Verführerin ist zwar nicht zwingend weniger sexistisch – man denke an Anklagen während der Hexenverfolgung –, aber doch zumindest aktiver.

Auch für Lauras Mitmenschen ist ihr Tod durchaus praktisch: Nun ist es für Schlaumeier Lydecker ein Leichtes zu behaupten, Laura habe ihn „für den klügsten, geistreichsten und interessantesten Mann“ gehalten, dem sie je begegnet sei. „Sie wurde so bekannt wie Waldo Lydeckers Spazierstock“, erzählt der stilvolle ältere Herr stolz, nicht merkend, wie besitzergreifend das klingt.

Einfluss auf Lynchs „Twin Peaks“

Und auch ihr Verlobter kann eine heile Beziehung vorgaukeln, während er sich in Wirklichkeit mit Lauras Tante und einem Model aus der Firma herumgetrieben hat.

Der Einfluss des Films ist nicht zu unterschätzen: „Laura“ hat beispielsweise Regisseur David Lynch zu seiner unsterblichen Neunzigerjahre-Serie „Twin Peaks“ inspiriert. Das ebenfalls nur mäßig tote Mordopfer Laura Palmer ist nach „Laura“ benannt. Sogar der Mörder hat es in die Serie geschafft. Dort allerdings in Form des Papageien „Waldo“ – wobei der durchaus an den schnatternden Radiokolumnisten aus dem Original erinnert. Auch neuere Produktionen spielen mit der Idee: In der US-Serie „Pretty Little Liars“ (2017) beispielsweise erhalten vier Teenagermädchen seltsame Nachrichten von ihrer vermeintlich toten Freundin.

Es ist natürlich eine verlockende Vorstellung, seine Mitmenschen auch nach dem eigenen Ableben noch zuverlässig in Rage treiben zu können: Ermittler Mark McPherson etwa, gespielt von Dana Andrews, verbringt so viel Zeit im Apartment der Toten, dass der herrlich eifersüchtige Lydecker spottet, er solle aufpassen, dass er nicht auf der psychiatrischen Station lande: McPherson habe sich doch tatsächlich „in eine Leiche verliebt“.

In „Laura“ ist die Hauptfigur am Ende allerdings weder böse Verführerin noch passives Opfer, sondern eine durchaus nachvollziehbar handelnde Person: Ihrem Beinahe-Mörder passt das allerdings nicht und so wird es zum Ende hin noch einmal dramatisch. Das konsequente Thematisieren von Besitzdenken macht den Film dabei überraschend modern.