Der Teppich von Bayeux kommt nach London
Die Ausstellung des Teppichs von Bayeux im British Museum wird auf der Insel heiß erwartet. Das mittelalterliche Kunstwerk gilt vielen als Symbol britischer Identität. Hier alles, was man dazu wissen muss.
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Zunächst eine Klarstellung: Eigentlich handelt es sich gar nicht um einen Teppich, denn Teppiche werden gewebt, und dieses Kunstwerk ist eine Stickerei auf Leinen. Aber sie wird trotzdem allgemein als Teppich bezeichnet. Er zeigt in einer etwa 70 Meter langen Bildgeschichte die Ereignisse rund um die normannische Eroberung Englands im Jahr 1066, die in der Schlacht von Hastings und dem Sieg Wilhelms des Eroberers über Harold II. gipfeln.
Vermutlich gab der Bischof von Bayeux, ein Halbbruder Wilhelms, der bei der Schlacht dabei war, den Teppich zur Eröffnung seiner Kathedrale im Jahr 1070 bei Stickerinnen in Südengland in Auftrag. Angelsächsische Stickerinnen waren damals für ihre Künste in ganz Europa berühmt. Danach kam das Werk nach Frankreich und blieb dort beinahe tausend Jahre lang - bis jetzt.
Warum ist der Teppich von Bayeux so wichtig?
Der Teppich von Bayeux gilt als eines der bedeutendsten Bilddenkmäler des Hochmittelalters. Viele Forschende verstehen ihn als ein Stück kunstvoll gefertigte Propaganda, das den Menschen damals den Sieg Wilhelms des Eroberers zeigte und erklärte. Seine - wissenschaftlich umstrittene - Botschaft: Harold Godwinson, damals noch der Earl von Wessex, hatte einen heiligen Eid auf Reliquien geschworen, Wilhelms Anspruch auf den englischen Thron zu unterstützen. Diesen Eid brach er, als er sich selbst zum König krönen ließ. Der Krieg wird somit als seine gerechte Strafe dargestellt. Dass Harold den Eid wohl nicht aus freien Stücken geleistet hatte, spielt dabei keine Rolle.

Die Stickerei ist Teil des UNESCO-Weltdokumentenerbes und wird heute aufgrund ihrer 58 Bildepisoden oft als ältester Comic der Welt bezeichnet. Begleitet von lateinischen Texten zeigt die Bildergeschichte das Grauen des Krieges - mit allem, was dazugehört: Gemetzel, rollende Köpfe, der Tod eines Königs. Doch für die Wissenschaft ist sie auch ein wertvolles Dokument ihrer Zeit: Der Teppich illustriert detailliert Schiffsbau und militärische Ausrüstung, aber auch das alltägliche mittelalterliche Leben - und sogar den Halley'schen Kometen, der 1066 am Himmel zu sehen war und in der Bildergeschichte von den Angelsachsen als schlechtes Omen gedeutet wurde.
Wieso kämpfte Großbritannien jahrzehntelang um die Leihgabe?
Die Normannische Eroberung hat England radikal verändert: Politik, Gesetze, Kultur - alles stand ab sofort unter dem Einfluss der normannischen Herrschaft. Der Teppich von Bayeux ist Zeugnis dieses Ereignisses; gleichzeitig ist er ein herausragendes Stück englischer Kunstfertigkeit im Mittelalter und gilt deshalb vielen Briten als eines der wichtigsten Symbole britischer Identität, ähnlich wie die Werke Shakespeares oder Stonehenge.
Großbritannien hatte schon zur Krönung Elizabeths II. 1953 versucht, den Teppich auszuleihen, ebenso wie zu verschiedenen historischen Anlässen danach, doch Frankreich hatte stets abgelehnt. Zu empfindlich sei das Artefakt, zu riskant eine Reise. Schließlich gab Präsident Emmanuel Macron im vergangenen Jahr grünes Licht für eine Ausstellung im British Museum - und setzte sich damit über alle Bedenken seiner Experten hinweg.
Im vergangenen September wurde der Teppich in einer höchst aufwendigen, sechsstündigen Prozedur im Musée de la Tapisserie de Bayeux in der Normandie abgehängt, verpackt und zunächst eingelagert. Am 9. Juli kam er schließlich per Geheimtransport in London an: eingeschlossen in einem Hightech-Container, der bei konstanter Temperatur und Luftfeuchtigkeit alle Vibrationen abschirmte. Die britische Regierung hat das Kunstwerk zudem mit 800 Millionen Pfund (rund 932 Millionen Euro) versichert.

Wo gibt es Tickets?
Den Ticketverkauf hat das British Museum in drei Phasen unterteilt. Die erste, für die Monate September bis Dezember, startete am 01. Juli. Alle Tickets waren im Handumdrehen vergriffen, bis zu 80.000 Menschen versuchten gleichzeitig, einen Slot zu ergattern. Viele mussten bis zu neun Stunden darauf warten. Für alle, die leer ausgegangen sind, gibt es bald eine neue Chance: Am 21. Oktober kommen die Tickets für Januar bis März in den Verkauf, im Januar für April bis Juli.
Die Ausstellung wird als "once-in-a-generation", etwa "einmal im Leben"-Ereignis vermarktet; ein umfangreiches Bildungsprogramm soll die Schulen im ganzen Land einbeziehen. Das British Museum ist optimistisch, mit dem Teppich von Bayeux einen hauseigenen Besucherrekord aufzustellen. Bisheriger Spitzenreiter: "Die Schätze des Tutanchamun”, die 1972 knapp 1,7 Millionen Menschen sehen wollten.
Kein Ticket? Hier ist eine Alternative
Wer jetzt neugierig geworden ist, aber kein Ticket hat, muss sich entweder gedulden, bis der Teppich wieder ins (in der Zwischenzeit renovierte) Musée de la Tapisserie de Bayeux zurückkehrt - oder sollte nach Reading fahren, knapp zwei Stunden westlich von London. Dort ist eine originalgetreue Kopie des Wandteppichs zu sehen, die immerhin auch schon 140 Jahre alt ist.
Schon damals war der Wunsch in England groß, dieses Kunstwerk im eigenen Land zu haben. Und so machten sich 35 Stickerinnen 1885 für rund ein Jahr an die Arbeit. Als Vorlage dienten den Frauen kolorierte Fotografien, die es ihnen ermöglichten, den Teppich 1:1 nachzubilden. Nur ein pikantes Detail änderten sie: Auf der Originalbordüre sind einige Figuren nackt und in anzüglichen Posen dargestellt. Für das viktorianische England offenbar zu offenherzig: Eine Figur war auf dem entsprechenden Foto retuschiert worden - was die Stickerinnen genauso übernahmen. Sie trägt deshalb eine Unterhose.