Darmstadt zeigt Designgeschichte in Gegenständen
Es könnte auch am fortschreitenden Alter liegen. Daran, dass man sich an die Sechziger- bis Neunzigerjahre erinnert. An das Rührfix etwa, seinerzeit aus Glas und Bakelit, mit dem die Großmutter die Sahne schlug...
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Es könnte auch am fortschreitenden Alter liegen. Daran, dass man sich an die Sechziger- bis Neunzigerjahre erinnert. An das Rührfix etwa, seinerzeit aus Glas und Bakelit, mit dem die Großmutter die Sahne schlug. An den bunt geringelten, von Otl Aicher und Elena Winschermann entworfenen Dackel „Waldi“, der das Maskottchen der Olympischen Spiele in München war. Und keineswegs zuletzt an Philippe Starcks „Juicy Salif“, die in keinem Haushalt fehlen durfte, der auch nur ein wenig Wert auf gestalterische Extravaganz legte.
Mit allen Vor- und Nachteilen. Immerhin war es der weltberühmte Designer höchstpersönlich, der von „Juicy Salif“ trocken konstatierte, sie sei in mancher Hinsicht durchaus gut gelungen. Nur eines sei das von Alessi produzierte Küchenaccessoire ganz sicher nicht: eine gute Zitronenpresse. Kurzum, man kennt sich sogleich aus in dieser wunderbaren Ausstellung, mit der sich nun auch das Darmstädter Institut für neue technische Form (INTeF) an der World Design Capital Frankfurt Rhein-Main beteiligt. Und dankenswerterweise dezidiert gestalterische Akzente setzt bei einem Festival, das vieles zu bieten hat, „nur kaum Design“, wie Ute Schauer sagt.
Weshalb sich das 1952 im Kontext der Darmstädter Gespräche gegründete INTeF, dessen Geschäftsführerin die Darmstädter Architektin ist, sich mit den „Designgeschichte(n) in Gegenständen“ ganz auf die eigene Sammlung konzentriert. Mag sein, das eine oder andere Produkt aus der eigenen Kindheit wird man vielleicht doch vermissen. War die Auswahl angesichts des nachgerade legendären, mehr als 30.000 Objekte umfassenden Reichtums der INTeF-Sammlung mit Besteck und Telefonen, Vasen, Gläsern, Korkenziehern, Stühlen, Toastern und Kaffeemaschinen, Fernsehern und Radioweckern doch alles andere als leicht. Im Wesentlichen chronologisch aufgebaut aber, führt die Schau keineswegs nur bekannte Klassiker der Designgeschichte aus mehr als 70 Jahren vor.
In Darmstadt wird zur World Design Capital wirklich Design gezeigt
Sondern auch ein wenig in Vergessenheit geratene Entwürfe großer Gestalter wie Dieter Rams’ modulartige Terrassenmöbel oder Egon Eiermanns Windlicht, das der Architekt für die Brüsseler Weltausstellung entworfen hat, wo er mit Sep Ruf den deutschen Pavillon gestaltete. Die Tapeten auch, die Künstler wie Niki de Saint Phalle, Jean Tinguely oder auch Otmar Alt für einen Marburger Hersteller entworfen haben – und die es 1972 gar zu Documenta-Ehren brachten, und, und, und. „Uns war es wichtig, dass die Dinge selbst eine Geschichte erzählen“, erläutert Ute Schauer das kuratorische Konzept. Und die Geschichten der immer wieder staunenden Besucher.

Wie das gelingt, ist auch dramaturgisch ganz wunderbar gemacht. Nicht nur führt die Schau immer wieder in den eigenen Alltag respektive die Erinnerung daran. An das schwarze Telefon aus Bakelit, die elektrische Schreibmaschine, das erste Handy vielleicht oder den einst auch in deutschen Haushalten verbreiteten Nachttopf von Luigi Colani. Manche Objekte wie die Ende der Fünfzigerjahre zunächst auf den amerikanischen Markt gekommene Barbie – heute als exemplarisch angesehen für ein wenigstens fragwürdiges Frauenbild – erzählen die „Designgeschichte(n)“ im Kontext ihrer Entstehung noch einmal überraschend neu.
Und keineswegs zuletzt führt die Präsentation auch allerlei Entwürfe wie Philippe Starcks von dem Kritiker, Sammler und Publizisten Jörg Stürzebecher als „Design für Bakterien“ verspottete Zahnbürste „Toothbrush“ gnadenlos vor. Das ist über die pure Freude an der Schönheit der Dinge hinaus immer wieder höchst erfrischend. Und führt am Ende doch zu einem überraschenden, von Schauer als verantwortlicher Kuratorin kaum zufällig gesetzten Schluss: Wenn die Ausstellung, die mit einer Reverenz zur Gründungspräsentation des INTeF einsetzt, nach den postmodernen, für den Gebrauch indes nur mäßig geeigneten Spielereien Starcks, von Aldo Rossi oder Alessandro Mendini mit den puristischen Entwürfen Jasper Morrisons ausklingt.
Das Weinglas, der Plywood Chair, die Kaffeetasse oder die Türgriffe des Londoner Designers sind hinsichtlich der in höchstem Maße schlichten Eleganz schwerlich zu überbieten. Und stehen doch exemplarisch für eine gelungene Produktgestaltung, wie es der mit seinen Entwürfen für Braun berühmt gewordene Dieter Rams einst in seinen „Zehn Thesen“ niederlegte. Gutes Design, heißt es da etwa, sei innovativ, mache ein Produkt brauchbar und verständlich, sei unaufdringlich, langlebig und konsequent bis ins letzte Detail. Vor allem aber sei es: „so wenig Design wie möglich“.
„Das INTeF - Designgeschichte(n) in Gegenständen“. Institut für Neue Technische Form, Friedensplatz 11, Darmstadt. Bis 20. September dienstags bis samstags von 11 bis 17 Uhr, sonntags von 11 bis 14 Uhr geöffnet.