„Es gab keinen Plan B“ - Warum ein Volleyball-Bundesligist die Stadt wechselte
Lukas Thielemann kommt etwas zu spät zum Interview. Er führe noch ein wichtiges Telefonat, schreibt er kurz. Als er vor den gläsernen Wänden des N8-Cafés in Halle (Saale) erscheint, hat er noch immer den Hörer ...
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Lukas Thielemann kommt etwas zu spät zum Interview. Er führe noch ein wichtiges Telefonat, schreibt er kurz. Als er vor den gläsernen Wänden des N8-Cafés in Halle (Saale) erscheint, hat er noch immer den Hörer am Ohr. Er musste gerade noch den letzten Transfer des Sommers eintüten, entschuldigt er sich, als er eintritt.
Mit 28 Jahren ist Thielemann Geschäftsführer der Volley Goats Mitteldeutschland, vormals VC Bitterfeld-Wolfen, die er als Trainer in der Vorsaison zum Klassenerhalt führte und die er als Geschäftsführer vor einem Jahr aus Bitterfeld nach Halle gebracht hat. Ein vielbeschäftigter Mann ist Thielemann also. Für das folgende Gespräch nimmt er sich trotzdem Zeit. Er bestellt einen Erdbeermilchshake und erzählt dann fast zwei Stunden lang über den Verein, die sportlichen Ziele und den Umzug nach Halle.
Objektfoto/Ballasch/imago
Zur Person
Am 16. Mai 1998 in Halle (Saale) geboren, begann Thielemann früh in der Jugend des Halleschen FC Fußball zu spielen, entschied sich später aber für den Wechsel zum Volleyball. Bald erkannte er, dass er lieber Trainer als Spieler sei. Nebenbei lernte er im Taxiunternehmen seines Vaters und studierte Lehramt. 2024 wurde er vom Trainer der VC Bitterfeld-Wolfen (jetzt Volley Goats Mitteldeutschland) zum Geschäftsführer befördert.
Herr Thielemann, Sie haben in der Jugend beim Halleschen FC Fußball gespielt, später Lehramt studiert und im Taxiunternehmen Ihres Vaters gearbeitet. Warum sind Sie mit nun 28 Jahren Geschäftsführer eines Volleyball-Bundesligisten?
Das war nie mein Plan. Es war, wie es im Leben oft ist: Irgendwo geht eine Tür auf, und du musst dich entscheiden, ob du sie nimmst oder nicht.
Mein Vater hatte sein Taxiunternehmen, damit bin ich aufgewachsen. Da habe ich parallel zum Lehramtsstudium mitgearbeitet, mich um Mitarbeiter, Fuhrpark oder Steuern gekümmert. Ich habe auch selbst Volleyball gespielt und hatte eine Leistungssportvergangenheit, weil ich lange Fußball beim HFC gespielt habe. Irgendwann habe ich aber gesagt: Ich habe keinen Bock mehr, weiterzuspielen, und mache lieber die Trainerschiene!
Sie fanden schnell einen Trainerjob.
Ich war wohl nicht der Allerschlechteste, und so kam Anfang 20 das Angebot aus der zweiten Liga. Ich bin als Co-Trainer eingestiegen, wir sind im ersten Jahr gleich aufgestiegen, und dann ging eine Tür nach der anderen auf. Dann war ich Cheftrainer und wir haben mit dem siebten Platz in der Bundesliga die beste Platzierung der Vereinsgeschichte geholt. Auch wenn es nicht meine Aufgabe war, hatte ich da schon die ein oder andere Idee für die Entwicklung des Klubs. Und dann kam die Frage, ob ich nicht den Verein übernehmen möchte.
In der vergangenen Saison sprang Thielemann als Trainer ein, den Hoodie tauschte er nach der Saison aber wieder gegen das Sakko ein.
© Objektfoto/Ballasch/imago
War Ihnen von Anfang an klar, dass Sie sich den Job zutrauen, oder mussten Sie überzeugt werden?
Überzeugt werden musste ich eigentlich gar nicht. Ich kannte die handelnden Personen, sie waren immer der Grund, warum ich so lange im Verein geblieben bin – es ist ja nicht selbstverständlich, dass man als Trainer zwei, drei Jahre dabeibleibt, gerade im Sport heute.
Mir war klar: Wenn ich das mache, will ich Dinge weiterentwickeln, anders denken, hinterfragen. Auch wenn wir zehn Jahre lang etwas so gemacht haben, war das für mich nie ein Argument zu sagen: Dann lassen wir das so.
Das Okay dafür habe ich mir geholt, aber grundsätzlich zugetraut habe ich es mir total, weil ich diese Erfahrung als Trainer hatte und wusste, wie der Sport funktioniert, und weil ich aus dem Unternehmen meines Vaters wusste, wie die unternehmerische Seite funktioniert.
Wie wirkt sich die aus?
Das ist bis heute, würde ich sagen, eine sehr glückliche Fügung. Mit unserem Steuerberater und unserer Buchhalterin kann ich über steuerliche und finanzielle Themen sprechen und mit einem Trainer kann ich fachlich normal reden, weil ich selbst die Bundesliga-Lizenz habe.
Und das Gute bei mir ist: Ich habe das aus Spaß angefangen, habe Volleyball nie als Job gesehen, und das ist bis heute so. Ich mache es jeden Tag gerne, es ist nicht so, dass ich montags denke: Och nö, schon wieder. – Das ist ein Riesenprivileg und sicher auch ein Vorteil für den Klub.
Hilft Ihnen auch Ihr Studium?
Aus dem Lehramtsstudium kommt mir vor allem die soziale Schiene zugute – weniger das Pädagogische, mehr, dass du eine integrative Figur bist. Jeder, der irgendwas will, ruft erst mal dich an. Du musst Leute verbinden können, eine gemeinsame Richtung vorgeben, das verkaufen können, Leute hinter dich bringen.
Was sind Themen, die Sie herausfordern?
In den letzten zwei Jahren gab es immer neue Herausforderungen. Jetzt gibt es die neue Videochallenge – bisher wurde das mit den vorhandenen TV-Kameras gemacht, jetzt kommen elf dazu, das haben wir noch nie gemacht. Der Umzug nach Halle war natürlich ein Riesenthema.
Sie hatten als Trainer schon Ideen für die Geschäftsführung – war der Umzug eine davon?
Das war keine davon. Es gibt in Bitterfeld-Wolfen zwei Hallen. In der einen haben wir lange zu Zweitligazeiten gespielt, mussten dann aber in die zweite Halle in Bitterfeld ausweichen, weil das Dach kaputt war. Dann kamen, das ist schon eine Weile her, die Geflüchteten aus der Ukraine, und wir mussten aus dieser Halle raus, weil sie gebraucht wurde. So sind wir vor vier Jahren nach Friedersdorf gekommen, wo uns eine Halle zur Verfügung gestellt wurde.
Mit dem Aufstieg in die Bundesliga war die kleine Halle, die vorher für die Geflüchteten genutzt worden war, nicht mehr tauglich, weil die Höhe nicht ausreichte. Es gab ja noch die andere Halle, aus der wir ursprünglich kamen – aber das Dach ist bis heute kaputt. Ohne Friedersdorf hätten wir also seit vier Jahren keine Halle.
Die Halle in Friedersdorf reichte nicht aus?
Die Halle dort ist, bei allem Respekt, eine – vielleicht etwas bessere – Schulturnhalle. Tribünenkapazität null, wir mussten mobile Tribünen reinstellen, um überhaupt auf 250 Zuschauer zu kommen. Irgendwann hat dann auch die Liga gesagt: Jungs, das ist schwierig – wir schalten in Berlin in die Max-Schmeling-Halle zur Übertragung und bei euch in eine Schulsporthalle.
Es hört sich immer hart an, aber man muss es auch mal so sagen: Die Halle wurde dafür nie gebaut, es war nie vorgesehen, dass Friedersdorf mal einen Erstligaklub in dieser Dimension beherbergt.
Drei Jahre haben wir da gespielt. Irgendwann standen wir vor der Entscheidung: Was machen wir jetzt? Und mit Halle haben wir den besten Partner gefunden, den wir uns nur vorstellen können. Hier hat man gesagt: Erste Volleyball-Bundesliga ist cool, das ist ein Mehrwert für unsere Stadt.
Es gab keinen Plan B. Der Entzug der Lizenz stand im Raum.
Als der Umzug bekannt wurde, hat man in Bitterfeld-Wolfen nicht besonders positiv reagiert.
Und da frage ich mich schon: Warum? Es gab keinen Plan B. Der Entzug der Lizenz stand im Raum. Es gab dazu klare Schreiben von der Bundesliga, die auch Entscheidungsträger im Landkreis und bei der Stadt kannten.
Als man dann erkannt hat, dass es wirklich eng wird und man über Modernisierungsmaßnahmen der Halle nachdenken wollte, war es dafür längst zu spät, weil so ein Bau Jahre dauert. Wir hatten noch ein halbes Jahr, um eine Spielhalle zu benennen, also mussten wir mit der Stadt Halle planen – und haben das auch gemacht.
Von wem kamen die Reaktionen?
Der Verband und die Bundesliga waren superglücklich. Reaktionen kamen eher von Bewohnern in Bitterfeld, aus der Politik, von Leuten, die die Thematik kannten – die jetzt nicht direkt gesagt haben: Wie könnt ihr das machen?, aber die traurig über den Schritt waren.
Dabei haben wir das seit Jahren angekündigt. Wir reden über die Zeit seit Kriegsbeginn in Russland, seit wir Bitterfeld-Wolfen erstmals verlassen haben. Und erst vor zwei, drei Monaten kam der Beschluss, dass die alte Halle modernisiert wird – das hat einfach vier Jahre zu lange gedauert. Und selbst mit der Modernisierung erfüllt die Halle nicht die Anforderungen der Liga. Sie wäre weiterhin nicht für die Bundesliga zugelassen.
Sie sind jetzt seit einem Jahr in Halle. Wie fällt Ihr Fazit aus?
Hundert Prozent positiv, Punkt. Da gibt es nichts Weiteres zu sagen. Wenn wir die ganze Saison Revue passieren lassen, war eigentlich alles positiv – bis auf unser sportliches Abschneiden, und das hat mit der Halle nichts zu tun.
Alles hat funktioniert, und noch besser, als wir es uns erhofft hätten. Auch da muss man sagen, dass die Stadt und die Entscheidungsträger einen Riesenanteil daran haben – als es bei uns kurz vor knapp war, wurden innerhalb kürzester Zeit für alles Lösungen gefunden.
Wie wird der Umzug jetzt angenommen?
Wer sagt, in Bitterfeld oder Friedersdorf war es schöner, der lügt sich in die eigene Tasche. Da war nichts besser. Wir hatten in der alten Halle eine Toilette für alle – Spieler, Funktionäre und Zuschauer – bei 200 Leuten in einer Schulturnhalle.
Es war mir unangenehm, Leute in die Halle nach Friedersdorf einzuladen, weil der Anspruch in der 1. Liga einfach ein anderer ist – und dafür kann Ferid Giebler nichts, der hat sein Bestes gegeben und die beste Halle zur Verfügung gestellt, die verfügbar war, und wir sind ihm super dankbar dafür. Aber wenn jemand, der nicht weiß, was ihn erwartet, vierzig Minuten zu einem Erstligaspiel fährt und dann fragt, wo er auf Toilette gehen kann, während du selbst auf der anderen Seite im Keller sitzt, dann denkt der, du tickst nicht ganz richtig.
Jetzt haben wir einen verglasten VIP-Bereich, vernünftige Tribünen, Sanitäranlagen, Catering, alles ist da. Vielleicht findet man den längeren Auto-Weg blöd, aber objektiv betrachtet sagt jeder, der zu unseren Spielen kommt: Es ist Weltklasse hier, ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Was bedeutet der Umzug für den Gesamtverein?
Wir sitzen und arbeiten in Bitterfeld-Wolfen. Wir lassen den Verein, der dahintersteht, nicht hängen. Sicherlich ist vieles auf die Bundesliga bezogen, aber wir lassen da niemanden hinten runterfallen.
Welche Ziele haben Sie für die neue Saison?
Über allem steht natürlich, mit dem Abstieg nichts zu tun zu haben. Aber wir wollen natürlich auch, das ist kein Geheimnis, in die Playoffs einziehen, unter die Top acht kommen. Dazwischen liegt durchaus noch spürbar etwas. Aber über allem steht erst mal, auf keinen Fall das Erstliga-Spielrecht zu verlieren.
Feldhockey
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Hat es der Umzug leichter gemacht, Spieler anzuwerben?
Total, weil auch unser Ansehen und die Reputation des Klubs mit diesem Schritt total gestiegen sind. Wir reden hier ja auch über, um mal ein Bundesland zu nehmen, ein kleines Sachsen-Anhalt – wir sind der einzige Erstligist in Sachsen-Anhalt, Thüringen, Sachsen und Hessen, der irgendwie versucht, auf weiter Flur die Flagge hochzuhalten, während sich alle anderen im Westen von Deutschland befinden oder in München, Hamburg.
Dass in Stuttgart mehr Geld liegt, ist mir völlig klar, aber wir versuchen es im kleinen Sachsen-Anhalt. Und wenn wir da die Dinge nicht besser machen als andere, sondern noch die schlechtere Marke haben, die schlechtere Halle, weniger Geld – wie soll das dann was werden?
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