Der heimliche Mega-Deal: Wie Washington mitten im Iran-Krieg Russland ein Ölfeld entzieht
Als die Amerikaner zuletzt aus dem irakischen Öl ausstiegen, gratulierte Bagdad den Chinesen. ExxonMobil gab Anfang 2024 das Feld West Qurna-1 bei Basra auf, PetroChina übernahm. Iraks stellvertretender Ölminis...
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Als die Amerikaner zuletzt aus dem irakischen Öl ausstiegen, gratulierte Bagdad den Chinesen. ExxonMobil gab Anfang 2024 das Feld West Qurna-1 bei Basra auf, PetroChina übernahm. Iraks stellvertretender Ölminister verabschiedete den einen Konzern und beglückwünschte den anderen im selben Atemzug.
Jetzt dreht sich die Tür in die andere Richtung. Auf dem Nachbarfeld West Qurna-2 saß der russische Konzern Lukoil. Es war sein größtes Projekt im Ausland. Dann verhängte Washington Sanktionen. Lukoil verlor das Feld, der irakische Staat übernahm es, und seit Februar verhandelt der amerikanische Konzern Chevron über den Einstieg.
Man muss keine Lagekarten lesen, um zu verstehen, wie der Krieg gegen Iran den Nahen Osten verändert. Es reicht, zu sehen, wer in Basra ankommt und wer geht.
Wie Chevron an das Feld kam
Der Weg dorthin führte über das US-Finanzministerium. Im Oktober 2025 sanktionierten die USA und Großbritannien die russischen Konzerne Rosneft und Lukoil. Lukoil wollte daraufhin sein Auslandsvermögen an den Schweizer Händler Gunvor verkaufen, doch Washington verweigerte die Lizenz und verwies auf angebliche Verbindungen des Käufers nach Moskau. Wenige Tage später stellte Bagdad alle Zahlungen an Lukoil ein. Nach Angaben von Reuters wurden rund 500 Millionen Dollar eingefroren. Anfang November erklärte der Konzern höhere Gewalt.
Im Januar übertrug das irakische Kabinett die Betriebsführung der staatlichen Basra Oil Company. Im Februar unterzeichnete Chevron im Präsidentenpalast in Bagdad eine Grundsatzvereinbarung mit exklusivem Verhandlungsrahmen, im Beisein von Tom Barrack, dem US-Botschafter in Ankara. Nach Berichten mehrerer Fachdienste hatte Washington von Beginn an einen Verkauf an ein amerikanisches Unternehmen bevorzugt. Es war keine Übernahme, sondern eine Zuteilung.
Vergangene Woche warb Iraks Ministerpräsident Ali al-Zaidi in der Handelskammer der Vereinigten Staaten um Investoren. Jeder mit einem Projekt könne kommen, niemandem werde es schwer gemacht. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters kamen an diesem Tag Vorvereinbarungen im Wert von mehr als 60 Milliarden Dollar zusammen. Drei Tage zuvor hatte al-Zaidi neben US-Präsident Donald Trump im Oval Office gesessen.
West Qurna-2 zählt mit rund 14 Milliarden Barrel förderbaren Reserven zu den größten Feldern der Welt und lieferte zuletzt etwa 460.000 Barrel am Tag, fast ein Zehntel der irakischen Förderung. Bagdad hofft auf bis zu 800.000 Barrel. Bindend ist bislang nichts. Ein leitender Chevron-Manager stellte im Gespräch mit Bloomberg klar, dass technische Studien ausstünden und kommerzielle Bedingungen weit entfernt lägen.
Amerika nimmt sich nicht das irakische Öl. Ein amerikanischer Konzern übernimmt, was ein russischer durch amerikanische Sanktionen verlor, während amerikanische Bomben auf den Nachbarn fallen.
Der russische Konzern Lukoil verlor nach US-Sanktionen sein größtes Auslandsprojekt im Süden des Irak.
© imago stock&people
Neu ist das nicht. Amerikanische Konzerne hielten von 1928 an knapp ein Viertel der Iraq Petroleum Company, dahinter standen die Vorläufer von Exxon und Mobil. Washington hatte London während des britischen Mandats zur Politik der offenen Tür gedrängt. Im Jahr 1972 verstaatlichte Bagdad seine Ölindustrie. Chevron war nie dabei, der Konzern ging damals nach Bahrain und Saudi-Arabien. Für ihn ist Basra also keine Rückkehr, sondern ein Beginn.
Die tote Leitung
Der zweite Teil des Pakets liegt seit 23 Jahren im Sand. 891 Kilometer Stahl, von Kirkuk quer durch Syrien bis zum Mittelmeerhafen Baniyas, gebaut 1952. Beim amerikanischen Einmarsch 2003 wurde die Leitung zerstört. Seither transportiert sie nichts.
Was durch sie fließen soll, rollt längst über die Straße. Seit dem Frühjahr fahren irakische Tanklastzüge nach Syrien und weiter an die Küste. Nach Angaben von Bloomberg schafften sie im vergangenen Monat mehr als 600.000 Tonnen Schweröl außer Landes, eine Fahrt dauert etwa vier Tage. Syrien führte vor dem Krieg keinen Tropfen dieses Brennstoffs aus und stellt inzwischen mehr als ein Viertel der Menge, die der gesamte Nahe Osten exportiert. Ziel der Kolonnen ist Baniyas, genau der Hafen, an dem die Pipeline enden soll.
Wegen Hormus-Krise: Irakische Tanklastzüge auf dem Weg zur syrischen Mittelmeerküste.
© Izz Aldien Alqasem/Imago
Der Irak und Syrien vereinbarten in Washington die Sanierung des Abschnitts von Haditha nach Baniyas. Nach Angaben des US-Außenministeriums soll die anfängliche Kapazität bei zwei Millionen Barrel am Tag liegen, die Kosten werden auf mehr als 4,5 Milliarden Dollar geschätzt. Beteiligt sind Chevron, das katarische Unternehmen UCC Holding und der amerikanische Investor TI Capital. Barrack sagte, das Programm werde die Straße von Hormus zu einer Nebensache machen.
Der Hebel heißt Dollar
Iraks neue Offenheit hat wenig mit Investitionsklima zu tun. Vor dem Krieg förderte das Land gut vier Millionen Barrel am Tag und verschiffte rund 94 Prozent seiner Ausfuhr über Basra und die Straße von Hormus. Auf dem Tiefpunkt sank die Förderung unter 1,3 Millionen Barrel. Im Juni lag sie nach Erhebungen des Fachdienstes Iraq Oil Report wieder bei etwa zwei Millionen. Die Ausfuhren bezahlen die Gehälter von rund vier Millionen Staatsbediensteten.
Dazu kommt ein Instrument, das Washington seit zwei Jahrzehnten hält. Iraks Öleinnahmen liegen bei der Federal Reserve Bank of New York, Dollarnoten werden physisch nach Bagdad geflogen. Im April stellten die USA die Lieferungen ein. Im Juni verfügte al-Zaidi, dass die iranisch gestützten Milizen ihre Waffen abgeben und sich bis zum 30. September in den Staatsapparat eingliedern sollen. Im Juli flogen die Dollar wieder.
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Infrastruktur unter Beschuss aus eigenem Land
Dieselbe Infrastruktur, in die Chevron investieren soll, wird seit Monaten angegriffen. Nach Recherchen des Guardian stammen die Drohnenangriffe auf die Anlagen bei Basra überwiegend nicht aus dem Iran, sondern von Fraktionen des Islamischen Widerstands im Irak. Getroffen wurden ein von BP betriebenes Feld sowie Büros von Halliburton und KBR. Ein hoher Beamter des Ölministeriums nannte das im Gespräch mit dem Guardian Verrat.
Geopolitik
Ausweitung der Kampfzone: Krieg im Nahen Osten eskaliert
Die harten Fraktionen haben die Entwaffnung abgelehnt. Ihre Waffen seien heilig, erklärten sie. Ein Sicherheitsbeamter beschrieb dem Guardian eine Armee, in der Kommandoposten gegen Zahlungen vergeben würden. Wer fünf Millionen Dollar für ein Kommando zahle, dessen Priorität sei der Schutz dieser Investition.
Was das für Europa bedeutet
Öl aus Baniyas erreicht europäische Raffinerien ohne Hormus, ohne Sueskanal und ohne die Kriegsrisikoprämien, die den Seetransport seit Monaten verteuern. Das ist der eine Punkt. Der andere ist unbequemer. Washington verteilt gerade Zugänge, die auf Jahrzehnte angelegt sind. BP und TotalEnergies sind im Irak, aber ohne vergleichbare politische Rückendeckung. Eine europäische Position zu der neuen Route gibt es bislang nicht.
Ein alter Mann an der Uferpromenade von Basra brachte das Dilemma seines Landes im Gespräch mit dem Guardian auf eine Formel. Amerika werde den Irak nicht fallen lassen. Zugleich sei es die Pflicht der Iraker, Iran zu unterstützen.
Der Irak lebt von zwei Gegnern gleichzeitig. Die Verträge aus Washington ändern daran nichts. Sie machen es nur sichtbarer.
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