Diese 5 Sommer-Romane entführen einen in ein Land, das es längst nicht mehr gibt

Unsere Autorin Marlen Hobrack empfiehlt fünf ostdeutsche Bücher, die man diesen Sommer lesen sollte. Sie erzählen von Republikflucht, vom Leben in der Provinz – und einem tot geglaubten Kind, das plötzlich vor der Tür seines Vaters steht

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Diese 5 Sommer-Romane entführen einen in ein Land, das es längst nicht mehr gibt

Unsere Autorin Marlen Hobrack empfiehlt fünf ostdeutsche Bücher, die man diesen Sommer lesen sollte. Sie erzählen von Republikflucht, vom Leben in der Provinz – und einem tot geglaubten Kind, das plötzlich vor der Tür seines Vaters steht

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27.07.2026

Das Bild zeigt ein junges Paar, das im Sommer 1965 auf einer Wiese in Berlin sitzt und gemeinsam in einem aufgeschlagenen Buch liest. Die junge Frau, mit kurzem dunklem Haar und einem gemusterten Rock, sitzt eng an ihren Begleiter gelehnt, der einen Arm um sie gelegt hat, während beide gemeinsam das Buch in ihren Händen halten. Im Hintergrund sind Gras, Blumen und eine Holzwand zu erkennen. Die Schwarz-Weiß-Aufnahme stammt aus dem DDR-Bildarchiv und wurde am 29. Juni 1965 von Manfred Uhlenhut fotografiert.

Da war die DDR noch nicht Geschichte: Ein verliebtes Paar liest 1965 gemeinsam ein Buch auf einer Wiese in Ost-Berlin

Foto: Manfred Uhlenhut/Picture Alliance

Republikflucht, umgesiedelte Dörfer, totgeglaubte Kinder, Bandgründungen in Chemnitz: Fünf Romane erzählen in ganz unterschiedlichen Geschichten aus dem Osten. Und doch eint sie eines: Sie alle widersetzen sich der immer gleichen Erzählung vom Niedergang.

Charlotte Gneuß: Gittersee (2023)

Charlotte Gneuß‘ mehrfach preisgekrönter Debütroman nimmt sich aus der Perspektive der Nachgeborenen der Frage von Schuld und Unschuld in einem totalitären System an. Die sechzehnjährige Karin lebt im Dresdner Vorort Gittersee. Ihre Familienmitglieder trauern den alten Zeiten hinterher oder sehnen sich nach neuen. Wie jede richtige Sechzehnjährige ist Karin verliebt und zwar in ihren Freund Paul. Doch dessen Republikflucht ruft den Staatsapparat auf den Plan und Karin sieht sich mit Macht und Manipulation konfrontiert.

Was obsiegt am Ende: Loyalität, Treue, Selbstschutz? Die Leser konfrontiert das mit der Frage, wie man selbst handeln würde in solch einer Situation. Gneuß erzählt eindrücklich von Enge und Zwang, dem Wunsch nach Freiheit und Aufbruch, und was all das vor allem für die jüngere DDR-Generation bedeutete. Jene Generation also, die nicht in das nationalsozialistische Erbe verstrickt war, aber auch nicht mehr an die Zukunftsversprechen des Sozialismus glauben konnte.

Lukas Rietzschel: Sanditz (2026)

In seinem neuesten Roman erzählt der Star unter den jüngeren ostdeutschen Autoren eine etwas andere Nachwendegeschichte: Im (fiktiven) Ort Sanditz sind Familie Wenzel und Kleinstadttradition eng verwoben. Die im protestantischen Milieu verwurzelte Familie lebt buchstäblich am Rande eines Tagebaus, ein Großteil der Stadt wurde umgesiedelt. Wer bleibt, wer geht, wer beginnt von vorne?

Anstelle von Kleinstadttristesse oder dem braunen Sumpf im Osten erzählt Rietzschel von familiärem Rückhalt, davon, wie Gemeinschaften stabil bleiben. Sanditz ist ein Gegenentwurf zur üblichen Niedergangserzählung des Ostens. Zwischen Carports und Discountern lodert noch ein kleines Feuer des Zusammenhalts.

Rietzschel ist ein souveräner Erzähler, der seine Leser auf hohem Niveau unterhält. Dass er seinen Roman dazu in die Lausitzer Märchentradition einbettet, indem er dem Müllerburschen aus der Krabat-Sage einen Auftritt gewährt, das erhöht noch den Charme dieser Geschichte.

Matthias Jügler: Maifliegenzeit (2024)

Katrin und Hans sind ein junges Leipziger Paar, das sich auf die Geburt seines ersten Kindes freut. Doch dann bricht ihre Welt zusammen: Das Kind wird tot geboren. Das jedenfalls erzählen die Ärzte dem jungen Paar. Katrin glaubt nicht an den Tod ihres Kindes; Zeit ihres Lebens will sie die Lügen des Systems durchschauen. Darüber zerbricht die Liebe des Paares und Katrin stirbt, ohne die Wahrheit erfahren zu haben: Ihr Sohn lebt und steht eines Tages auf der Türschwelle des Vaters.

In der Konfrontation mit seinem Sohn muss Hans seine Lebenslügen und sein Versagen als Partner (der Katrin nicht geglaubt hat) aufarbeiten. Wie kann man zwanzig verlorene Jahre aufholen? Jügler hat ein eindringliches Buch über die Verstrickung von persönlicher Biografie und System geschrieben.

Ein psychologisch eindrucksvolles Porträt eines gescheiterten Mannes, der versucht, die Beziehung zu seinem Sohn zu kitten. Obendrein thematisiert Jügler ein reales Unrecht, das der DDR-Staat seinen Bürgern angetan hat.

Paula Irmschler: Superbusen (2020)

Paula Irmschlers Roman-Debüt ist schon einige Jahre alt, aber immer noch – und wieder – lesenswert, weil es sich erlaubt, eine andere Geschichte des Ostens zu erzählen: als Raum, der nicht für Niedergang, sondern für neue Möglichkeiten steht. Gisela zieht zum Studieren nach Chemnitz. Wo in den Augen der anderen nur Tristesse und Abstieg lauern, da sieht sie Aufbruch. Im Osten locken günstige Mieten, es gilt aber, Kultur und Demokratie zu verteidigen. Gisela gründet mit ihren Freunden eine Band: Superbusen.

Sie demonstrieren, sie musizieren, sie machen, was junge Menschen eben tun. Manchmal sitzen sie herum. Auch okay. Erwachsenwerden kann manchmal auch einfach Abwarten sein. Irmschlers Buch erzählt mit viel Witz und Augenzwinkern davon, wie die Gegenwart sein könnte, wenn man nicht länger die Vergangenheit betrauern, sondern in die Zukunft aufbrechen würde. Sie erzählt obendrein von prekärer Herkunft, von dem Versprechen, sich aus den Verhältnissen zu lösen.

Sabine Rennefanz: Kosakenberg (2024)

Kathleen lebt als erfolgreiche Grafik-Designerin in London. Wo sie herkommt, das verdrängt sie lieber. Aber die Vergangenheit lässt sie nicht los und auch nicht ihre Heimat: das brandenburgische Kosakenberg. Der Roman erzählt, wie Kathleen über fünfzehn Jahre hinweg zehnmal in die alte Heimat zurückkehrt. Dort verändert sich nichts, während in ihrem Leben ständig Neues passiert. Das Interesse ihrer Mutter daran ist jedoch gering.

Melancholie durchweht diesen Roman, der einen Ort zeigt, dessen Perspektive immer schon verzerrt war: So flach ist das Land, dass der einzige Hügel weit und breit zu einem Berg erhoben wurde, eben Kosakenberg. Hier geschah, was in vielen Provinzorten im Osten geschah: Die Frauen verließen ihre Heimat auf der Suche nach Zukunft. Und jene, die blieben – vor allem die Männer – schauen verbittert auf die Gegenwart. Wie sich Herkunft verändert, wenn man eine Weggezogene ist, und wie man sich dabei selbst fremd wird, das schildert Rennefanz eindrucksvoll.