„In ein paar Jahren werden wir in einem ‚Terminator‘-Film leben“ – KI-Drohne tötet erstmals eigenständig Zivilisten in der Ukraine

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„In ein paar Jahren werden wir in einem ‚Terminator‘-Film leben“ – KI-Drohne tötet erstmals eigenständig Zivilisten in der Ukraine

Erster dokumentierter Fall: Russische KI-Drohne wählt Ziel eigenständig – und tötet drei Zivilisten

Stand: 30.08.2026, 13:15 Uhr

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Russlands Billig-Drohne tötete drei Menschen im Ukraine-Krieg. Ganz ohne Mensch am Steuer, mithilfe eines KI-Systems. Ein Vorgeschmack auf die Zukunft des Krieges.

Saporischschja – Am 6. Juli fliegt eine russische Drohne auf eine Tankstelle in der südostukrainischen Stadt Saporischschja zu. Das Fluggerät schlug in einer Mauer ein, explodierte und tötete drei Menschen. Drohnenangriffe auf zivile Infrastruktur sind nahe der Ukraine-Front im Ukraine-Krieg eine Alltäglichkeit. Doch war dies keine normale russische Drohne. Laut Drohnenexperten, ukrainischen Militärkommandeuren und dem Forensikteam, das die Trümmer untersuchte, flog die Drohne eigenständig durch den Einsatz eines KI-Systems, wie eine Recherche der New York Times zeigt.

Ein ukrainischer Drohnenpilot fliegt seine Drohne im Zuge des Manövers „Aurora 26“.

Eine ukrainische Drohne hebt ab. Hier noch von einem Menschen gesteuert. Doch die KI-Technologie findet zunehmend im Ukraine-Krieg Anwendung. Russland experimentiert mit autonomen Drohnen – die selbstständig töten. (Symbolbild) © IMAGO/Henrik Montgomery/TT

Russische Operateure hatten die Drohne demnach zwar auf eine bestimmte Tankstelle programmiert. Doch die genaue Zielauswahl traf das System eigenständig. Basierend darauf, worauf das russische Militär die Drohne trainiert hatte. In den Trümmern fanden ukrainische Forensiker ein Prozessormodul des Modells „Jetson Orin“ des US-Chipherstellers Nvidia. Experten konnten darauf Geländebilder sicherstellen, anhand derer die Drohne navigierte, sowie Codierungen, die zeigten, auf welche Zieltypen man das System trainiert hatte, darunter etwa Propangastanks.

KI-Drohnen im Ukraine-Krieg: Russland experimentiert mit neuer Technologie

Nvidia bestätigte nach Analyse von Fotos, dass es sich um Module des Typs „Jetson Orin“ handelt. Das Unternehmen betonte den zivilen Ursprung der Technologie und erklärte, direkte Lieferungen nach Russland seien strikt ausgeschlossen, wie die New York Times berichtet. Die Chips seien jedoch über ein globales Netzwerk unabhängiger Wiederverkäufer „weithin verfügbar“. Über Graumärkte gelangt Russland trotz westlicher Sanktionen weiterhin an Technologie aus den USA oder Europa. Ähnliche Module wurden laut der öffentlichen Datenbank des ukrainischen Geheimdienstes bereits in russischen Marschflugkörpern des Typs S-71M „Monochrom“ sowie in V2U-Drohnen gefunden.

Trotz Russlands Rhetorik über technologische Souveränität, sei das Land nach wie vor stark von der globalen Lieferkette abhängig, schreibt Kateryna Bondar, Senior Fellow am Wadhwani AI Center des „Center for Strategic and International Studies“ (CSIS) in Washington, in einer Analyse. „Mehr als die Hälfte der für KI-Anwendungen erforderlichen Komponenten stammt von Unternehmen mit Hauptsitz in den USA.“

Bondar, bezeichnete den Angriff vom 6. Juli als ersten dokumentierten Fall, in dem Zivilisten durch eine russische Drohne mit einem solchen autonomen System getötet wurden. Das Nvidia-Modul sei „der beste Beweis“ dafür, dass Russland mit autonomer KI experimentiere, sagte sie gegenüber der New York Times. Sowohl Russland als auch die Ukraine hatten KI bereits zuvor in Drohnen eingesetzt. Allerdings nur für die sogenannte „letzte Meile“, die finale Angriffsphase, nachdem ein menschlicher Pilot das Ziel ausgewählt hat. Vollautonome Systeme entziehen dem Menschen diese Entscheidung vollständig.

Billig-Drohnen mit KI-System im Ukraine-Krieg: Kriegsführung bald wie in „Terminator“?

Die eingesetzte Drohne vom Typ Molnija (russisch für „Blitz“) steht dabei in starkem Kontrast zu ihrer hochentwickelten Steuerungstechnik. Das Fluggerät besteht fast ausschließlich aus Sperrholz und Aluminiumstangen. Frühe Varianten wurden mit Klebeband zusammengehalten. Ihr Sprengkopf wiegt fünf Kilogramm. Die Nvidia-Module kosten nur einige hundert US‑Dollar, was sie für den Einsatz in solchen Einwegwaffen attraktiv macht. Bondar schreibt, dass Russland auf „kostengünstige, modulare und schnell weiterentwickelte Systeme“ setzt, die mit KI-Funktionen integriert werden können.

„Das ist eine Gefahr für die ganze Welt“, sagte Oberst Serhiy Minaiev, Kommandeur der Luftabwehr in Saporischschja. „In ein paar Jahren werden wir in einem ‚Terminator‘-Film leben. Das ist kein Scherz. Maschinen treffen Entscheidungen über Angriffe.“ Menschenrechtsorganisationen und die UNO warnen vor einer solchen Zukunft. „Wir stehen gefährlich nahe davor, eine moralische rote Linie zu überschreiten: das autonome Zielen auf Menschen durch Maschinen“, erklärten die Organisationen am Dienstag in Genf.

Menschenrechtsorganisationen warnen vor Einsatz von KI im Krieg

Bereits 2023 hatten UN-Generalsekretär António Guterres und die Präsidentin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), Mirjana Spoljaric, die Staatengemeinschaft aufgerufen, Verbote und Beschränkungen für die sich rasant entwickelnde Technologie zu beschließen. „Heute erneuern wir diesen Aufruf mit umso größerer Dringlichkeit“, hieß es in der Erklärung vom Dienstag (25. August). Die „grundlegende Besorgnis“ bleibe unverändert, die Risiken hätten sich jedoch noch erhöht. Bisher gibt es keinen Vertrag zur Regelung autonomer und KI-gestützter Waffen.

„Autonome Waffensysteme gehören nicht einer entfernten Zukunft an. Ein Wettlauf um mehr Autonomie in Waffensystemen ist bereits in vollem Gange“, erklärten Guterres und Spoljaric. „Künftige Generationen werden fragen, ob die Verantwortlichen gehandelt haben, als es noch eine Chance gab, Grenzen zu setzen, bevor sich diese Waffen unkontrollierbar vermehrt haben.“

Laut Markus Reisner, Offizier beim österreichischen Bundesheer und Militärexperte, dürfte der KI-Drohnenangriff in Saporischschja nicht der erste gewesen sein. Gegenüber der österreichischen Tageszeitung Kurier sagt er: „Autonom agierende Drohnen sind mittlerweile Teil des Kriegsbilds in der Ukraine“. (Quellen: New York Times/AFP/Kurier/Center for Strategic and International Studies) (sischr)