US-Zölle steigen – die EU kommt besser davon, die Schweizer Wirtschaft protestiert
Die USA erhöhen den Zoll für Schweizer Exporte von 10 auf 12,5 Prozent. Ein Zollschock bleibt der Wirtschaft erspart, doch die EU kommt mit tieferen Zöllen davon. Die Wirtschaftsverbände kritisieren den Entscheid der USA lautstark.
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Die neuen US-Zölle bevorteilen die EU gegenüber der Schweiz – die Wirtschaft protestiert
Die USA erhöhen den Zoll für Schweizer Exporte von 10 auf 12,5 Prozent. Ein Zollschock bleibt der Wirtschaft erspart, doch die EU kommt mit tieferen Zöllen davon. Die Wirtschaftsverbände kritisieren den Entscheid der USA lautstark.
Jürg Meier, Ralph Goldinger
24.07.2026, 08.35 Uhr
4 Leseminuten
Aktualisiert
Der US-Handelsbeauftragte Jamieson Greer wirft der Schweiz ungenügende Massnahmen im Kampf gegen Zwangsarbeit vor.
Annabelle Gordon / Reuters
Die USA führen neue Zölle gegen die Schweiz ein. Auf der juristischen Grundlage von Section 301 des amerikanischen Handelsgesetzes von 1974 gilt für Schweizer Waren ab dem heutigen Freitag ein pauschaler Zollsatz von 12,5 Prozent – mit Ausnahme etwa von Pharmaprodukten oder Rohstoffen. Dieser ersetzt einen Übergangszoll von 10 Prozent. Begründet wird der Entscheid damit, dass die Schweiz zu wenig gegen die global verbreitete Zwangsarbeit unternehme.
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Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse weist diesen Vorwurf zurück: «Es gibt keine Hinweise darauf, dass Schweizer Lieferketten genutzt würden, um Waren aus Zwangsarbeit in den US-Markt zu schleusen», heisst es in einer Medienmitteilung. In der Schweiz selbst sei Zwangsarbeit verfassungs-, zivil- und strafrechtlich verboten. Zudem habe das Land die einschlägigen Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) ratifiziert sowie die Uno-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte umgesetzt.
Fehlendes Importverbot
Den USA genügt dies nicht. Sie fordern von ihren Handelspartnern die Einführung eines Importverbots für Güter aus Zwangsarbeit. Die Schweiz kennt ein solches nicht, sondern setzt auf individuelle Sorgfaltspflichten der Unternehmen sowie präventive Massnahmen. Damit fällt sie – zusammen mit Handelspartnern der USA wie Japan, Südkorea oder Australien – in eine höhere Zollkategorie.
Besser ergeht es der EU. Sie hat ein solches Verbot Ende 2024 beschlossen und wird dadurch nur mit einem Zoll von 10 Prozent statt 12,5 Prozent belegt. Economiesuisse bezeichnet diesen Entscheid der US-Regierung als «weder nachvollziehbar noch gerechtfertigt». Er stelle eine zusätzliche Belastung für Schweizer Unternehmen auf dem wichtigen amerikanischen Markt dar und schaffe direkte Wettbewerbsnachteile gegenüber Ländern mit tieferen Zollsätzen – neben der EU etwa auch Grossbritannien.
Für viele Schweizer Wirtschaftszweige entsteht dadurch ein spürbarer Wettbewerbsnachteil, etwa für die heimische Hightech- und Maschinenindustrie. Sie steht bei Werkzeugmaschinen, Präzisionsinstrumenten und Automation im Konkurrenzkampf mit Herstellern aus Deutschland, Italien oder Österreich.
Jeder zusätzliche Prozentpunkt an Zöllen macht Schweizer Produkte teurer und erhöht das Risiko, dass amerikanische Kunden zur billigeren Konkurrenz aus der EU wechseln. Economiesuisse fordert deshalb Verhandlungen, um «die Benachteiligung gegenüber der EU und weiteren Mitbewerbern zu beseitigen».
Noch deutlicher wird Swissmem, der Verband der Industriebranche. «Der Vorwurf ist absurd», sagt Jean-Philippe Kohl, Leiter Wirtschaftspolitik bei Swissmem, mit Blick auf die Begründung aus Washington. Die Vorprodukte der Schweizer Industrie stammten in der Regel aus der Schweiz oder der EU – Regionen, die keine Probleme mit Zwangsarbeit kennen.
Als einzigen positiven Punkt hebt Economiesuisse hervor, dass sich die USA in ihrem neuesten Beschluss zumindest an das im vergangenen November vereinbarte Joint Statement halten. Diese Vereinbarung deckelt die Zölle für die meisten Schweizer Exportgüter bei maximal 15 Prozent.
Im Gegenzug sagten hiesige Firmen Direktinvestitionen in den USA von 200 Milliarden Dollar zu. Zudem strich Bern Zölle auf Agrargüter der USA und gewährte Kontingente für amerikanisches Fleisch. Laut Economiesuisse hat die Schweiz zentrale Elemente der Abmachung bereits umgesetzt.
Swissmem nimmt nun die Schweizer Politik in die Pflicht, um die durch die neuen Zölle auf dem amerikanischen Markt entstandenen Nachteile auszugleichen. Der Verband fordert bessere Standortbedingungen im Inland – darunter die rasche Inkraftsetzung neuer Freihandelsabkommen etwa mit den Mercosur-Staaten und Malaysia sowie ein Update des Abkommens mit China. Zudem würde ein gezielter Bürokratieabbau die Unternehmen spürbar entlasten.
Ähnliche Forderungen stellt Swiss Medtech, der Branchenverband der Schweizer Medizintechnik. Es brauche jetzt einen gezielten Bürokratieabbau und eine Entlastung der Branche – «und nicht neue Kosten durch zusätzliche Regulierungen wie die geplanten Aufsichtsabgaben auf Medizinprodukte», sagt der Direktor Adrian Hunn.
Weitere Zölle sind möglich
Mit dem Zollsatz von 12,5 Prozent ist ein neuer Zollhammer wie im Sommer des letzten Jahres vorerst zwar abgewendet worden. Damals belegte der US-Präsident Donald Trump die Schweiz überraschend mit Zöllen von 39 Prozent.
Doch der neue Zollsatz ist nicht in Stein gemeisselt. Während das Büro des US-Handelsbeauftragten seinen ersten Bericht zum Thema Zwangsarbeit bereits veröffentlicht hat, arbeitet es im Hintergrund noch an einer zweiten Untersuchung.
Darin wirft Washington sechzehn wichtigen Handelspartnern – darunter die Schweiz, die EU, China und Japan – die künstliche Schaffung von industriellen Überkapazitäten vor. Die Staaten würden durch Subventionen und Staatshilfen gezielt Industriezweige aufbauen, die dann der amerikanischen Industrie unfaire Konkurrenz machen.
Der US-Handelsbeauftragte Jamieson Greer betonte gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg, dass diese zweite Untersuchung mehr Zeit benötige, da man sich strikt an die gesetzlichen Vorgaben und Anhörungsfristen halten wolle. Damit bleibt das schlimmste Szenario für die hiesige Wirtschaft bestehen: Sollte die US-Regierung im künftigen Bericht Verfehlungen der Schweiz feststellen, könnten die USA zusätzliche Zölle verhängen, die auf die heutigen 12,5 Prozent draufgeschlagen würden.
Laut Economiesuisse ist es nun entscheidend, dass aus der laufenden Untersuchung zu angeblichen Überkapazitäten in der industriellen Produktion keine zusätzlichen Zollbelastungen entstehen. Der Wirtschaftsdachverband fordert darum weitere Verhandlungen mit den USA. Ziel müsse bleiben, «weitere handelspolitische Unsicherheiten zu verhindern».
Gemeint ist damit die Überführung des rechtlich nicht bindenden Joint Statement vom letzten November in ein echtes Handelsabkommen. Ein solcher Staatsvertrag «würde der Schweizer Industrie bei ihren Geschäften mit den USA endlich wieder etwas mehr Sicherheit und Stabilität bringen», sagt Jean-Philippe Kohl von Swissmem. Dies, weil es einen besseren Schutz vor neuen Zöllen des unberechenbar agierenden Weissen Hauses bedeuten könnte.
Ein Abkommen hätte gemäss Swissmem aber möglicherweise noch einen weiteren Vorteil. In diesem könnte auch festgelegt werden, dass die Schweiz gegenüber der EU nicht benachteiligt wird.
Auch aus Sicht von Swiss Medtech macht die laufende Untersuchung zu möglichen industriellen Überkapazitäten ein rechtsverbindliches Abkommen besonders wichtig. Hilfreich für die Verhandlungen wäre laut dem Direktor Adrian Hunn die rasche Anerkennung von in den USA zugelassenen Medtech-Produkten in der Schweiz.
Das Parlament habe dem Bundesrat bereits im November 2022 einen entsprechenden Auftrag gegeben. Von einer solchen Anerkennung würden nicht nur die Patientinnen und Patienten in der Schweiz profitieren, wie Hunn sagt. «Gleichzeitig würde eine solche Massnahme die Verhandlungen der Schweiz mit den USA unterstützen.»
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